merken
PLUS Deutschland & Welt

Grönland – „Ground Zero“ des Klimawandels

Im grönländischen Dorf Ilulissat erleben die Einwohner die Folgen des Erderwärmung direkt vor ihrer Haustür. Was macht das mit den Menschen?

Der Sermeq Kujalleq bei Ilulissat ist einer der schnellsten Gletscher der Welt.
Der Sermeq Kujalleq bei Ilulissat ist einer der schnellsten Gletscher der Welt. © Foto: Michael Kappeler/dpa

Von Marius Buhl

Im Hafen von Ilulissat, einem Ort an der Westküste Grönlands, drückt am Ende dieses viel zu warmen Sommers ein junger Mann den Gashebel seines Motorboots durch und schießt hinaus auf den Arktischen Ozean. Vor ihm auf dem Wasser türmen sich die Eisberge, blau schimmernde Riesen in der Nachmittagssonne, von denen sich dann und wann ein Brocken löst und ins Wasser kracht.

Jubel
Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Einhändig steuert der Mann sein Boot vorbei an Schollen, die auf dem Wasser treiben wie riesige Scherben. Ole Kristiansen, 31 Jahre alt, Inuit, ist von Beruf Jäger, wie schon sein Vater und dessen Vater es waren. Ein kleiner Mann mit feinen Gesichtszügen, Brille und Schnurrbart, der keine Handschuhe trägt, obwohl der Fahrtwind seine Hände blau färbt. Meist schweigt er, die braunen Augen starr aufs Wasser gerichtet. Plötzlich bremst Kristiansen das Boot, greift nach einer rostigen Flinte, geht ein paar Schritte zur Reling, legt die Flinte an und schießt im Stehen auf einen kaum auszumachenden schwarzen Punkt in der Ferne. Eine Ringelrobbe.

Der Schuss prallt als Echo vom Eisberg zurück. Wasser quirlt. Färbt es sich rot, ist die Robbe tot. Dann muss er sie zu fassen kriegen, bevor sie zum Meeresboden sinkt. Kristiansen kneift die Augen zusammen. Das Wasser bleibt blau.

Ole Kristiansen ist einer von 55.000 Menschen, die auf Grönland leben, der größten Insel der Welt. Kristiansen ist ein typischer Grönländer: Er lebt von dem, was die Natur ihm gibt, meistens Ringelrobben oder Heilbutt, den er vor der Küste angelt. Jeden Morgen blickt er nach dem Aufstehen zuerst aus dem Fenster und beschließt, was der Tag für ihn bringen wird. „Ist das Wasser blau, fahre ich raus, ist es schwarz, bleibe ich drin“, sagt Kristiansen. Schon sein Vater und dessen Vater hätten es so gemacht, sagt er, was hätten sie auch tun sollen, in dieser blaugrauen Eishölle wuchsen schließlich keine Erdbeeren, die sie hätten ernten können. Heute ist manches anders.

Ole Kristiansen schießt Ringelrobben, er lebt von der Jagd und vom Fischen.
Ole Kristiansen schießt Ringelrobben, er lebt von der Jagd und vom Fischen. © FOTO: MARIUS BUHL

„Ground Zero“ des Klimawandels, so bezeichnen Wissenschaftler Grönland. An kaum einem Ort sind die Konsequenzen dramatischer. Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Erde, in Südwestgrönland stieg die Durchschnittstemperatur in den vergangenen sieben Jahren um drei Grad. Im Sommer 2019, einem der wärmsten seit Beginn der Messungen, schmolzen auf der ganzen Insel 320 Gigatonnen Eis – das würde siebenmal den Bodensee füllen. Schmilzt der grönländische Eisschild eines Tages komplett, steigt der Meeresspiegel um sieben Meter.

Die Grönländer spüren die Erderhitzung

Doch während Forscher beständig neue Messungen aus dem Innern des Eisschilds liefern, Kinder auf der ganzen Welt demonstrieren und Erwachsene Greta Thunberg beleidigen, spüren die 55.000 Grönländer die Erderhitzung längst als komplexe Realität. Wie sich ihr Leben verändert? Nirgends lässt sich das besser beobachten als in der Heimat des Fischers Ole Kristiansen, Ilulissat.

