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Bautzen

Notquartiere für tschechische Pfleger gesucht

Aus Angst vor dem Coronavirus schließt Tschechien die Grenze jetzt auch für Berufspendler. Heime und Krankenhäuser kämpfen um eine Lösung.

"Das ist eine ganz große Katastrophe", sagt Andreas Pahler, Geschäftsführer der Pflege- und Therapieeinrichtung Sohland/Spree, zur Schließung der Grenze nach Tschechien.
"Das ist eine ganz große Katastrophe", sagt Andreas Pahler, Geschäftsführer der Pflege- und Therapieeinrichtung Sohland/Spree, zur Schließung der Grenze nach Tschechien. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Die Ruhe, die seit der Schließung der Grenzen zwischen Deutschland und Tschechien an den hiesigen Übergängen eingekehrt ist, sie trügt. Alles ist in Bewegung - umso mehr, seit die tschechische Regierung beschlossen hat, die Grenzen ab Donnerstag auch für Berufspendler dauerhaft zu schließen. Besonders heftig trifft die Sperre Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser im Grenzgebiet.

Schätzungen der Landesärztekammer zufolge arbeiten in Sachsen etwa 400 tschechische Ärzte. Darüber hinaus pendeln zahlreiche Alten- und Krankenpflegekräfte täglich aus den tschechischen Grenzregionen in sächsische Einrichtungen.

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"Das ist eine ganz große Katastrophe", sagt Andreas Pahler von der Pflege- und Therapieeinrichtung in Sohland/Spree am Dienstagvormittag. 21 seiner Pflege- und Fachkräfte pendeln aus Tschechien in die Grenzgemeinde - insgesamt ein Drittel der Belegschaft aus dem Pflegebereich. Seit Tschechien die Grenzen in der Nacht vom 13. auf den 14. März geschlossen hat, haben sie Umwege in Kauf genommen, mussten sich seit vergangenem Sonnabend jede Ein- und Ausreise in einem Stempelbuch quittieren lassen.

Seit Dienstag ist wieder alles anders. Vorhersehbar war das für Pahler nicht: "Gestern saßen drei Mitarbeiter bei mir im Büro und erzählten mir, dass ihre Regierung über eine solche Maßnahme nachdenkt", sagt er. 

Am Tag darauf die bittere Gewissheit - verbunden mit der hektischen Suche nach einer Lösung: "Ich kontaktiere derzeit meine tschechischen Angestellten und klopfe ab, ob sie sich vorstellen könnten, erst einmal in Deutschland zu bleiben. Klappt das nicht, habe ich Plan B, C und D in der Schublade", sagt Andreas Pahler und meint Mehrarbeit für deutsche Pflegekräfte, die Beschäftigung von Zeitarbeitern, schlimmstenfalls die Suche nach Austauschpersonal in anderen Einrichtungen.

Pahler klingt frustriert: "Wo ist denn der europäische Gedanke geblieben? Wir holen Patienten aus Italien und Frankreich nach Deutschland und riegeln die Leute ab, die diese Menschen pflegen sollen? Das führt doch Europa ad absurdum."

Wilthen schafft Platz für Pflegerinnen

Alarmiert klingt am Dienstagvormittag auch Wilthens Bürgermeister Michael Herfort (CDU): "75 Prozent der Belegschaft im Seniorenhaus Wilthen kommt aus Tschechien. Auf die können wir nicht einfach verzichten. Wir bringen jetzt alle dauerhaft vor Ort unter." Bereits als Tschechien die Ein- und Ausreise erstmals einschränkte, hatte Herfort reagiert und  für sechs Pflegerinnen eine Gästewohnung besorgt. Rückblickend sagt er: "Das war die einzig richtige Entscheidung."

Durchweg sind es junge Frauen, um deren Unterbringung sich Herfort jetzt bemüht. Viele von ihnen leben mit ihrer Familie jenseits der Grenze: "Die Familien dort halten glücklicherweise zur Stange und die Frauen zum Unternehmen. Die Arbeitsmoral ist hoch. Sie wollen die alten Leutchen gerade jetzt nicht im Stich lassen."

Auch die Oberlausitz Kliniken sind auf die neue Situation eingestellt. Derzeit sind von den Maßnahmen zwei tschechische Ärzte betroffen, meldet Geschäftsführer Reiner E. Rogowski und fügt hinzu: "Es brechen, Gott sei Dank, keine großen Teile der Belegschaft weg. Sollte sich auch Polen zu einer solchen Maßnahme entschließen, wird die Situation natürlich nicht einfacher."

Die Unterbringung der betroffenen Angestellten sei vorbereitet, berichtet Rogowski. Dafür stellt das Klinikum Wohnungen auf dem Bautzener Klinikgelände zur Verfügung. Denkbar sei auch die Einquartierung im Hotel. Darüber hinaus biete das Bischof-Benno-Haus Quartiere an. Ähnliche Töne kommen aus dem Malteser-Krankenhaus in Kamenz. "Wir sind von der Regelung nur gering betroffen. Im Einzelfall werden Lösungen gefunden", sagt Unternehmenssprecherin Stephanie Hänsch.

Landesregierung kündigt Unterstützung an

Als am Dienstagnachmittag die sächsische Landesregierung finanzielle Unterstützung für die Unterbringung von Berufspendlern signalisiert, fällt der Beifall im Landkreis zunächst verhalten aus. Um auch die Familien der Pflegerinnen vor Ort unterzubringen, reiche der verfügbare Wohnraum nicht aus, merkt Michael Herfort an. Möglich sei das höchstens in Hotels, aber: "Da reichen natürlich 40 Euro pro Tag nicht."

Sandro Reichel, Direktor des Best Western Hotels in Bautzen, signalisiert indes, dass sein Haus Sonderkonditionen zur Unterbringung tschechischer Arbeitskräfte anbiete. Zur Höhe der Kosten will er sich öffentlich nicht äußern, bittet aber betroffene Unternehmensinhaber, sich direkt an das Hotel zu wenden.

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