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Freizeithof in Grillenburg verliert Mitarbeiter

Der Trägerverein hat wegen der Corona-Krise erhebliche Verluste. Nun streicht der Landkreis auch noch eine Stelle.

Projektmanagerin Verena Eichhorn (rechts) und Vereinsvorsitzende Christine Schröder stehen vor dem Jugendfreizeithof in Grillenburg.
Projektmanagerin Verena Eichhorn (rechts) und Vereinsvorsitzende Christine Schröder stehen vor dem Jugendfreizeithof in Grillenburg. © Andreas Weihs

Es ist schwer, in diesen Tagen auf der Seerenteichstraße in Grillenburg einen regelkonformen Parkplatz zu finden. Was nur zum Teil an den Ausflüglern liegt, für die der kleine Ort im Tharandter Wald  Ausgangspunkt für Wanderungen ist. Viele Fahrzeuge gehören Gästen des Jugendfreizeithofes, der sich nach beinahe vier Monaten der staatlich verordneten Ruhe wieder belebt. Der Verein Pro Jugend beispielsweise hält dort gerade eine Klausurtagung ab. Unter Einhaltung von Hygienevorschriften, die unter anderem dazu führen, dass nur ein Drittel der 43 Betten belegt werden dürfen.

Immerhin aber läuft die Vermietung wieder, was Christine Schröder, die Vorsitzende des Trägervereins Chance 93, vorsichtig optimistisch stimmt. Diese Einnahmen sind das Fundament des Jugendfreizeithofes, der sich weitgehend selbst finanziert. Den Ausfall durch die Restriktionen im Zuge der Corona-Pandemie beziffert Christine Schröder auf über 60 Prozent, ohne konkrete Zahlen nennen zu wollen. „Den Verlust können wir nicht mehr aufholen“, sagt sie.

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Der Jugendfreizeithof, seit 25 Jahren als Schullandheim, Ferienlager, Probenlager für Musiker und Musikschulen, Seminare, aber auch für Familienfeiern ein überaus beliebter Ort, leidet wie alle Beherbergungsbetriebe unter den behördlich verordneten Einschränkungen. Bis zu den Sommerferien sind zum Beispiel sämtliche Klassenfahrten in Sachsen untersagt. Wenigstens, sagt Christine Schröder, habe das Kultusministerium des Freistaates die Stornogebühren bezahlt, was die Verluste teilweise kompensieren würde.

„Weil keiner weiß, wie es im neuen Schuljahr weitergeht, haben wir leider auch schon Absagen für den Herbst“, sagt die Vereinsvorsitzende. Ob das Land dafür wieder einen Obolus zahlt, ist ungewiss. Für andere Absagen, wie Jugendweihe- oder Geburtstagsfeiern und Orchesterproben kommt keiner auf. Zwar hatte der Verein die Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Laufende Kosten für den Unterhalt des Anwesens entstehen deshalb trotzdem.

9.000 Euro Soforthilfe stopfen das Loch nicht

Zur Linderung der gröbsten Finanznot hat das Land Sachsen dem Freizeithof die allen Vereinen zugesicherte Soforthilfe von 9.000 Euro bewilligt. Was aber, sagt Christine Schröder, das Loch nicht stopft. „Um liquide zu bleiben, müssen wir unsere Rücklagen angreifen.“ Dieses Geld ist eigentlich zur Überbrückung der Wintermonate gedacht, in denen es weniger Buchungen gibt, für die Tilgung des seit 25 Jahren laufenden Baukredites, für Instandhaltungen und Reparaturen. Vor drei Jahren zum Beispiel hat der Freizeithof nach behördlichen Auflagen rund 30.000 Euro für den Brandschutz ausgeben müssen.

An solche Investitionen kann der Verein vorerst nicht denken. Selbst die Erneuerung der professionellen Geschirrspülmaschine, die in dieser Woche den Geist aufgab und mit einem fünfstelligen Betrag zu Buche schlagen würde, wird nun zu einem unlösbaren Problem. „Wir versuchen jetzt eine Reparatur, aber selbst die ist mit 3.000 Euro veranschlagt“, sagt Christine Schröder. Und für eine 25 Jahre alte Maschine im Grunde eine unsinnige Ausgabe.