4.500 Einwohner leben hier, Grönlands drittgrößte Siedlung liegt an der Westküste, rund 250 Kilometer nördlich des Polarkreises. Die bunten Holzhäuser bauen sie auf blanken Gneis, weil der Permafrost den Boden so hart macht, dass man darin nicht graben kann. Die Gräber für die Toten heben sie im Sommer aus, sie müssen schätzen, wie viele im Winter sterben werden.

Hier, wo Männer am Hafen von der gestrigen Eisbärjagd erzählen, während Cafés, betrieben von Ausländern, American Cheesecake verkaufen, wo Fischer auf Robben schießen, während sich der Ort zur Hauptdestination des lokalen Tourismus entwickelt, kann man den Wandel der grönländischen Gesellschaft, angetrieben vom Klimawandel, wie unter einem Brennglas beobachten.

Der Hafen Ilulissat.
Der Hafen Ilulissat. © Foto: Julia Wäschenbach

Wie es dazu kam, das lässt man sich am besten von einem Grönländer erklären, zum Beispiel von Jens Pele Petersen, dem Briefträger des Örtchens. Täglich holt er Pakete vom Flughafen ab und bringt sie den Dörflern nach Hause. Petersen ist ein großer Mann mit festem Händedruck und eisklaren Augen, auf die er sehr stolz ist. „Hast du meine blauen Augen gesehen?“, fragt er. „Untypisch für einen Grönländer, aber ich bin zu 100 Prozent Inuit.“ Petersen sagt, dass er immer halte, wenn er Touristen sehe, die vom Flughafen ins Dorf müssen. „Die sparen sich das Geld fürs Taxi, und ich erfahre etwas über die Welt da draußen.“

Einhändig steuert er das Auto durch Ilulissat, hebt hier und da die Hand und grüßt. Eigentlich sind viel zu viele Autos unterwegs auf den Straßen des Dorfs dafür, dass man von einem Ende zum anderen zu Fuß nur 15 Minuten bräuchte und die Straßen außerhalb des Dorfs einfach aufhören. Aber seit der Wohlstand hier wachse, sagt Petersen, führen eben immer mehr Leute Auto. „Man sucht sich eins aus im Katalog, das kommt dann Wochen später mit dem Schiff.“ Hat er auch so gemacht. An jeder zweiten Ecke zeigt Petersen auf einen Kran. „Überall wird gebaut“, sagt er, „das nimmt hier kein Ende.“

Hier ist die Erderwärmung Realität
Hier ist die Erderwärmung Realität © Grafik: Sven Lemkemeyer/Tagesspiegel

Um zu erklären, warum aus Ilulissat das grönländische Dorf wurde, das sich am drastischsten verändert, fährt der Briefträger auf einen Hügel am Dorfrand, von dem aus man einen Blick auf eines der atemberaubendsten Naturphänomene der Welt hat: den Kangia Eisfjord.

Der Kangia, 1.000 Meter tief, existiert, weil landeinwärts einer der schnellsten Gletscher der Welt, der Sermeq Kujalleq, unablässig ins Wasser kalbt und damit wie am Fließband Eisberge und Skulpturen produziert, die an Ilulissat vorbei auf den Ozean ziehen. Einst trieb ein Koloss aus diesem Fjord, der Tausende Kilometer weiter südlich vor Neufundland auf ein Schiff prallte, die Titanic.

An manchen Sommertagen halten drei Kreuzfahrtschiffe

Der Eisfjord war es auch, der Ilulissat 2004 erhöhte Aufmerksamkeit bescherte: Die Unesco ernannte ihn zum Weltnaturerbe. 2007 besuchte Angela Merkel den Ort, im roten Parka bestaunte sie die schmelzenden Eisberge, die Bilder gingen um die Welt. In den vergangenen Jahren ist der Kangia noch mal kurz gewachsen, was Experten aber nicht als Trendwende verstanden wissen wollen. Den langfristigen Rückgang des Eises beeinflusse das nicht.

