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Größtes Dresdner Kraftwerk wird moderner

Die Anlagen an der Nossener Brücke sollen bis 2035 durchhalten. Was die Drewag alles unternimmt.

Mechatronikerin Anja Werner und andere Spezialisten arbeiten derzeit im Kraftwerk Nossener Brücke, wo die zentrale Leit- und Steuertechnik erneuert wird.
Mechatronikerin Anja Werner und andere Spezialisten arbeiten derzeit im Kraftwerk Nossener Brücke, wo die zentrale Leit- und Steuertechnik erneuert wird. © René Meinig

Dresden. Im Heizkraftwerk Nossener Brücke geben sich Spezialisten derzeit die Klinke in die Hand. Und das nicht nur, weil in der warmen Jahreszeit die Anlagen überprüft werden müssen, bevor Anfang Oktober wieder die Heizperiode beginnt. Dieses Jahr hat eine umfassende Modernisierung begonnen, erklärt Axel Pechstein. Der 51-jährige Abteilungsleiter für Gas- und Dampfturbinenkraftwerke ist auch für die Anlagen in Reick und Dresden-Nord zuständig. Für die jetzigen Arbeiten an der Nossener Brücke investiert die Drewag bis zu 35 Millionen Euro.

Das Kraftwerk: Energie wird zu 85 Prozent ausgenutzt

604 Kilometer lang ist Dresdens Fernwärmenetz, das sich über das gesamte Stadtgebiet erstreckt. Es ist damit deutschlandweit eines der größten Netze. Der Hauptversorger ist das Heizkraftwerk an der Nossener Brücke mit seinen drei Gas- und einer Dampfturbine. „Es ist die effizienteste Anlage mit einem Wirkungsgrad von 85 Prozent", erklärt Pechstein. Nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung wird die Energie des Erdgases somit fast vollständig ausgenutzt. 

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Das Kraftwerk Nossener Brücke mit seiner Leistung von bis zu 480 Megawatt ist das Größte von Dresden.
Das Kraftwerk Nossener Brücke mit seiner Leistung von bis zu 480 Megawatt ist das Größte von Dresden. © Foto: Rene Meinig

Über einen Generator erzeugen die Gasturbinen Strom. Deren 500 Grad heiße Abgase werden im Abhitzekessel dafür eingesetzt, das Wasser für das Fernwärmenetz zu erhitzen. Das Kraftwerk mit seiner maximalen Wärmeleistung von 480 Megawatt arbeitet das ganze Jahr über, derzeit mit einer Turbine aber nur auf Sparflamme. Zudem kann wegen der Modernisierungsarbeiten nur Strom und keine Fernwärme erzeugt werden, so Pechstein.

Immer wieder sind Instandsetzungsarbeiten im Kraftwerk Nossener Brücke nötig. Hier musste 2018 diese riesige Ersatz-Welle in einen Generator eingebaut werden. Sie wiegt 19 Tonnen. Die alte Welle war ausgefallen und musste instand gesetzt werden.
Immer wieder sind Instandsetzungsarbeiten im Kraftwerk Nossener Brücke nötig. Hier musste 2018 diese riesige Ersatz-Welle in einen Generator eingebaut werden. Sie wiegt 19 Tonnen. Die alte Welle war ausgefallen und musste instand gesetzt werden. © Foto: Jürgen Jeibmann

Die Vorarbeit: Alle Turbinen schon generalüberholt

1995 war das Kraftwerk in Betrieb genommen worden. Zwischen 2010 und 2014 hatten Spezialisten die ersten drei Löbtauer Gasturbinen in den Berliner Siemens-Werken generalüberholt, damit sie jeweils für weitere 100.000 Betriebsstunden eingesetzt werden können. Im Juni 2017 war die letzte von ihnen dorthin gebracht und bei der Generalüberholung komplett zerlegt, begutachtet und instand gesetzt worden, die dann die Reservemaschine im Kraftwerk war. Allerdings ist ihre Nutzung auf 200.000 Betriebsstunden begrenzt.

Ein Blick in die Halle, wo die drei Gasturbinen stehen. Während der derzeitigen Wartungs- und Modernisierungsarbeiten ist aber nur eine von ihnen in Betrieb.
Ein Blick in die Halle, wo die drei Gasturbinen stehen. Während der derzeitigen Wartungs- und Modernisierungsarbeiten ist aber nur eine von ihnen in Betrieb. © René Meinig

Der erste Schritt: Neue Leit- und Steuerungstechnik

Seit dem 9. Juni wird die zentrale Leit- und Steuertechnik erneuert. „Diese Computersysteme sind das Gehirn der vollautomatischen Anlage“, erläutert Pechstein. Die Arbeiten sind weit fortgeschritten. Deshalb geht es rings um die zentrale Warte des Kraftwerks turbulent zu. Denn die Fachleute müssen sich genau abstimmen bei der Wiederinbetriebnahme der erneuerten Maschinen-, Leit- und Elektrotechnik. Bis 10. Juli sollen alle Arbeiten beendet werden.

Turbulent geht es derzeit in der zentralen Warte des Kraftwerks zu. Denn die erneuerte Maschinen-, Leit- und Elektrotechnik wird wieder in Betrieb genommen.
Turbulent geht es derzeit in der zentralen Warte des Kraftwerks zu. Denn die erneuerte Maschinen-, Leit- und Elektrotechnik wird wieder in Betrieb genommen. © René Meinig

Die Drewag achtet penibel auf Sicherheit. Die Warte ist hinter Scheiben hermetisch abgeschirmt. Während der Corona-Krise wurde auch eine Ersatzwarte eingerichtet, die zwar derzeit nicht besetzt, aber betriebsbereit ist, so der Abteilungsleiter. 

