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Leipzig

Grausamer Tod einer jungen Mutter

In Leipzig wird eine Frau erschlagen. Der mutmaßliche Täter kam als Kind aus Afghanistan und engagierte sich zuletzt in der Flüchtlingshilfe.

„Ich bin nicht euer Vorzeigekanake.“ Das sagte Edris Z. mal in einem Interview. Der Mann, der mutmaßlich seine Ex-Freundin zu Tode geschlagen hat, hat zuletzt in Leipzig studiert. Sein Abitur machte er in Döbeln.
„Ich bin nicht euer Vorzeigekanake.“ Das sagte Edris Z. mal in einem Interview. Der Mann, der mutmaßlich seine Ex-Freundin zu Tode geschlagen hat, hat zuletzt in Leipzig studiert. Sein Abitur machte er in Döbeln. © Archiv/Dietmar Thomas

Von Sven Heitkamp

Leipzig/Döbeln. Myriam Z. ist 37 und Mutter eines zwei Monate alten Babys, als sie am Mittwoch vor Ostern das letzte Mal in ihrem Leben im Leipziger Auwald spazieren geht. Es ist vormittags gegen 11:30 Uhr, die Sonne strahlt, es herrschen 20 Grad. An einem kleinen Parkplatz an der Richard-Lehmann-Straße lauert ihr offenbar ein junger Mann auf, den sie gut kennt. Er schlägt ihr, wenn sich die bisherigen Indizien bestätigen sollten, mit einem harten Gegenstand auf den Kopf. Myriam bleibt schwer verletzt liegen. Das Baby, das sie vor der Brust trägt und schützt, bleibt unverletzt. Gegen 11.40 Uhr geht bei der Polizei ein Anruf ein. Zwei Tage später, am Karfreitag, stirbt Myriam Z. an ihren schlimmen Verletzungen im Krankenhaus – trotz sofortiger intensivmedizinischer Betreuung.

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Schon am Abend zuvor wird ihr früherer Freund festgenommen, die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen Mordes gegen ihn. Es ist Edris Z., 30, der als Sechsjähriger aus Afghanistan nach Deutschland kam. Nach der Tat habe es sehr schnell Hinweise von Verwandten und Freunden des Opfers auf ihn gegeben, heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

Die beiden waren eine Zeit lang ein Paar, aber er sei nicht der Vater des kleinen Mädchens. Sie arbeiteten in der Flüchtlingshilfe, sie wohnten in derselben Straße. Myriam soll laut Bild-Zeitung einen algerischen Vater und eine deutsche Mutter haben, sie habe Arabistik studiert und von einem Leben in Algerien geträumt. Doch dass Myriam sich von Edris Z. trennte und von einem anderen Mann schwanger wurde, habe er offenbar nicht verkraftet. Er soll seine Ex-Freundin schon eine Weile gestalkt haben, wird berichtet. Am Ende habe sie sogar eine Verfügung erwirkt, dass er sich ihr nicht mehr nähern und keinen Kontakt haben darf.

Der Tatort: Der Leipziger Auwald, beliebt bei Spaziergängern und Sportlern.
Der Tatort: Der Leipziger Auwald, beliebt bei Spaziergängern und Sportlern. © Sebastian Willnow/dpa

Bis dahin hatte Edris Z., der 1989 im afghanischen Dschalalabad geboren wurde, fast einen Vorzeige-Lebenslauf. Als Zehntklässler bekommt er das „Start-Schülerstipendium“ für begabte Zuwandererkinder von Alt-Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) überreicht. Er macht am Döbelner Lessing-Gymnasium Abitur, ist zwischenzeitlich Klassensprecher und spielt Handball im Verein. Auswärtsspiele sind für den Jungen ein Risiko, er darf als Geduldeter den Landkreis nicht verlassen. 

Die Familie muss viele Jahre in Asylbewerberheimen leben, sie bekommt im Ort Ausländerfeindlichkeit und Ablehnung zu spüren. Die Eltern waren 1995 aus Afghanistan geflohen. Laut einem Familienporträt der Döbelner Allgemeinen Zeitung von 2003 war der Vater Mitglied der Kommunistischen Partei in Afghanistan und lokaler Geheimdienstchef des sozialistischen Regimes in Kabul. Als 1992 die Mudschaheddin die Regierung übernehmen und Bürgerkriege ausbrechen, wird ihnen das Leben zu gefährlich. Die Familie mit drei Kindern flieht über Tschechien, kommt zu Fuß über die deutsche Grenze, landet erst bei Verwandten in Hamburg und schließlich in Leisnig.

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Nach der Schule zieht Edris Z. nach Leipzig und studiert Philosophie. Als eine Reporterin der Zeitung „taz“ 2018 über ihn schreibt, liegen Goethe, Hesse und ein Koran im Regal und ein Golden Retriever auf dem Sofa. „Ich sächsle sogar ein bisschen“, sagt er und stellt doch klar: „Ich bin nicht euer Vorzeigekanake.“ Die deutsche Staatsbürgerschaft bekam er erst mit 25, nach fast 20 Jahren in Deutschland. Dann arbeitet er in der Flüchtlingshilfe. Vorbestraft ist er nicht, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Ob er sich zur Tat geäußert hat, lassen die Ermittler offen. Edris Z. werde von einem Anwalt vertreten. Und es werde nicht gegen Dritte ermittelt.

Was aber genau geschah am Mittwochvormittag vor Ostern, dürfte erst der Prozess offenbaren. Bis dahin dürfte auch klar sein, bei wem Myriams Baby aufwächst.

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