Früher interessierten sich höchstens Polarforscher und Extremsportler für diesen lebensfeindlichen Winkel Erde, heute halten an manchen Sommertagen drei Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig vor Ilulissat. Dann strömen 5000 Menschen durchs Dorf, mehr als es Einwohner hat. Die Touristen, so erklärt es sich die grönländische Tourismusbehörde, kommen, weil sie einen letzten Blick erhaschen wollen auf das schmelzende Eis. In diesem Sommer stiegen viele im T-Shirt vom Schiff. Das Thermometer kletterte bis auf ungewohnte 20 Grad.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen 2007 auf einem Boot im Eisfjord nahe Ilulissat.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen 2007 auf einem Boot im Eisfjord nahe Ilulissat. © Foto: M. Kappeler

In der Fischerei am Dorfplatz hängen jetzt Fotografieren-verboten-Schilder, zu gierig sind die Fremden auf Fotos von Robben- und Walfleisch. Doch die Fischerei ist nur ein letzter Ort des Widerstands. Draußen hinter den Fensterscheiben sprießen die Hotels und die Guest Houses, die Cafés und die Expeditionsanbieter. Und die Touristen, die davor Schlange stehen, bringen nicht nur ihre neu gekauften Outdoorjacken mit, sondern auch ihre Vorstellungen vom Leben. Seitdem prallen hier Welten aufeinander. Cheesecake und Robbensuppe.

Es ist ein Globalisierungsdrama, das sich in Ilulissat abspielt, angetrieben vom Klimawandel. Im Norden der Stadt bauen sie schon einen neuen Flughafen, ab 2023 sollen Touristen per Direktflug hier landen können. Ein neues Kapitel beginnt. Die Frage ist, wer darin die Hauptrolle spielt.

Der Briefträger Jens Pele Petersen hat zum Abendessen eingeladen. Vorher steuert er seinen Wagen aber noch schnell zum Supermarkt Pisiffik, wo er Gemüse und Obst kauft, Salat und Hackfleisch. Der Salat, sagt er, kostet 50 Kronen, fast sieben Euro. Er kommt mit dem Schiff aus Europa, zweimal die Woche.

Postbote Jens Pele Petersen.
Postbote Jens Pele Petersen. © FOTO: MARIUS BUHL

Zu Hause deckt er den Tisch, seine Frau Ane kocht Spaghetti Bolognese. Wie er arbeitet sie bei der Post, als seine Vorgesetzte. „Meine Chefin, daheim und bei der Arbeit“, sagt Jens Pele und lacht. Der Sohn der beiden, Kenny, zockt auf dem Smartphone Fortnite im Kinderzimmer, er spreche wegen des Spiels schon heute besser Englisch als sein Vater. Jens Pele Petersen führt durchs Haus, Licht flutet das weiße Holz, im Flur steht ein Hometrainer, in der Küche ein Eiweißshake. Bei Facebook, Petersen postet fast täglich, zeigt er Bilder von einer Hütte, die er außerhalb des Dorfs baut, um dort die wärmer werdenden Sommer genießen zu können.

Beim Essen unterhalten sich die Petersens über den Eisbär, den ein Jäger aus dem Dorf am Vortag geschossen hat. Ane sagt, sie könne das nicht verstehen, viel zu jung sei das Tier gewesen. „Im Dorf würden wir das aber nicht laut sagen“, sagt Jens Pele. „Unsere Meinung ist dort nicht so populär.“

Auch das muss er sein, der Klimawandel, dieser Gedanke kommt einem unweigerlich, wenn man mit dieser modernen Familie am Abendbrottisch sitzt. Er lässt das Eis schmelzen und macht damit kurz vor dem Nordpol ein Leben möglich, in dem Eiweißshakes und Sommerhäuser eine größere Rolle spielen als die Eisbärenjagd. Ist das gut?

Sechs Prozent der Rohölreserven in der Arktis

Nicht wenige auf Grönland – auch die Petersens – sehen das so. Der Klimawandel, argumentieren sie, sei eher Chance als Bedrohung. Und das nicht nur im Privaten.

