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Riesa

Gräber bis 1,80 Meter Tiefe ausgetrocknet

Riesas Friedhofsmitarbeiter sind fast nur noch mit dem Gießen beschäftigt. Dabei hilft Technik aus Israel.

Friedhofsmitarbeiter Carlo Schulz zeigt  Trockenschäden an einer Hecke auf dem Friedhof am Mergendorfer Weg in Riesa. Ohne ständiges Gießen wären hier viele Pflanzen schon vertrocknet, sagt er.
Friedhofsmitarbeiter Carlo Schulz zeigt Trockenschäden an einer Hecke auf dem Friedhof am Mergendorfer Weg in Riesa. Ohne ständiges Gießen wären hier viele Pflanzen schon vertrocknet, sagt er. © Sebastian Schultz

Riesa. Der Rhododendron kämpft, das ist deutlich zu sehen. Eine Seite sieht bereits recht kahl aus, an einem der Äste hängt kein einziges Blatt mehr. Friedhofsmeister Carlo Schulz schaut mit ernstem Blick auf die Pflanze. Auf dem Friedhof in Riesa gibt es kaum Standorte, die Schulz nicht schon bearbeitet und Pflanzen, die er nicht selbst gepflanzt und gepflegt hat. Umso schwerer fällt es, größere Sträucher und Bäume vertrocknen zu sehen.

Der trockene und heiße Sommer macht vielen Berufszweigen zu schaffen. Landwirte klagen über Ernteeinbußen, Förster über kranke Wälder. Von den Friedhöfen hört man wenig bis nichts. Dabei haben auch Carlo Schulz und seine Kollegen ein akutes Problem, sagt er. 

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Zum zweiten Mal nacheinander ist es extrem trocken und heiß. „2018 hatten wir wenigstens noch einen recht feuchten Winter“, sagt Schulz. Dieses Jahr sei das anders gewesen. „Jetzt machen viele Bäume schlapp, die zehn, 15 Jahre alt sind. Wir hätten nie gedacht, dass wir die noch einmal gießen müssen.“ 

Die ersten Spuren, Verbrennungen an den Blättern, sind überall zu sehen. Das größere Problem ist aber das fehlende Grundwasser. Die Friedhofsmitarbeiter bekommen das auch fast täglich mit. Dann nämlich, wenn für die Bestattungen Gräber ausgehoben werden. Bis 1,80 Meter Tiefe sei da keine Spur mehr von Wasser.

Die Bewässerungsanlagen laufen normalerweise nur nachts. Dann ist die Verdunstung geringer.
Die Bewässerungsanlagen laufen normalerweise nur nachts. Dann ist die Verdunstung geringer. © Sebastian Schultz

Dabei sieht es auf dem Friedhof in Altriesa insgesamt noch sehr gut aus. Viele der Rasenflächen sind saftig grün, wirklich verdorrt sind nur vereinzelte Pflanzen am Rand des Friedhofs, oftmals an den besonders schwierigen Standorten auf dem Gelände. Das liegt auch an dem Aufwand, den Carlo Schulz und seine Kollegen derzeit betreiben. Gießen, das ist jetzt die Hauptaufgabe der insgesamt 15 Mitarbeiter auf den Friedhöfen der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde. „Der Gärtner wird zum Gießer“, sagt Friedhofsverwalter Andreas Wolf vom Pfarramt zu dem Thema.

Fast die gesamte Arbeitszeit wird darauf verwendet, die Pflanzen zu bewässern. Hitze und fehlender Regen sind dabei nur die eine Seite, sagt Wolf: „Wir haben heute auf dem Friedhof eher parkähnliche Strukturen: mehr Freiflächen, und weniger Leute, die sich um Gräber kümmern.“ Damit steigt der zu pflegende Pflichtanteil für die Gemeindemitarbeiter. „Wir können von Glück reden, dass wir in den letzten Jahren viel Geld in Bewässerungstechnik investiert haben.“ 

Nicht nur in die Elektrofahrzeuge, die mit einem Mal 1 000 Liter Wasser transportieren können, das dann per Schlauch vergossen werden kann. Sondern auch in Sprinkleranlagen, die nachts eingeschaltet werden können, wenn weniger Flüssigkeit verdunstet – und in Unterflurbewässerung. Technik übrigens, die von einer israelischen Firma angefertigt wird. 

Ein Schlauch zur Tröpfchenbewässerung. Gekauft wurde die Technik aus Israel, weil es in Riesa seit jeher relativ trocken ist. Nun ist man heilfroh, sie zu haben.
Ein Schlauch zur Tröpfchenbewässerung. Gekauft wurde die Technik aus Israel, weil es in Riesa seit jeher relativ trocken ist. Nun ist man heilfroh, sie zu haben. © Sebastian Schultz

„Gerade mit Tröpfchenbewässerung macht man hierzulande noch viel zu wenig“, erklärt Carlo Schulz. Dabei sei die höchst effizient und sparsam. „Das Wasser kann direkt an der Pflanze eingebracht werden und unter der Erde. Es verdunstet also nicht.“ Das sei bei der Hitze nämlich das größte Problem.

„Von zehn Millilitern kommen vielleicht vier bei der Pflanze an.“ Dort, wo weiterhin normal gegossen werden muss, ist das Friedhofspersonal deshalb gleich dreimal an einem Tag im Einsatz. „Dafür ist dann bei den meisten Pflanzen auch für eine Woche Ruhe.“

An einem Gieß-Tag werden allein mit den Elektrofahrzeugen 25 Wassertanks verbraucht. „Da ist die technische Bewässerung noch nicht mit drin – und auch nicht das Wasser, das wir händisch zu einigen schwer erreichbaren Gräbern bringen müssen.“ Der Arbeitsaufwand jedenfalls ist bei aller Technik enorm, sagt Friedhofsmeister Carlo Schulz, der mittlerweile schon seit 30 Jahren in leitender Funktion auf dem Trinitatisfriedhof arbeitet. 

Früher sei das Wasser zum Gießen übrigens noch mit Muskelkraft transportiert worden. „Aber da waren auch die Ansprüche geringer und es gab insgesamt weniger Gräber, um die wir uns als Friedhofsgärtnerei kümmern mussten.“ Wegen des Aufwands muss auch manche andere Arbeit zurückstehen. 

Normalerweise würden im Sommerhalbjahr Ausbesserungen und Instandhaltungen stattfinden, etwa an den Wegen und Gebäuden. „Durch die täglichen Beerdigungen, die immer oberste Priorität haben, ist so ein Friedhof ja immer in Bewegung.“ Für Zusätzliches bleibt kaum noch Zeit, angesichts des Gieß-Pensums.

Der hohe Wasserverbrauch fürs Gießen wiederum schlägt sich auch in den Kosten nieder. Laut Andreas Wolf vom Pfarramt war schon nach 2018 eine satte Nachzahlung nötig geworden. „Irgendwann geht’s betriebswirtschaftlich nicht mehr“, sagt Wolf. „Wir bitten und beten für Regen.“ Denn der wäre nicht nur kostenlos, sondern auch deutlich effektiver als jede künstliche Bewässerung. „Bis dahin wird weiter gegossen, sparsam und effektiv.“