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Der berühmteste Drehort von Görlitz

Ronny Förster kennt die Filmgeheimnisse des Braunen Hirschs wie keiner. Er führt jetzt unter dem roten Stern durch das Haus.

Ronny Förster im Innenhof des Braunen Hirschs. An dieser Stelle bauten schon etliche Produktionen ihr Set auf.
Ronny Förster im Innenhof des Braunen Hirschs. An dieser Stelle bauten schon etliche Produktionen ihr Set auf. © André Schulze

Man möchte meinen, er sei jedes Mal dabeigewesen. Als Regieassistent, Seteinrichter oder wenigstens Komparse. Ist er aber nicht. Ronny Förster war bei keinem der acht großen Filme dabei, für die im Braunen Hirsch gedreht wurde. Jenem imposanten Gebäude am Görlitzer Untermarkt, an dem keiner vorbeikommt – kein Tourist, kein Einheimischer. So schön und imposant steht es da, seit 1403 schon. Damals wurde es als Gasthaus mit Brauerei errichtet. Eine unglaublich wechselhafte Geschichte hat dieses riesige Gebäude zu erzählen, hier gingen sämtliche preußische Könige ein und aus, Goethe war hier 1790 ebenso Gast wie Fürst Pückler 1833 oder der russische Zar Nikolaus I. im selben Jahr.

Davon zeugen Einträge im Ratsarchiv. Die jüngste Geschichte des altehrwürdigen Hauses – nämlich als beliebtester Drehort der Stadt – ist noch nirgends wirklich festgehalten. Doch Ronny Förster, seines Zeichens Turmführer, trägt sie in sich. Seit einigen Jahren führt er Gäste der Stadt nicht nur auf die Türme, sondern auch durch den Braunen Hirsch. Neuerdings darf er das unter dem Görliwood-Label. Seine Führung gehört nun zu vier touristischen Angeboten, die alle mit dem prägnanten Görliwood-Star gekennzeichnet sind. 

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30 Filmsets im Gebäude

Der Stern führt Besucher zu den im Februar eröffneten ersten fünf Stationen des „Walk of Görliwood“. Neben der 120-minütigen „Film ab!“-Führung von Karina Thiemann und Lothar Hoffmann, trägt auch die seit Pfingsten zu buchende Stadtrundfahrt mit dem roten „Görliwood-Entdecker“ den Stern. Und nun also auch Ronny Försters Stadtführung, die er übrigens als Mitglied des Fördervereins Kulturstadt Görlitz-Zgorzelec ehrenamtlich anbietet. Und das mit größter Leidenschaft. An jedem der 30 noch sichtbaren Filmsets hat er kleine Schilder angebracht, weiß unzählige Geschichten zu erzählen, kann genau sagen, welche Tapete zu welchem Film gehört, in welcher Ecke der Schreibtisch im Film The Grand Budapest Hotel stand oder wo Goethes Freund sich eine Kugel in den Kopf jagte.

Stroh vom "Zauberlehrling"

Schon allein die Eingangshalle böte Stoff genug für eine eigene Führung. Hier war die Apotheke des „Zauberlehrling“, die Tapete zeugt noch davon. Solange kein neuer Produzent kommt und hier drehen mag, bleibt das auch so. „Vor dem Zauberlehrling hatten wir hier die Karl-Marx-Gaststätte in London“, sagt Ronny Förster. „Der Saal oben drüben wird im gleichen Film Paris.“ Überhaupt war der Braune Hirsch schon alles: Sevilla, Paris, Budapest, Frankfurt, Wetzlar – und auch Görlitz, nämlich für die Wolfsland-Krimiserie, die hier auch bereits zweimal zu Gast war.

Unter anderem entstanden Szenen im Innenhof. Einst fuhren hier Kutschen ein und aus, wurden hier die Pferde festgemacht. Wohl kaum einer der Filme, die hier gedreht wurden, hat keine Szene in jenem urig-schaurigen Hof, in dem man sich manch mittelalterliche Szene genauso gut vorstellen kann wie den Leichenfund im modernen Krimi. „Das Stroh, was hier noch liegt, ist vom Zauberlehrling“, erzählt Ronny Förster. „Hier spielt die Anfangsszene, als die Pest die Stadt heimsucht und die Bürger ihre Häuser verriegeln und verrammeln.“