Als Donald Trump neulich davon sprach, Grönland kaufen zu wollen, hatte das, bei aller Absurdität der Idee, einen Grund. 90 Milliarden Barrel Rohöl vermuten Experten in der Arktis, gut sechs Prozent der weltweiten Reserven, außerdem rund 25 Prozent der noch nicht erschlossenen Erdgasreserven, besonders in zwei Becken vor Grönland könnte sich die Förderung lohnen. Über 50 Abbaulizenzen erteilte Grönland in den vergangenen Jahren an ausländische Investoren: Gold, Nickel, Kupfer.

Im Süden der Insel, bei der Siedlung Narsaq, liegt eine der weltgrößten Uranminen, ein chinesisch-australisches Baukonsortium will sie ausbeuten, außerdem die extrem wertvollen seltenen Erden, nach denen die Welt lechzt, weil sie in Smartphoneplatinen und Hybridautos verbaut werden. Dazu kommen unermessliche Sandreserven. Die Welt steht Schlange, um die Ressourcen Grönlands abzubauen.

Die Bevölkerung will unabhängig werden

Grönland wiederum verfolgt einen eigenen Plan. Größter Wunsch der Bevölkerung, das sagen Jens Pele Petersen und der Fischer Ole Kristiansen genauso wie alle Erhebungen zu dieser Frage, ist die vollständige Unabhängigkeit von der einstigen Kolonialmacht Dänemark. Das Problem: Jährlich überweist Dänemark 470 Millionen Euro – etwa zwei Drittel des grönländischen Budgets. Um sich von Dänemark loszusagen, müsste Grönland auch finanziell unabhängig werden. Bergbau, Landwirtschaft, Tourismus: Ausgerechnet der Klimawandel könnte am Ende die Unabhängigkeit bringen.

Doch das ist nur die eine Seite. Im Wohnzimmer der Petersens erzählt Ane auch von den negativen Aspekten des Klimawandels. Sie zeigt ein Bild, das in ihrem Flur hängt. Der Mann darauf lächelt freundlich, das Bild ist schwarz-weiß. Es ist Anes Vater, er starb vor ein paar Jahren bei einem Unfall.

Ihr Vater sei gerade mit dem Schneemobil auf dem Meereis unterwegs gewesen, erzählt Ane, als er feststellte, dass eine Scholle gebrochen war und zu sinken begann. Er drückte den Gashebel durch, wollte sich vor dem Ertrinken retten, kollidierte dabei mit einem zweiten Schneemobilfahrer, flog durch die Luft und schlug heftig auf. Er starb am Unfallort.

Das Meereis ist Lebensgrundlage und Symbol für das traditionelle grönländische Leben. Über Jahrtausende schirmte es die Arktis im Winter ab vor jedem Einfluss. Es blockierte das Meer und damit die Schiffe, die Ilulissat über sechs, sieben Monate nicht mehr erreichten. Kein Salat, keine Orangen. Dafür zogen die Fischer tagelang über das gefrorene Wasser und jagten Robben, Eisbären, Rentiere. Oder besuchten, weil es keine Straßen gibt, über den Meeresweg Verwandte in anderen Siedlungen. Das Eis als soziale Brücke.

Im Dorf trifft man eine Menge Menschen, die vom gefrorenen Meer reden können wie von einem Vater, der im Sterben liegt. Ove zum Beispiel, auch er Fischer, 76 Jahre alt. Ein kleiner, gebückt gehender Mann, der gerade auf eine Leiter klettert, um Heilbutt zum Trocknen an seinem Haus aufzuhängen. „Früher sind wir bis spät im Frühling mit Schlittenhunden aufs Meer gefahren“, sagt Ove. „Heute haben wir Glück, wenn sich ein bisschen Eis bildet. Aber meist ist es zu dünn, um darauf zu gehen.“

Mit dem Eis verschwinden die Schlittenhunde, eine der ältesten Hunderassen der Welt. Siedler, die von Kanada aus einst nach Grönland kamen, brachten sie mit. Bis heute gibt es auf Grönland den sogenannten Hundeäquator im Süden der Insel. Nördlich dieser überlieferten Grenze dürfen ausschließlich Schlittenhunde gehalten werden, um eine Vermischung der Rassen zu verhindern.

