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Görlitzer ziehen gern ins Grüne

Hunderte Familien verwirklichen ihren Traum vom Eigenheim im Umland. Der Trend ist ungebrochen.

Oliver und Julia Kupke sitzen mit ihren Kindern Arthur und Lore vor ihrem Haus in Jauernick-Buschbach. Mit dem Hausbau hat sich die Familie einen Lebenstraum erfüllt. Das Glück perfekt macht seit ein paar Wochen ein neues Familienmitglied: Hund Hans.
Oliver und Julia Kupke sitzen mit ihren Kindern Arthur und Lore vor ihrem Haus in Jauernick-Buschbach. Mit dem Hausbau hat sich die Familie einen Lebenstraum erfüllt. Das Glück perfekt macht seit ein paar Wochen ein neues Familienmitglied: Hund Hans. ©  Nikolai Schmidt

Familie Kupke erfüllte sich einen Traum: Vor drei Jahren zog sie in ihr eigenes Haus in Jauernick-Buschbach ein. Zuvor hatte die vierköpfige Familie in Görlitz gewohnt. „Wir wollten raus aus der lauten Stadt und rein in die Ruhe“, sagt Oliver Kupke. Der 38-jährige Pflegedienstleiter und seine fünf Jahre jüngere Frau Julia haben den Schritt aufs Land nicht bereut. „Unsere Arbeit ist stressig, die nötige Ruhe finden wir zu Hause“, sagt Oliver Kupke. Als 20-Jähriger hatte er das Grundstück gekauft. „Wir sind sehr naturverbunden, hier haben wir Kühe und Schafe in der Nachbarschaft, ringsum ist es grün, wir haben unseren eigenen Garten gleich am Haus. Felder, Wiesen und Wald sind nur einen Steinwurf weit entfernt“, erklärt Oliver Kupke.

So wie sich Familie Kupke ihren Traum vom Haus erfüllte, haben es sehr viele Familien in den vergangenen Jahrzehnten getan. Vor allem rund um Görlitz. Raus aus der Stadt, rein ins Landleben. Es gibt zwar keine offiziellen Statistiken, aber die Stadtflucht gilt als zweiter großer Abwanderungsgrund aus den Städten nach der Suche nach Arbeit. Der Schöpstaler Bürgermeister Bernd Kalkbrenner denkt da an Eigenheimstandorte in Ebersbach, Girbigsdorf und Kunnersdorf. Viele Görlitzer sind ins Schöpstal gezogen, andere nach Markersdorf oder Königshain. Das Muster dahinter ist klar: möglichst nah an der Stadt, aber doch im Grünen. Die vergleichsweise stabile Entwicklung auf den Dörfern ist auch auf diese Stadtflucht zurückzuführen. Und die Gemeinden sind selbstbewusst genug, mit ihren Vorteilen zu werben. „Wir haben mit drei Kitas, einer Grundschule mit Hort, künftig der Schkola, fünf Sportvereinen, drei Allgemeinmedizinern, Handwerksbetrieben und mittelständischer Industrie gute Bedingungen. Der Weg nach Görlitz zu Kliniken, Kultur und Einkaufsmärkten ist kurz“, betont der Markersdorfer Bürgermeister Thomas Knack.

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Zumal die Nachfrage nach dem Haus im Grünen unvermindert anhält. So freut sich der Königshainer Bürgermeister Siegfried Lange über etlich Bauanfragen, junge Familien aus Görlitz sind dabei. Doch es sind zunehmend auch Rückkehrer, die Interesse an Baugrundstücken haben. Beispielsweise in Markersdorf. „Die in den 1990er Jahren weggegangenen jungen Leute haben nun schulpflichtige Kinder und brauchen die Großeltern, um beruflich tätig zu sein. Da kommen ständig Familien zurück“, berichtet Thomas Knack. Sie wollen Wohneigentum schaffen, bauen neu oder nutzen Familienbesitz durch Erweiterung. Allein in Markersdorf und seinen sieben Ortsteilen entstanden in den beiden letzten Jahren 30 Eigenheime.

