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Pirna

Gottleubas spannendste Immobilie

Das Kurmittelhaus hat noch im Verfall etwas Erhabenes. Besichtigungen sind tabu. Die SZ war jetzt aber drin.

Sie kennt im Kurmittelhaus jede Ecke: Ute Wunderwald.
Sie kennt im Kurmittelhaus jede Ecke: Ute Wunderwald. © Marko Förster

Wow. Und Stille. Für einen Moment verharren die Besucher. Sie stehen in dem einstigen Männerbad, wegen der Farbe seiner Fliesen „blauer Saal“ genannt. Die Kuppel gibt ihm Größe, oben in der Mitte der Kuppel die zwölf Tierkreiszeichen. Von den Wannen sind nur noch die Anschlüsse da. Doch es liegt dieser Hauch des Besonderen in der Luft des Kurmittelhauses Gottleuba. Es ist nach wie vor das zentrale Gebäude, das man als erstes sieht. Nur hinein darf man nicht mehr, und wenn – wie am Sonntag zum Tag des offenen Denkmals –, dann nur mit Begleitung und Helm.

Diese Wow-Momente erleben die Teilnehmer der zwei Führungen am Sonntag noch mehrmals. Schon unten links sind vor dem Sportsaal zwei Kostbarkeiten noch erkennbar. Es handelt sich um sogenannte Putzintarsien oder auch Putzschnittbilder, sie zeigen „Ruhe“ und „Bewegung“. Sie stammen von Hermann Glöckner. 1961 wurden sie von der damalige ärztlichen Direktorin in Auftrag gegeben. Jetzt kümmert sich eine Studentin im Rahmen ihrer Diplomarbeit um die Werke. Die Median Klinik hat dafür mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden eine Vereinbarung über Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten geschlossen.

PERSPEKTIVEN SCHAFFEN – TEAMGEIST (ER-)LEBEN
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Mit dem Mosaik eine Etage weiter oben haben sich Vandalen beschäftigt. Es gehört zu den Dingen, die unwiederbringlich kaputt oder zerstört sind. Doch der Charme des über 100 Jahre alten Gebäudes samt seiner Nutzung bis 1997 mit all den DDR-Spuren ist größer als die Schäden.

Unter den Teilnehmern der Führungen sind viele Gottleubaer. Manche arbeiteten im Kurmittelhaus, andere waren zur Physiotherapie hier, machten Ferienjobs oder gingen zum Sport. Eine Frau erinnert sich an die Dreharbeiten zur DDR-Fernsehserie „Bereitschaft Dr. Federau“. Sie musste mal eine Liege schieben und mal mit Schauspielerin Uta Schorn die Treppe runterlaufen. Diese große Treppe mit dem eleganten Bogen gibt dem Gebäude heute noch etwas Edles, Herrschaftliches, auch oder gerade weil sich hier immer vor allem Arbeiter erholten. Das war schon zur Gründung der Heilanstalt 1913 so.

Im Januar 1997 wurde das Kurmittelhaus geschlossen. Die, die damals in die neuen Gebäude umzogen, dachten, nun folgen rasch Sanierung und Umbau. Doch 20 Jahre ist nichts geschehen. Dass der Verfall nicht schlimmer ist, sei dem soliden Bau zu verdanken, heißt es. Dass nichts geschieht, daran sei weder die Klinik noch die Stadt schuld, sagt Ute Wunderwald von den medizinhistorischen Sammlungen. „Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.“ Dieses Jahr erfolgen einige Sicherungen an Dach und Regenentwässerung. Weitere Maßnahmen sind in Abstimmung, jedoch noch nicht konkret definiert, sagt der kaufmännische Leiter Lars Wunder. Dass das Gebäude erhalten wird, ist die Chance für die Zukunft. Die Uhr ganz oben funktioniert noch, als einzige. Die Uhrenanlage ist im Museum zu sehen. „Die Uhr ist das Herz der Klinik“, sagt Ute Wunderwald. „Es darf nicht stehen bleiben.“ Das letzte leise Staunen verbinden die Besucher mit einem Kopfnicken.

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