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Verfolgungsfahrt endet im Wald

Aus einer Polizeikontrolle in Gröditz wird eine wilde Fahrt bis fast nach Großenhain. Zu Fuß kann der Fahrer fliehen. Der Strafe entgeht er aber nur vorübergehend.

Blick in ein Waldstück zwischen Görzig und Pulsen. In dem unübersichtlichen Gelände endete die Fahrerflucht eines Mannes aus Gröditz.
Blick in ein Waldstück zwischen Görzig und Pulsen. In dem unübersichtlichen Gelände endete die Fahrerflucht eines Mannes aus Gröditz. © Sebastian Schultz

Gröditz. Die beiden Brüder sind gerade auf dem Weg von Gröditz nach Pulsen, als sie die Blaulichter sehen. "Wir haben uns schon gewundert, was die Polizei da im Wald macht", erzählt der 22-Jährige. Der junge Mann und sein 16 Jahre alter Bruder erfahren es schneller, als ihnen lieb ist. Denn in Pulsen angekommen, begegnen die beiden einer Gruppe Polizisten samt Fährtenhund. Der legt sich kurzerhand den beiden vor die Füße - und schon sind die Brüder Beschuldigte in einem Strafverfahren. 

Was die beiden zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen können: Die Polizei hatte sich zuvor eine wilde Verfolgungsjagd mit einem Transporterfahrer geliefert. Die Streifenpolizisten hatten den roten Transit in Gröditz an einem Februarabend 2019, gegen 20.15 Uhr, kontrollieren wollen. "Zunächst sah es so aus, als würde er auch halten wollen", erinnert sich ein Polizist.

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 "Er wurde erst immer langsamer, beschleunigte dann aber plötzlich." Die Beamten nehmen die Verfolgung auf. Der Transit biegt zunächst in die Straße Am Kanal ein. In dem verkehrsberuhigten Bereich darf eigentlich nur Schrittgeschwindigkeit gefahren werden, der Fahrer ist hier mit bis zu 50 Kilometer pro Stunde unterwegs. 

Bei der Verfolgungsjagd durch Gröditz fährt der Angeklagte auch durch einen verkehrsberuhigten Bereich. Erlaubt ist hier Schrittgeschwindigkeit, er erreicht zeitweise Tempo 50.
Bei der Verfolgungsjagd durch Gröditz fährt der Angeklagte auch durch einen verkehrsberuhigten Bereich. Erlaubt ist hier Schrittgeschwindigkeit, er erreicht zeitweise Tempo 50. © Sebastian Schultz

Einsatzwagen wird abgedrängt

Die Fahrt geht weiter, immer mit der Polizei im Schlepptau, immer in erhöhtem Tempo, Richtung B 169. Schon auf der Fahrt ins brandenburgische Prösen setzen die Polizisten zweimal zum Überholen an. Doch der Fahrer des Transporters lenkt in diesen Momenten sein Fahrzeug in die Mitte, drängt den Streifenwagen ab. "Wir mussten jedes Mal bremsen", sagt der Polizist. Einige Male schrammen sie knapp an einem Unfall vorbei. 

Durch Prösen ist der Fahrer laut Polizei mit einer Geschwindigkeit von bis zu 140 Stundenkilometern unterwegs. Im Ort biegt er schließlich Richtung B 101 ab, fährt weiter in Richtung Frauenhain - und wendet dann in einer Sackgasse nahe der Bahnunterführung.

 An dieser Stelle begegnen sich Streifenwagen und Transporter - und die Verfolger erhaschen trotz der Dunkelheit erstmals einen kurzen Blick ins Fahrerhaus. "Zu sehen war nur der Arm des Fahrers", sagt der 42-jährige Beamte. Die Polizisten erkennen ein Art Jacke mit Tarnmuster, aber kein Gesicht. 

Nach dem Wendemanöver geht die Fahrt noch weiter auf der B 101 bis Stroga, dann Richtung Zabeltitz und Görzig. Auf dem Weg umkurvt der Flüchtende auch noch eine Straßensperre der Polizei. 

Im Wald aus den Augen verloren

In Görzig schließlich biegt der rote Transporter auf einen Feld- und Waldweg ab. "An diesem Punkt war meine Ortskenntnis zu Ende", sagt der Polizist. Erst über Funk erfahren sie von einer Kollegin, dass sie sich mittlerweile in der Nähe der Koselitzer Teiche befinden. Mehr als 25 Kilometer weit haben sie den flüchtigen Wagen nun schon verfolgt. 

Mehr als 25 Kilometer weit verfolgte die Polizei den Transporter, ehe der Fahrer zu Fuß weiter flüchtete.
Mehr als 25 Kilometer weit verfolgte die Polizei den Transporter, ehe der Fahrer zu Fuß weiter flüchtete. © SZ Grafik

Auf dem kurvigen und aufgeweichten Waldweg verlieren die Polizisten den Transporter immer wieder aus den Augen - bis er schließlich einen Unfall baut. "Nach einer Kurve stand er eingeklemmt zwischen Bäumen und Sträuchern", so der Polizist. Der Fahrer ist zu Fuß geflüchtet. 

Der Fährtenhund nimmt die Spur auf - und führt die Polizei schließlich zu den beiden Brüdern in Pulsen. Einer von ihnen trägt eine Tarnjacke - für die Beamten ein Indiz, dass es sich bei dem damals 15-Jährigen um den Fahrer handeln könnte. Auch die SZ übernimmt damals die anfängliche Version von den zwei Verdächtigen

Von der Kamera im Markt überführt

Anderthalb Jahre später allerdings sitzen die beiden nicht auf der Anklagebank des Amtsgerichts in Riesa, sondern sagen als Zeugen aus. Angeklagt ist ihr Onkel. Der besaß zum Zeitpunkt der Kontrolle keinen Führerschein und versuchte vermutlich deshalb, davonzufahren. 

Der Transporter ist auf ihn zugelassen, außerdem filmte die Kamera des Rewe-Marktes in Gröditz den Mann, wie er kurz vor der Tat einkaufte und nachher in das Auto stieg. Den Einkauf, eine Packung Käse und ein Glas Sauerkraut, hatten die Beamten auch in dem Wagen gefunden. Da ist es auch nicht mehr entscheidend, dass sich der gebürtige Großenhainer selbst nicht zu den Vorwürfen äußern will. 

Für die wilde Fahrt durch den Altkreis verhängt Richter Herbert Zapf letztendlich eine zehnmonatige Freiheitsstrafe, die auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Außerdem darf der 48-Jährige ein Jahr lang keinen neuen Führerschein beantragen. 

Richter und Staatsanwältin sind sich einig darin, dass die Verfolgungsjagd teils äußerst gefährlich für die Anwohner und die Polizisten gewesen sei. "Das war nahe dran am Verbrechen", sagt die Staatsanwältin. Es sei wohl auch dem umsichtigen Verhalten der Polizei zu verdanken, dass auf dieser wilden Jagd niemand verletzt wurde. Denn die Beamten hätten sich insgesamt mit waghalsigen Manövern zurückgehalten. Glücklich war wohl auch der Umstand, dass nach 20 Uhr auf den Straßen und in den Ortschaften wenig gewesen ist. "Sie können froh sein, dass um diese Uhrzeit keiner weiter auf der Straße war."

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