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Ab 2023 werden in Sachsen Passagierflugzeuge gebaut

Am Flughafen Halle/Leipzig will sich ein Flugzeugbauer ansiedeln - und die Tradition einer Passagiermaschine wieder aufleben lassen.

Noch gibt es die D328NEU nur als Modell. Aber im übernächsten Schritt könnte sie sogar elektrisch unterwegs sein.
Noch gibt es die D328NEU nur als Modell. Aber im übernächsten Schritt könnte sie sogar elektrisch unterwegs sein. © Jan Woitas / dpa

Leipzig. Zukunft. So steht’s groß auf blauen Bonbons, die Sachsens Wirtschaftsministerium am Flughafen Leipzig-Halle auf vier Stehtischen für die Weltpresse verteilt hat. Darum drängen sich rund 50 Journalisten und einige Kamerateams, um das Highlight des 1. Nationalen Luftfahrtgipfels zu erleben: die Pläne des ersten deutschen Flugzeugbauers seit 2005, als die Dornier 328 eingestellt wurde.

Das erste Raunen gibt’s, als Sachsens Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) als Ministerpräsident vorgestellt wird. Dem Versprecher folgen Versprechen: Der US-Luft- und Raumfahrtkonzern Sierra Nevada Corp. (SNC) und seine deutsche Tochter 328 Support Services GmbH wollen am Airport zwischen Autobahn 14 und Startbahn Nord 80 Millionen Euro investieren, bis zu 250 direkte Jobs schaffen und ab 2023 ein Kurzstreckenflugzeug für bis zu 39 Passagiere bauen. Die weiterentwickelte D328NEU. Ein Video verheißt ein neues Flugzeug mit geringerem Treibstoffverbrauch, noch dazu Biosprit, zudem billiger, dank neuer Propeller leiser, mit niedrigerer CO2-Bilanz als der Vorgänger und mit Hybridantrieb – eben „Luftfahrt neu gedacht“.

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Mit der Präsentation wird auch das Anliegen der 1. Nationalen Luftfahrtkonferenz konkret. Hunderte Vertreter der Branche mit 850.000 direkt und indirekt Beschäftigten hatten sich auf dem DHL-Gelände am Airport versammelt, um mit der Bundesregierung Wege zum klimafreundlichen Luftverkehr aufzuzeigen – als Alternative zu von Umweltschützern und Lärmgestörten geforderten Einschränkungen und fixiert in einer „Leipziger Erklärung“. 

Eine Dornier 328 steht auf dem Flughafen Leipzig-Halle.
Eine Dornier 328 steht auf dem Flughafen Leipzig-Halle. © Jan Woitas/dpa

Auf der Tagung gab es auch Vorschläge für höhere Ticket- und Luftverkehrssteuern, die in den Klimaschutz fließen könnten. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist gegen „erzwungene Einschränkungen“, Deutschland solle besser führend bei klimaverträglichen Technologien werden, sagt sie. Auch Sachsen ist elektrisiert und soll laut Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) nach der Landtagswahl einen Koordinator für Luft- und Raumfahrt bekommen.

Der dürfte dann auch das Leipziger Dornier-Projekt begleiten, das 2020 starten soll. „Es war eine Vision, die 328 wieder in Produktion zu bringen“, sagt Nico Neumann, Fertigungschef bei 328 Support Services, Inhaber der Musterzulassung. Die gestretchte Propellerversion hat eine Reichweite von 650 Kilometern. Neumann sieht gute Marktchancen, gebe es doch keine anderen Produzenten für 30- bis 40-Sitzer.

Mit der Ansiedlung werde der „Luftfahrtstandort Sachsen um das bereichert, was ihn mal ausgemacht hat: nicht nur Forschung und Entwicklung, sondern das Bauen von Flugzeugen“, sagt Minister Dulig. Der Leipziger Flughafen sei ein idealer Standort. Dort habe der Freistaat schon 1,5 Milliarden Euro investiert, und er nutze erneut alle Möglichkeiten des Beihilferechts. Die Investition werde mit maximal zehn Prozent, also 6,5 Millionen Euro, unterstützt, die nötige Straßeninfrastruktur zu 90 Prozent bezahlt und ferner in Kooperation mit der Arbeitsagentur die Mitarbeiterakquise unterstützt. Auch der Bund trage seinen Teil bei, sagt dessen Koordinator für Luft- und Raumfahrt, Thomas Jarzombek. Ein Drittel der Investition werde durch Darlehen abgedeckt, und aus dem Luftfahrt-Ausrüsterprogramm kämen weitere 125 Millionen Euro. Er lobt Sachsen als „besonders flexibel und hungrig auf das Projekt“.

