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Görlitzer Streit um Namen für Kirchplatz

Erst seit Kurzem ist das Gelände neben dem Postplatz ein Platz. OB Ursu will ihn in "Platz der Friedlichen Revolution" benennen. Doch er erhält Gegenwind.

Um diesen Platz im Herzen der Stadt geht es bei der Namensdiskussion in Görlitz.
Um diesen Platz im Herzen der Stadt geht es bei der Namensdiskussion in Görlitz. © Nikolai Schmidt

Im Schatten der Linde sitzen häufig Görlitzer und ihre Gäste, halten inne im Trubel der Stadt. Noch nicht lange können sie auf den Sitzbänken Platz nehmen. Erst mit der Neugestaltung des Postplatzes hat die Stadt auch den Platz an der Frauenkirche gestaltet. Kirchplatz hat sich als Name für ihn eingebürgert. Offiziell ist der aber nicht.

Das soll nicht nun ändern. Oberbürgermeister Octavian Ursu würde das Areal, das von Frauenkirche, Post, Kaufhaus Eduard Schulze und dem City-Center eingerahmt wird, umbenennen. In "Platz der Friedlichen Revolution". Im ersten Anlauf aber ist er mit seinem Vorschlag auf ungewöhnlich viele Zweifel und Skepsis im Stadtrat gestoßen, weswegen er in diesen Tagen in den Ausschüssen des Rates das Thema nochmals diskutieren und vielleicht Ende des Monats dem Stadtrat erneut zum Beschluss vorlegen will. Ursus Ziel: anlässlich 30 Jahre Einheit im Herbst soll der Platzname an die Friedensgebete in der benachbarten Frauenkirche erinnern, von der die Friedliche Revolution in der Stadt ihren Lauf nahm.

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Unterstützung für Ursu von Stadträten der politischen Mitte

Für den bündnisgrünen Stadtrat Joachim Schulze ist die Sache klar. "Ohne den mutigen Menschen von damals würden wir hier nicht sitzen", redete er seinen Stadtratskollegen ins Gewissen und verwies auf die Erinnerungstafel, die bereits an der Frauenkirche angebracht wurde. Auch Thomas Leder (CDU) sowie Rolf Weidle (Bürger für Görlitz) schlossen sich dem an und erklärten: "Der Name  passt sehr gut".

AfD ist strikt gegen die Platzumbenennung

Für die AfD aber ist der Platz zu unbedeutend für die Erinnerung an die Friedliche Revolution. Nach Ansicht von Stadtrat Torsten Koschinka wäre das so, als wenn man in der Kneipe zu wenig Trinkgeld gebe. Und für Stadtrat Jens Jäschke ist es nur eine "Straßenkreuzung". Zudem sei hier historisch der älteste Kirchhof der Stadt gewesen mit der ältesten Begräbniskirche der Stadt, der Frauenkirche. Und verwaltungsrechtlich sei es sowieso, wie Fraktionschef Lutz Jankus sagte, nicht nötig: Der Ort soll weiter "An der Frauenkirche" heißen.

Nun ist das mit historischen Reminiszenzen immer so eine Sache. Angesichts von fast 950 Jahren Stadtgeschichte findet man in Görlitz praktisch nie einen Ort, der ausschließlich mit einem Ereignis in Verbindung gebracht wird. Zumal in der Görlitzer Innenstadt. Wenn man Schicht um Schicht die Vergangenheit hebt, wird man auf viele Ereignisse an derselben Stelle stoßen. So ist es auch mit dem Gelände rund um die Frauenkirche, das einstmals vor den Toren der mittelalterlichen Stadt lag. 

Der Friedhof, der hier einst lag, ist längst aufgehoben, die letzten Gebeine, die bei der Sanierung des Platzes gefunden wurden, sind auf dem Städtischen Friedhof beerdigt worden. Auch ist die Frage, wann die Friedliche Revolution in Görlitz begann. Für Jens Jäschke und Wolfgang Duschek ist sie mit den Demonstrationen auf der Straße verbunden. Um die angespannte Situation im Herbst 1989 nicht weiter anzuheizen, entschlossen sich die Initiatoren der Friedensgebete aber erst Anfang November zu offiziellen Protestmärschen - da war die Berliner Mauer fast schon gefallen und die Friedensgebete fanden bereits seit vier Wochen statt. 

Zeitzeugen sind sich auch nicht einig

Doch das Bild im Stadtrat ist durchaus auch ein Spiegelbild für die Ansichten unter den  Zeitzeugen der Friedlichen Revolution. Während sich Pfarrer Albrecht Naumann und der frühere Landtagsabgeordnete Volker Bandmann für die Umbenennung des Platzes aussprechen, hält Peter Stosiek, einer der führenden Köpfe des Neuen Forums in Görlitz, das für überzogen, wie eine Umfrage der SZ ergab. 

Bleibt die Frage, ob der Friedlichen Revolution mit einer politischen Namensgebung gedient ist. Eine Frage, die der Sänger Stefan Bley im Stadtrat aufwarf. Er selbst habe damit durchaus Probleme, schon in seiner Heimatstadt Großenhain. Aber auch im Görlitzer Stadtbild versteht er nicht, warum nach der Friedlichen Revolution das Opfer des NS-Regimes, Rudolf Breitscheid, seinen Platz auf einem Namensschild an Reichskanzler Bismarck verlor. Deswegen plädiert er dafür, dass die Bürger entscheiden sollten. Vielleicht bei einer Rast unter der Linde.

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