Die Schlittenhunde trauen sich nicht mehr aufs Eis

Als das Meereis stabil genug war, waren die Schlittenhunde den Grönländern das wichtigste Fortbewegungsmittel. „Die Hunde“, sagt Ove, „spürten, wo das Eis dick genug zum Laufen ist.“ Heute weigerten sie sich oft, das dünne Eis überhaupt zu betreten.

Einst lebten mehr als 6.000 Schlittenhunde in Ilulissat, ihr Heulen drang nachts durchs Dorf. Heute leben hier nur noch knapp 2.000. Viele Jäger erschossen ihre Hunde gar, weil sie nicht mehr für sie sorgen konnten. Die übrigen leben nicht wie früher mitten im Dorf, sondern müssen wegen der vielen Autos, die heute durch Ilulissat fahren, in Zwingern außerhalb gehalten werden. „Mit den Hunden erlischt das Leben, mit dem ich groß geworden bin“, sagt Ove.

Doch nicht nur Meereis und Schlittenhunde verschwinden. Auch die Sprache der Grönländer, bildhaft und beschreibend, ist dem Klimawandel ausgesetzt. Das Wort „Isersarneq“ zum Beispiel. Es bedeutet: „Dies ist ein Wind im Fjord, der vom Meer her kommt und es schwer machen könnte, nach Hause zu kommen, aber wenn man aus dem Fjord herauskommt, ist das Wetter angenehm.“ Weil das Wetter unberechenbar geworden ist, Winde sich drehen, ergeben manche Begriffe heute keinen Sinn mehr.

Der Klimawandel bedroht das Jagen

Dafür erfinden die Inuit nun manches Wort neu. „Uggianaqtuq“ zum Beispiel. Es bedeutet „sich seltsam verhalten“. Das Wort meint das veränderte Klima – und die Menschen, die nicht wissen, wie sie darauf reagieren sollen.

Wenig war bislang bekannt über die psychologischen Auswirkungen des Klimawandels. Die erste repräsentative Studie erhob in diesem Sommer Kelton Minor, Soziologe an der Universität Kopenhagen. Der Greenlandic Perspectives Survey (GPS) untersucht den Blick der Grönländer auf den Klimawandel – und Minor fand Erstaunliches heraus. Rund 92 Prozent der Befragten sind laut Studie überzeugt, dass der Klimawandel eine Tatsache ist, nur 1 Prozent glaubt das nicht. 76 Prozent der Grönländer bestätigten, die Auswirkungen des Klimawandels im Alltag persönlich zu spüren. Drei von vier Familien gaben an, noch immer von der Jagd zu leben – knapp zwei Drittel befürchten aber, dass der Klimawandel der Tradition des Jagens schaden wird.

Posttraumatischer Belastungsstörungen

Auch Dr. Courtney Howard, Notärztin in der kanadischen Arktis, erforscht die Folgen des Klimawandels für die Grönländer. Sie sagte jüngst dem Guardian, der Klimawandel führe bei manchen Inuit zu Angstzuständen und einer Form von ökologischer Trauer, weil sie ihre Heimat verlören. Bei manchen Inuit mache sie gar Anzeichen von posttraumatischer Belastungsstörung aus, sagt Howard. Die ökologische Katastrophe – auf Grönland hat sie längst eine kulturelle ausgelöst.

Von den Abgründen einer Gesellschaft im Wandel kann auch Simone Petersen aus Ilulissat erzählen. Petersen, nicht verwandt mit Briefträger Jens Pele Petersen, ist Dänin, eine Frau mit orangefarbenen Haaren. Sie geht gerade eine Stichstraße hinauf zu einer Wiese, auf der sie drei Schlittenhunde hält. Aus einer Plastiktasche holt Petersen drei ganze Fische und wirft sie den Hunden hin. Dann öffnet sie einen Verschlag, in dem fünf Welpen tollen.