Zulieferer hoffen auf Beteiligung

Mit Spannung hatten dort auch Zulieferer nach Leipzig geschaut – und mancher gehofft, Teil des Programms zu werden. 160 Firmen und Forschungseinrichtungen mit 7 000 Mitarbeitern und 1,4 Milliarden Euro Jahresumsatz tummeln sich im Freistaat in der gut vernetzten Branche. Größter Vertreter sind die Elbe Flugzeugwerke in Dresden, wo Leichtbaukomponenten für Airbusse entstehen und Passagiermaschinen zu Frachtern umgerüstet werden. Dort wurden in den 1950ern auch die Iljuschin IL14P und der Passagierjet 152 gebaut.

„Für Sachsens Luftfahrt ist das ein Meilenstein“, sagt Wolfgang Göhler, Vorstandsvorsitzender des Kompetenzzentrums Luft- und Raumfahrttechnik Sachsen/Thüringen. Erstmals nach der 152 komme wieder ein komplettes Flugzeug aus Sachsen. Er sieht „eine ganze Reihe von Zulieferfirmen, die für Kooperationen in Frage kämen“: neben großen wie Diehl und Elbe Flugzeugwerke auch Teilehersteller wie Käppler und Pausch in Neukirch und in Dresden den Ingenieur-Dienstleister Arts und die Materialforscher und -tester vom IMA. Ferner sei der US-Mutterkonzern SCN auch in der Raumfahrt ein wichtiger Akteur und könnte so auch für Ruag Space Germany (vormals HTS) in Coswig, deren Geschäfte Göhler führt, interessant sein. Die Rand-Dresdner mit 45 Mitarbeitern hatten unter anderem mit Antennen samt Steuerung zum Erfolg der „Rosetta“-Mission der europäischen Weltraumbehörde Esa beigetragen. In diesem Jahr wurde das letzte Teil für den EnMap-Satelliten zur Erdbeobachtung ausgeliefert.

Die PMG Precision Mechanics Group GmbH in Wilsdruff bei Dresden macht mit 328 Support Service schon seit 2006 gute Geschäfte. David Riedrich, Chef des Herstellers von Präzisionsbauteilen etwa für Airbus, Diehl und Pilatus mit 70 Beschäftigten, freut sich. „Die Dornier 328 ist ein fester Bestandteil unserer Firmengeschichte“, sagt der Chef. Mit diesem Flugzeug habe PMG Fuß gefasst in der Zulieferindustrie der Luft- und Raumfahrt. „Seitdem das Programm eingestellt wurde, fertigen wir hier alle Bauteile, die zur Umrüstung oder für Ersatzteile benötigt werden“, so Riedrich.

Auch Steffen Kress, Geschäftsführer der Cotesa GmbH in Mittweida, war gespannt auf weitere Details. Erste Infos waren ja bereits vor einer Woche durchgesickert. „Cotesa würde sich mit seinen Fähigkeiten und Kapazitäten im Bereich Faserverbundbauteile und Baugruppen sehr gerne für die 328 engagieren“, sagt der Chef des führenden Herstellers hochwertiger Faserverbundteile für Luftfahrt und Autobau mit derzeit etwa 500 Mitarbeitern.

Es tut sich was am Flughafen Leipzig-Halle, dem zweitgrößten Luftfrachtstandort Deutschlands. Der 2008 mit dem Start des Luftkreuzes von Posttochter DHL eingeleitete Dominoeffekt setzt sich fort. 10 000 Menschen arbeiten mittlerweile vor Ort bei 100 verschiedenen Unternehmen, und gut 50 Frachtlinien steuern den Airport an. Schon vor der nun angekündigten Produktion der Dornier 328 hatte es geheißen, dass in den nächsten Jahren 500 Millionen Euro in den Standort – auch in eine zweite Cargo City, die Erweiterung des Vorfelds, einen weiteren Hangar – investiert werden und Hunderte Jobs entstehen sollen.

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Die russische Volga-Dnepr-Gruppe, Marktführer im Transport übergroßer und schwerster Fracht, hatte im Juni auf der Luftfahrtschau in Le Bourget bei Paris angekündigt, am Standort wachsen und bis zu 500 Jobs schaffen zu wollen. Doch auch am Boom-Standort gelingt nicht alles auf Anhieb. Seit Monaten warten zwei Boeings der neuen deutschen und am Airport ansässigen Frachtfluglinie Cargo Logic Germany auf Startfreigabe durch das Luftfahrtbundesamt. Die Maschinen sollten nach erfolgreicher Prüfung längst in der Luft sein, doch der deutsche Homecarrier Konkurrent Lufthansa blockiert den Genehmigungsprozess für den Ableger von Volga-Dnjepr. Sachsens Wirtschaftsministerium kennt „keinen seriösen Grund“ und ist verwundert. So bleiben trotz der Zukunftsbonbons in Leipzig doch noch Wünsche offen.

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