Die Hauptaktion: 40-Tonnen-Turbine wird eingebaut

Am 17. Juli rollt im Kraftwerk ein Schwertransport an. Dann kommt die 40 Tonnen schwere neue Gasturbine, die rund 17 Euro kostet. Die Montage beginnt drei Tage später. In dem Zuge montieren die Spezialisten dafür auch ein neues Vakuumgetriebe. Durch das Vakuum im Inneren werden die Reibungsverluste erheblich um 30 Prozent reduziert, was auch zu Einsparungen beim Gasverbrauch der Turbinen führt. Zudem hat der Abhitzekessel ausgedient. „Er wird abgerissen und erneuert“, sagt Pechstein. Zu Beginn der Heizperiode Anfang Oktober sollen alle Arbeiten abgeschlossen sein. Im kommenden Jahr sind noch weitere Arbeiten vorgesehen. So werden unter anderem zwei weitere neue Getriebe eingebaut, sodass sie an allen drei installierten Gasturbinen erneuert sind.

Damit sorgt die Drewag schon vor. Denn 2023 hat die erste Gasturbine nach 200.000 Betriebsstunden ausgedient und muss verschrottet werden.

Die Weltneuheit: Test für gedruckte Turbinenschaufeln

Bereits seit vergangenem Jahr werden acht Gasturbinenschaufeln getestet, die mit einem 3-D-Drucker hergestellt wurden, verweist Pechstein auf einen weiteren Schritt. Mit dem Laserdrucker sei Metallpulver de facto verschweißt worden. Diese Schaufeln, die die Welle antreiben, wurden bisher gegossen. „Der Test läuft bis 2021“, sagt Pechstein. „Er bringt Vorteile für den Hersteller und für uns.“ Beispielsweise mussten die Schaufeln zwei Jahre vorher bestellt werden. Mit der neuen Technik könnte schneller geliefert werden. Läuft der Test gut, könnte ein gesamter Ring mit 100 solcher Schaufeln bestückt werden. „In dieser Leistungsklasse wären wir damit weltweit die Ersten“, sagt der Kraftwerkschef.

Mit den geplanten Arbeiten und bei regelmäßigen Wartungen kann das Kraftwerk bis mindestens 2035 oder sogar bis 2040 betrieben werden. 

Der Riesen-Tauchsieder: Flexible Anlage am Kraftwerk

Auf moderne Technik bei der Energiewende setzt die Drewag aber auch an anderen Stellen. Gegenüber vom Löbtauer Kraftwerk ragt seit 2019 ein 24 Meter hoher Turm an der Fabrikstraße empor. Dabei handelt es sich um den Pufferspeicher der neuen Elektrodenheizkesselanlage. Die Anlage schafft eine völlig neue Möglichkeit. An windigen Tagen steht viel Wind-, an sonnigen Tagen viel Solarenergie preiswert zur Verfügung. Doch so viel Strom wird in Spitzenzeiten nicht benötigt. Die Anlage kann während solcher Zeiten überschüssigen Strom in speicherbare Energie in Form von Wärme umwandeln.

Herzstück der Anlage ist der Elektrodenheizkessel. Er funktioniert wie ein riesiger Tauchsieder. Über große Elektroden fließt grüner Strom durchs Wasser und erhitzt es auf 130 Grad. Mit einem Wärmeübertrager wird das heiße Wasser dann zu dem hohen, turmartigen Pufferspeicher übertragen, der 315 Kubikmeter fasst. Von dort aus können Dresdner Haushalte und Betriebe mit dieser Fernwärme versorgt werden.

Diese neue Elektrodenheizkesselanlage wurde 2019 neben dem Kraftwerk in Betrieb genommen. Dieser Riesen-Tauchsieder schafft neue Möglichkeiten, damit die Energieversorgung noch kostengünstiger und flexibler wird.
Diese neue Elektrodenheizkesselanlage wurde 2019 neben dem Kraftwerk in Betrieb genommen. Dieser Riesen-Tauchsieder schafft neue Möglichkeiten, damit die Energieversorgung noch kostengünstiger und flexibler wird. © Foto: Rene Meinig

Der Neubau: Flexibles Reicker Kraftwerk Ende 2021 fertig

Ende kommenden Jahres soll zudem ein hochmodernes Kraftwerk in Reick in Betrieb genommen werden. Die Stadtwerke lassen von der finnischen Firma Wärtsilä für rund 95 Millionen Euro eine Anlage mit acht Gasmotoren errichten, die sehr flexibel ist und Strom und Fernwärme erzeugt.

Ein Blick auf die Baustelle des neuen Reicker Kraftwerks während der Grundsteinlegung im April dieses Jahres. Bis Ende 2021 soll der Bau beendet werden.
Ein Blick auf die Baustelle des neuen Reicker Kraftwerks während der Grundsteinlegung im April dieses Jahres. Bis Ende 2021 soll der Bau beendet werden. © Christian Juppe

Ende 2019 hatte der Bau begonnen. Seit Ende Mai wächst der Komplex in die Höhe. Bis Oktober soll die Gebäudehülle soweit fertiggestellt sein, dass die Aggregate und die Ausrüstungen für die Wärmeerzeugung eingebaut werden können. Noch 2021 werden alle Arbeiten abgeschlossen, sodass die Anlagen 2022 schrittweise in Betrieb genommen werden können.

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