Während Petersen die Welpen füttert, erzählt sie. Bei einer Reise nach Grönland verliebte sie sich 2008 in einen Jäger aus Ilulissat, Knut, zwei Monate später zog sie her. „Wir hatten 16 Hunde und waren glücklich“, sagt sie. Vor drei Jahren starb Knut an einem Aneurysma. Simone beschloss, auch ohne ihn hierzubleiben.

In Ilulissat arbeitete sie sechs Jahre lang als Sozialarbeiterin in einem Waisenheim. „Viele Kinder, die ich dort betreute, haben ihre Eltern durch Gewaltverbrechen verloren“, sagt sie. „Andere wurden misshandelt, oder die Eltern haben sich umgebracht.“

Die hohe Suizidrate, sie ist siebenmal so hoch wie in Deutschland, macht Petersen zu schaffen. Im Waisenheim arbeitete sie zusammen mit einer Kollegin, die vier Söhne hatte – alle brachten sich um. „Wenn einer beginnt, zieht sich das oft durch die ganze Familie“, sagt sie. Die Motive seien vielfältig. „Von einem Jungen weiß ich, dass seine Freundin ihn verlassen hatte, das reichte ihm schon.“

Viele Grönländer hätten nie gelernt, mit Problemen umzugehen, glaubt Petersen. Andere seien schlicht überfordert mit dem radikalen Wandel, der hier gerade passiere.

Alle zwei Wochen Lohntag - alle zwei Wochen Saufgelage

„Wenn Arbeitnehmer auf Grönland Lohn erhalten, was alle zwei Wochen passiert, kann man bei manchen davon ausgehen, dass sie am Montag darauf nicht zur Arbeit erscheinen“, sagt Petersen. Lohn erhalten sei für manche gleichbedeutend mit einem dreitägigen Saufgelage. In dieser Zeit passierten auch die meisten Verbrechen.

Über diese Unzuverlässigkeit sprechen nach einer Weile fast alle, die man in Ilulissat fragt, Ausländer wie Grönländer selbst. Simone Petersen sagt, dass man nichts verstehe, wenn man mit einem deutschen oder dänischen Blick auf die Probleme der Grönländer schaue. „Vieles, was wir in Europa für normal halten, gilt hier nicht.“ Der Tag ihres Freundes Knut beispielsweise habe nie nach dem Wecker begonnen. Er sei aufgewacht, wann er eben aufgewacht sei, dann sei er zum Fenster gegangen und habe sich das Wetter angesehen. Gejagt habe Knut nur, wenn er etwas zu essen brauchte. Die Beute verkaufen, Geld verdienen, den Wohlstand mehren – „das war ihm völlig fremd“.

Einmal sei er mit Touristen verabredet gewesen für eine kleine Bootstour. Als er zur vereinbarten Zeit noch zu Hause war, habe Petersen ihn gefragt, ob er nicht losmüsse. „Die sehen doch, dass das Meer schwarz ist, da fährt man nicht raus“, habe Knut ihr geantwortet.

Unweigerlich kommt einem der Robbenjäger Ole Kristiansen wieder in den Sinn. Als dieser nach 13 Schüssen noch immer keine Robbe getroffen hatte, fuhr er vergnügt wieder in den Hafen ein. Als er das Boot vertäute, sagte er: „Ich mache ein paar Tage Pause mit dem Jagen, ich habe gerade genug zu essen.“

Einige haben neuen Zeitgeist verinnerlicht

Simone Petersen beginnt zu lachen, erzählt man ihr diese Geschichte. „Genauso hätte es Knut auch gesagt“, sagt sie. Aber natürlich seien längst nicht mehr alle Grönländer so. Es gebe einige, die den neuen, kapitalistisch geprägten Zeitgeist verinnerlicht hätten. Menschen wie Carl Sandgreen.

Sandgreen trifft man in Ilulissat mehrfach am Tag, ständig ist er auf dem Weg irgendwohin. Eines Morgens steht er am Hafen, ein kleiner, braungebrannter Mann in dickem Wollpulli. Gerade macht er sein Boot los, weil er auf dem Meer Eis sammeln möchte fürs schicke Hotel „Hvide Falk“. Die benutzen das klare Gletschereis für Cocktails, „Touristen finden das cool“, sagt Sandgreen und zuckt mit den Schultern.