Ronny Förster mit seiner Filmmappe. Hier steht er am ehemaligen Set von "Der Hauptmann" (2017) .
Ronny Förster mit seiner Filmmappe. Hier steht er am ehemaligen Set von "Der Hauptmann" (2017) . © André Schulze
Sie haben viele Spuren hinterlassen, die Macher von "The Grand Budapest Hotel", Ronny Förster kann die Stelle dieser Szene genau zeigen. Auch die Tapete dieses Sets ist noch an der Wand. 
Sie haben viele Spuren hinterlassen, die Macher von "The Grand Budapest Hotel", Ronny Förster kann die Stelle dieser Szene genau zeigen. Auch die Tapete dieses Sets ist noch an der Wand.  © André Schulze
Die gelb gestreifte "Goethe!"-Tapete findet man auch noch in einem Zimmer des Braunen Hirschs. 
Die gelb gestreifte "Goethe!"-Tapete findet man auch noch in einem Zimmer des Braunen Hirschs.  © André Schulze
London, Paris, Manchester - für den Dreh "Der junge Karl Marx" gab der Braune Hirsch alles her. 
London, Paris, Manchester - für den Dreh "Der junge Karl Marx" gab der Braune Hirsch alles her.  © nikolaischmidt.de
Beispielsweise war der Braune Hirsch in dieser Szene von "Der junge Karl Marx" die Stadt London.
Beispielsweise war der Braune Hirsch in dieser Szene von "Der junge Karl Marx" die Stadt London. © nikolaischmidt.de
Vom Innenhof ließ sich bisher noch fast jede Filmcrew begeistern, hier das Set vom "Marx"-Film.
Vom Innenhof ließ sich bisher noch fast jede Filmcrew begeistern, hier das Set vom "Marx"-Film. © nikolaischmidt.de
Der Gerichtssaal aus "Goethe!". Hier lässt Ronny Förster den Balkentest machen: Durch klopfen sollen  die Besucher der Führung herausfinden, was echt und was Filmkulisse ist. 
Der Gerichtssaal aus "Goethe!". Hier lässt Ronny Förster den Balkentest machen: Durch klopfen sollen  die Besucher der Führung herausfinden, was echt und was Filmkulisse ist.  © André Schulze
Im "Goethe!"-Film spielt hier die Gerichtsszene in Frankfurt am Main. 
Im "Goethe!"-Film spielt hier die Gerichtsszene in Frankfurt am Main.  © André Schulze
Das Bücherregal ist Filmkulisse aus dem "Goethe!"-Film. So wie hier hat Ronny Förster überall kleine Hinweisschilder angebracht. 
Das Bücherregal ist Filmkulisse aus dem "Goethe!"-Film. So wie hier hat Ronny Förster überall kleine Hinweisschilder angebracht.  © André Schulze
Mit Szenenfotos aus den Filmen zeigt er den Besuchern genau, wie der Ort im Film aussah - für den direkten Vergleich mit dem heutigen Zustand. 
Mit Szenenfotos aus den Filmen zeigt er den Besuchern genau, wie der Ort im Film aussah - für den direkten Vergleich mit dem heutigen Zustand.  © André Schulze
Welcher Regisseur wird da nicht schwach? Solche Anblicke gibt es im Braunen Hirsch in Hülle und Fülle. 
Welcher Regisseur wird da nicht schwach? Solche Anblicke gibt es im Braunen Hirsch in Hülle und Fülle.  © André Schulze
Der Hirsch ist selbstverständlich auch Teil des "Walk of Görliwood"-Entdeckerpfades. Ein Fenster gibt beispielsweise den Blick in Goethes Gefängniszelle frei. 
Der Hirsch ist selbstverständlich auch Teil des "Walk of Görliwood"-Entdeckerpfades. Ein Fenster gibt beispielsweise den Blick in Goethes Gefängniszelle frei.  © André Schulze
Ein anderes zeigt Agatha aus "The Grand Budapest Hotel" in ihrer Backstube - die, wie könnte es auch anders sein - natürlich auch im Braunen Hirsch war.
Ein anderes zeigt Agatha aus "The Grand Budapest Hotel" in ihrer Backstube - die, wie könnte es auch anders sein - natürlich auch im Braunen Hirsch war. © André Schulze
Einer der meist genutzten Orte im Braunen Hirsch: die Eingangshalle. Die Tapete an den Wänden stammt noch vom "Zauberlehrling". 
Einer der meist genutzten Orte im Braunen Hirsch: die Eingangshalle. Die Tapete an den Wänden stammt noch vom "Zauberlehrling".  © André Schulze
Imposantes Gebäude am Untermarkt in Görlitz. Und doch kann von außen kaum jemand erahnen, wie riesig das Haus wirklich ist. 
Imposantes Gebäude am Untermarkt in Görlitz. Und doch kann von außen kaum jemand erahnen, wie riesig das Haus wirklich ist.  © André Schulze
Für "Die Vermessung der Welt" wurde 2011 vor dem Braunen Hirsch noch ein Außenset gebaut - hier posieren Hauptdarsteller, Produzenten, Regisseur und Daniel Kehlmann (links), der die Romanvorlage lieferte, vor dem Braunen Hirsch. 
Für "Die Vermessung der Welt" wurde 2011 vor dem Braunen Hirsch noch ein Außenset gebaut - hier posieren Hauptdarsteller, Produzenten, Regisseur und Daniel Kehlmann (links), der die Romanvorlage lieferte, vor dem Braunen Hirsch.  © Archivfoto: Nikolai Schmidt
Und so sah die Außenszene von "Die Vermessung der Welt" dann im Film aus. 
Und so sah die Außenszene von "Die Vermessung der Welt" dann im Film aus.  © Archiv: Pawel Sosnowski
"Die Vermessung der Welt"-Regisseur Detlev Buck in einer Drehpause am Filmset Brauner Hirsch. 
"Die Vermessung der Welt"-Regisseur Detlev Buck in einer Drehpause am Filmset Brauner Hirsch.  © -Archivfoto: Nikolai Schmidt