Als wären das nicht genug Hiobsbotschaften, muss der Verein ab nächstem Jahr auf seinen Sozialpädagogen verzichten. Diese Stelle hat der Jugendfreizeithof seit 1996. Sie wird noch bis Ende 2020 über das Landratsamt finanziert. Neben einer Zuwendung der Stadt Tharandt war das bisher die einzige öffentliche Förderung des Vereins. Damit ist ab 2021 Schluss. Irina Heise, Leiterin des Jugend- und Bildungsamtes, überbrachte die schlechte Nachricht persönlich an einem Freitag, dem 13., dem 13. März 2020, dem Tag, als der behördlich verordnete Stillstand begann.

Am Tag zuvor hatte der Jugendhilfeausschuss, dessen Vorsitzender Landrat Michael Geisler (CDU) ist, die Streichung der Stelle beschlossen. Die Behörde begründet das mit einer Neuausrichtung der Förderung nach einer Bestands- und Bedarfsanalyse im Landkreis. Demnach sei das Angebot des Jugendfreizeithofes für den Landkreis nicht mehr „bedarfsrelevant“, wie Christine Schröder erklärt wurde. Der Kinder- und Jugendschutz müsse gestärkt werden, dazu gehören Jugendtreffs, die täglich geöffnet sind.

„Das ist in einem so kleinen Ort wie Grillenburg natürlich unsinnig“, sagt Christine Schröder. Sie versteht die Entscheidung nicht. „Das stimmt mich traurig. Wir leisten hier doch eine präventive Arbeit. Schulklassen kommen nach Grillenburg, damit die Jugendlichen ihre sozialen Kompetenzen stärken, um eben nicht erst zu Problemfällen zu werden“, sagt sie. Der Jugendfreizeithof sei zudem ausdrücklich vom Landkreis gewollt gewesen.

Freizeithof bietet Stellen für Ökologisches Jahr an

Mit dem Wegfall der Fachkraft könnte es zu einer Reduzierung der Angebote in Grillenburg kommen. Auf dem Prüfstand stehen zum Beispiel Ferienlager und Freizeiten mit Pflegefamilien. „Wir überlegen jetzt, wie wir das stemmen können“, sagt Verena Eichhorn, seit August 2019 Projektmanagerin des Freizeithofes. Sie ist die Nachfolgerin von Christine Schröder, die diese Stelle seit 1996 ausfüllte, bis sie als Rentnerin ins Ehrenamt wechselte und den Vorsitz des Trägervereins übernahm.

Die ab 2021 fehlende Fachkraft ist wohl nicht zu ersetzen. Personell aber würde sich die Lage etwas entspannen, wenn der Freizeithof die beiden Stellen für das Freiwillige Ökologische Jahr ab September wieder besetzen könnte. Weil Grillenburg schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden ist, will Verena Eichhorn den Jugendlichen E-Bikes zur Verfügung stellen. Damit, sagt sie, sei Grillenburg von den Bahnhöfen Tharandt oder Klingenberg aus gut zu erreichen. Sie fahre selbst von Tharandt aus mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Allerdings mangelt es nun auch bei der Umsetzung dieser Idee an Geld. Verena Eichhorn startet deshalb ab 4. Juli über das Portal „99 Funken“ ein Crowdfundingprojekt, mit dem Ziel, bis Ende September 3.000 Euro zu sammeln. Die Anreise der „Ökis“ mit E-Bikes hätte mehrere Vorteile: Sie kämen überhaupt dahin, es wäre umweltgerechter als mit einem Auto, und es könnte die Parksituation vor dem Jugendfreizeithof entspannen. Bei Regen und im Winter dürfte sich eine Radpartie allerdings als problematisch erweisen.

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