Carl Sandgreen war mal Jäger, er hat im Hotel Arctic an der Rezeption gearbeitet, als Angela Merkel dort abstieg. Und er hat, davor schon, Mathematik und Wirtschaftswissenschaften studiert in Nuuk, der grönländischen Hauptstadt. Heute ist Sandgreen in Ilulissat nicht nur wegen seines Studienabschlusses eine Besonderheit: Er arbeitet als Guide für Touristen – als einer der wenigen Grönländer.

Sandgreen gründete sein Unternehmen „Ilulissat Water Safari“, als er vom neuen Flughafen hörte, der 2023 fertig sein soll. Da begriff er, dass das alte Leben in Ilulissat vorbei war. Und er beschloss, das Beste daraus zu machen.

Täglich fährt er Touristen raus zu den Walen, er geht mit ihnen jagen oder erklärt ihnen die Eisberge im Fjord. „Der Klimawandel ist für mich kein Feind“, sagt Sandgreen. „Sondern eine Veränderung, an die ich mich anpassen muss. Gerade wir Grönländer sind eigentlich Meister darin, uns mit rauen Bedingungen zu arrangieren.“

Oft haben Dänen das Sagen

Das Geschäft laufe gut, sagt er, gerade habe er ein zweites Boot und ein Schneemobil gekauft, bald könne er jemanden einstellen. Einen Grönländer am liebsten. Er hat einen Verband gegründet, in dem sich grönländische Unternehmer austauschen können, momentan suchen sie nach einem Clubhaus. Bei der nächsten Kommunalwahl will er sich aufstellen lassen, auf Facebook postet er regelmäßig, was ihn stört in Ilulissat.

„Die Leute, die vor Ort was zu sagen haben, sind alles Dänen“, sagt Sandgreen. „Der Chef der Airline, die Chefs der Supermärkte, des Hotels Arctic.“ Besonders die dänischen Guides nerven ihn. Viele seien Studenten, die für einen Sommer kämen und Touristen dann den Eisfjord oder die Wale erklärten. „Dabei könnten wir Grönländer doch viel detaillierter von unserer Heimat berichten.“

Wird Grönland ein ganz normales Land?

Aber, sagt Sandgreen, es bringe nichts, auf die anderen zu schimpfen. Wenn der Klimawandel für die Grönländer tatsächlich eher Chance als Bedrohung sein solle, „dann müssen wir aufwachen!“ Sandgreen sieht es so: Gerade werde ein gigantischer Kuchen verteilt. Entweder man stehe auf und beanspruche lautstark den eigenen Anteil – oder der Teller sei bald leer und Grönland noch immer abhängig vom Geld Dänemarks. Das wäre der worst case. „Unsere Unabhängigkeit beginnt im Kopf“, sagt er.

Weiterführende Artikel

Das große Schmelzen geht schneller als gedacht

Das große Schmelzen geht schneller als gedacht

Dresdner Forscher beweisen, was bisher nur Vermutung war: Der Eisverlust in Grönland ist bereits dramatisch und lässt den Meerespiegel steigen.

Als er vor die Tür tritt und in seinem Auto davonfährt, färbt sich der Himmel über dem Hotel „Hvide Falk“ bereits rot, später am Abend wird daraus ein dunkles Orange, schließlich ein stechendes Lila, als hätte jemand den Sättigungsregler der Farben ins Unnatürliche überdreht. Es ist das Eis, das die Sonnenuntergänge auf Grönland so strahlen lässt, weil es die Farben reflektiert wie ein gigantischer Spiegel. Die Eisberge draußen auf dem Kangia, sie scheinen jetzt zu glühen. Ist das Eis erst geschmolzen, wird es diese Sonnenuntergänge nicht mehr geben. Dann wird aus Grönland, der Eiswüste, eines womöglich gar nicht allzu fernen Tages ein ganz normales Land.

Im Süden wachsen schon die ersten Erdbeeren.

Mehr zum Thema Deutschland & Welt