Szenen immer wieder vor- und zurückgespult

Natürlich wurde auch für die bislang größte Produktion in Görlitz hier ein Set eingerichtet: The Grand Budapest Hotel. „Hier ist die Wäscherinnengasse“, weiß Ronny Förster, die Szene mit dem Kopf der toten Wäscherin“, sagt er und schaut vielsagend. Überhaupt war The Grand Budapest Hotel der Film, bei dem es ihn packte. Seitdem hat er verfolgt, was in Görliwood so passiert, seit dem Entstehungsjahr 2013, führt er auch durch den Braunen Hirsch. 

Woher er so genau weiß, welche Szenen wo spielen, wenn es doch vielen anderen Einheimischen so schwer fällt, im fertigen Film etwas zu erkennen? „Ich habe jeden Film gesehen, die Szenen oft vor- und zurückgespult“, sagt er. Inzwischen hat er viele seiner gesammelten Informationen auf selbst kreierten Flyern zusammengetragen, die er den Gästen zur Verfügung stellt. Wenn nicht gerade Corona dem Tourismus ein Schnippchen schlägt, kommen diese von überall her. Und Förster erzählt von dem australischen Journalisten, den er im Hirsch geführt hat und der sich als riesiger The Grand Budapest Hotel-Fan herausstellte, in wahre Begeisterung ausbrach angesichts der vielen noch sichtbaren Sets. 

Australischer "Budapest" Hotel-Fan

Genau wie die junge Chinesin, die nur wegen dem Budapest Hotel nach Görlitz reiste. Oder die ehemaligen Schwesternschülerinnen, die weniger wegen des Films kamen, sondern um zu sehen, was aus ihren früheren Zimmern geworden ist. Denn nach seiner Zeit als Brauhaus, war der Braune Hirsch ab 1880 auch Hotel, nach dem Krieg Flüchtlingsunterkunft, zur DDR-Zeiten schließlich Arbeiter- und Bauernfakultät und letztlich das Internat der Medizinischen Fachschule. Über 100 angehende Kindergärtnerinnen, Apothekerinnen und Krankenschwestern wohnten hier. Das war lange bevor aus Görlitz Görliwood wurde. 

Selbst schon ein Drehbuch geschrieben

Heute ist Ronny Förster einer von ganz wenigen, die einen Schlüssel zu dem imposanten Gebäude haben, das nach der Wende Christian Daume, dem auch der Rosenhof und das Burghotel auf der Landeskrone gehören, erwarb. Oft wird Förster gefragt, was soll denn aus dem Gebäude mal werden? Doch das kann der 48-Jährige nicht beantworten. Gesichert wurde es, aber dass der Zahn der Zeit daran nagt, sieht man hier und da in dem 2.500 Quadratmeter großen Haus. Ein Filmteam hat sich hier auch schon länger nicht mehr sehen lassen. Der MDR steht mit Wolfsland wieder in den Startlöchern, doch Corona verschob den Dreh der Folgen 9 und 10 vorerst. „Vielleicht im Herbst“, hofft Förster. 

Er hat sogar selbst schon einmal ein Drehbuch geschrieben und an den MDR geschickt. „Ein Krimi. Ist bis jetzt nicht verfilmt worden“, sagt er beiläufig und blättert in seiner dicken, selbsterstellten Mappe, mit der er durch den Hirsch führt. Zu jedem relevanten Zimmer hat er ein Foto der entsprechenden Filmszene, erzählt diese dann auch nach – um das Ganze so anschaulich wie möglich zu machen. 

Filmdrehs im Braunen Hirsch

2003: In 80 Tagen um die Welt

2009: Goethe!

2011: Die Vermessung der Welt

2013: The Grand Budapest Hotel

2015: Der junge Karl Marx

 2016: Papa Moll

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2017: Der Zauberlehrling

2017: Der Hauptmann 

2017/18: Wolfsland(Folgen 3 & 5)

Führungen von April bis Oktober: jeden 1. und 3. Sonnabend im Monat, 16 Uhr. Sonntags auf Anfrage. Erw. 4 Euro, Kinder (6 bis 14 Jahre) 2 Euro.

www.turmtour.europastadt.org

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