Doch das Angebot an Grundstücken hält kaum mit der Nachfrage mit. „Der neue Gemeinderat hat als eine der ersten Aufgaben, über einen Bebauungsplan nachzudenken“, sagt zum Beispiel Bürgermeister Bernd Kalkbrenner aus dem Schöpstal. „Eventuell müssen wir neue Flächen erschließen.“ So geht es fast allen Görlitzer Umlandgemeinden, wie die Umfrage der SZ ergab. Der Köngshainer Bürgermeister Siegfried Lange berichtet beispielsweise davon, dass Flächen durch einen Satzungsbeschluss zu Bauplätzen gewidmet wurden, wo früher nichts möglich war. In Markersdorf gehen die Überlegungen von Bürgermeister Thomas Knack in dieselbe Richtung. Auch Reichenbach denkt darüber nach, Gebäude an der Fabrikstraße abzureißen, um so rund 10 000 Quadratmeter neue Baufläche zu schaffen. Im Ortsteil Sohland am Rotstein könnte der Abriss einer ehemaligen Gaststätte Platz für einige Eigenheime machen.

Seit mehr als 20 Jahren stehen Eigenheime am Wiesenmühlweg in Jauernick-Buschbach. Fast alle Bewohner der neuen Gebäude haben vor dem Hausbau in Görlitz gewohnt.
Seit mehr als 20 Jahren stehen Eigenheime am Wiesenmühlweg in Jauernick-Buschbach. Fast alle Bewohner der neuen Gebäude haben vor dem Hausbau in Görlitz gewohnt. ©  Nikolai Schmidt

Wenn die Kommunen nicht handeln, tut sich wenig. Denn private Grundstückseigentümer verkaufen selten unbebautes Land. „Sie heben diese Grundstücke für die eigene Familie auf“, erklärt Bernd Kalkbrenner. Diese Erfahrungen hat auch Reichenbachs Bürgermeisterin Carina Dittrich gemacht. „Attraktive Grundstücke mit Häusern gehen meist innerhalb der Familien weg“, sagt sie. Und Evelin Bergmann, Bürgermeisterin in Neißeaue, beschreibt die Lage so: „Wird ein Wohnhaus leer, ist es schnell verkauft und wieder bewohnt“, sagt sie. In den vergangenen 24 Monaten zogen 67 Menschen nach Neißeaue, viele aus Görlitz. Wenn aber die Familie ausfällt, weil die Kinder anderswo in Deutschland ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben, dann stellt sich für viele ältere Einwohner eine andere Frage: Was mit dem Haus machen? In Königshain wie im Schöpstal kommt es immer öfter vor, dass Senioren Haus und Grundstück an junge Leute aus der Stadt verkaufen und selbst ins betreute Wohnen nach Görlitz umziehen – die demografische Entwicklung hilft, Bausubstanz zu erhalten.

Die Stadt Görlitz hat lange diese Entwicklung unterschätzt, weil das Stadtgebiet historisch bedingt bereits dicht bebaut ist. Es entstanden Eigenheimstandorte unter anderem am Grenzweg in Biesnitz, in Kunnerwitz und in Weinhübel, in Königshufen gibt es Pläne dafür. Vor allem aber könnte das Thema durch dauerhaftes Wohnen am Berzdorfer See neue Dynamik erhalten, beispielsweise am Hafen, wo Kommwohnen entsprechende Pläne verfolgt. Innerstädtisch sind Lückenbebauungen mit Einfamilienhäusern möglich. Wegen des Überangebots an Mehrfamilienhäusern kommen Neubauten nicht in Betracht.

Familie Kupke bereut jedenfalls nicht, nach Jauernick-Buschbach gezogen zu sein. „Für unsere beiden Kinder ist das Landleben das reinste Abenteuer. Der Zusammenhalt unter den Nachbarn ist gut, man hilft sich, trifft sich zum Grillen oder Lagerfeuer“, zählt Julia Kupke Vorteile auf. Sie überwiegen auch die wenigen Nachteile, zu denen sie zählt, dass man beim Einkauf nichts vergessen darf, denn der nächste Laden ist ein Stück weg. Ein Auto braucht man unbedingt, trotz der Anbindung des Ortes an den Busverkehr. Kupkes brauchen sogar zwei: Er arbeitet in Görlitz, sie in Bautzen. Zu ihren Ärzten fahren sie weiterhin in die Stadt, zum Einkauf auch, weil es im Ort keinen Laden gibt. „Man muss sich gut organisieren können“, unterstreichen Julia und Oliver Kupke. „Doch die Stadt ist ja nicht weit.“

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