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Große Geschichten der kleinen Wismut

Udo Korn hat in Gera alles erlebt und mitgemacht – dachte er. Doch dann kam die Wende, der Kollaps, die Flut.

© Ronald Bonß

Von Tino Meyer

Oberliga in Gera – das war damals ein wenig zu viel und heute viel zu wenig. Die Situation der BSG Wismut ist damit trefflich beschrieben. Nur war dieses Damals im Fußball viel schöner, trotz der vielen Niederlagen. „Das ist immer so, weil du alles Schlechte natürlich vergisst.“ Meint Udo Korn, ein echter Pfundskerl mit kräftigem Händedruck, großen Augen und dem detaillierten Wissen von knapp sechs Jahrzehnten Vereinshistorie.

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Der Stolz von Geras Wismut. Die Fotos mit den Oberliga-Kickern von 1966 und 1977 hängen im Kabinengang des Stadions.
Der Stolz von Geras Wismut. Die Fotos mit den Oberliga-Kickern von 1966 und 1977 hängen im Kabinengang des Stadions. © Ronald Bonß
Der Stolz von Geras Wismut. Die Fotos mit den Oberliga-Kickern von 1966 und 1977 hängen im Kabinengang des Stadions.
Der Stolz von Geras Wismut. Die Fotos mit den Oberliga-Kickern von 1966 und 1977 hängen im Kabinengang des Stadions. © Ronald Bonß

Dass seine Wismut nach dem Aufstieg in die höchste DDR-Spielklasse in der Saison 1977/78 hilflos überfordert gewesen sein könnte, will und kann der 66-Jährige nicht so stehen lassen. „Wir wollten unbedingt auch mal hoch in die Oberliga, wollten auch mal gegen die Nationalspieler ran. Das war eine wunderbare Sache“, erzählt Korn stattdessen und beißt herzhaft ins Hackepeterbrötchen. Dazu gibt es den Kaffee schwarz und jede Menge Erinnerungen im neu gestalteten Vereinsheim im Stadion am Steg. Klein, aber fein – und orange, die Vereinsfarbe der BSG.

2013 hat die nahe Weiße Elster hier alles überflutet, regelrecht abgesoffen ist der Traditionsklub aber schon neun Jahre früher. Die Insolvenz, sagt Korn, habe man kommen sehen. „Nach der Wende ging es stetig bergab, und der Kollaps rückte immer näher“, erzählt das Wismut-Urgestein, der so einen Begriff als Kompliment versteht und beim Wiederaufbau auch seinen Anteil hat.

2008 sind der Cheftrainer Korn und seine BSG – das Kürzel steht inzwischen nicht mehr für Betriebssportgemeinschaft, sondern Ballsportgemeinschaft – auf dem Weg zurück aus den Niederungen des Fußballs in der Thüringenliga angekommen. Selbst für Korn war das eine vollkommen neue Erfahrung, dabei hatte er zuvor in diesem Verein doch eigentlich schon alles erlebt und mitgemacht. Zumindest glaubte er das angesichts seiner Bilanz. 1961 als zehnjähriger Steppke angefangen, 20 Jahre für die Wismut gespielt, dabei 365 Partien bestritten und fünf Aufstiegsrunden. Das, so Korn, seien die Jahreshöhepunkte für die besten Zweitligisten gewesen, allein darum ging es die Saison – erst recht in Gera.

Denn vom Trägerbetrieb SDAG, der Sowjetisch-Deutschen Aktionsgesellschaft, gab es zwei fußballerische Vorgaben: Wismut Aue sollte immer in der Oberliga spielen und Wismut Gera eine Spitzenmannschaft in der zweitklassigen DDR-Liga sein. „Es ging einzig darum, dass die Kumpels gute Laune haben, sich über Fußball unterhalten und wieder glücklich in den Schacht fahren. Das war ganz wichtig“, meint Korn, und diesen Auftrag haben er und die Mitspieler über all die Jahre erfüllt.

In der Ewigen DDR-Liga-Tabelle liegt Wismut Gera souverän auf dem ersten Platz. „Wir haben die meisten Spiele und die meisten Punkte“, sagt Korn und freut sich immer noch diebisch, dass es trotzdem zweimal mit dem Aufstieg geklappt hat: In der Saison 1966/67 sowie 1977/78 spielte die kleine Wismut tatsächlich jeweils für eine Saison in der Oberliga. „Aus dem Antrieb der Spieler heraus“, betont Korn und erzählt von der Aufstiegsrunde und dem entscheidenden Spiel gegen Chemie Leipzig am 1. Mai 1977 vor 20 000 Zuschauern. „Das war sensationell!“

Dass es bei dem kurzen Abstecher blieb, war allen klar. „Wir hatten keine Chance in der Oberliga“, sagt Korn, der neun der insgesamt nur 17 Geraer Tore erzielte. Dabei hatte die Saison mit zwei Unentschieden noch gut begonnen. Und ausgerechnet bei Wismut Aue gab es den ersten und einzigen Sieg. Der Zusammenhalt in der Mannschaft blieb trotz des Abstiegs mit 21 Niederlagen in 26 Spielen erstklassig, schließlich kannten die Spieler ihren eigentlichen Auftrag. „Ich bin ehrlich, wir haben auch gutes Geld verdient“, gesteht Korn.

Wie viel genau, will er dann doch nicht verraten. Statt der in der DDR üblichen zehn, zwölf Jahre haben er und die Mitspieler aufs neue Auto jedoch nur maximal vier Jahre warten müssen, der Urlaubsplatz an der Ostsee oder in Bulgarien war garantiert. Und als Korn für eine Saison zum Vorzeigeklub Carl Zeiss Jena wechselte, dem großen Nachbarn und Rivalen, hat man ihm deutlich zu verstehen gegeben, so viel Gehalt wie in Gera nicht zahlen zu können. Das Jahr möchte Korn dennoch nicht missen. Zwar hatte er mit seinen fußballerischen Fähigkeiten unter dem Trainerduo Hans Meyer und Bernd Stange keine Chance, wie er realistisch gesteht, bestritt aber immerhin ein paar Spiele. Und die Europapokalreise nach Marseille samt Erreichen der nächsten Runde ist ebenfalls unvergessen geblieben.

Ein Hauch von Europapokal hat es im Oberligajahr allerdings auch in Gera gegeben. Bob Paisley, Trainer des FC Liverpool, saß am 15. Oktober 1977 auf der Tribüne, als Dynamo Dresden mit 4:2 bei der BSG Wismut gewann – und vier Tage später dann in Liverpool mit 1:5 klar die Grenzen aufgezeigt bekam. Das waren noch Zeiten ...

Mit dem Alltag, Gera spielt seit 2016 in der fünftklassigen NOFV-Oberliga, kann sich Korn schwerlich anfreunden. „Wir haben fast 100 000 Einwohner, da ist Oberliga doch Asche“, sagt er und verweist auf Zwickau ein paar Kilometer weiter östlich. Die haben es bis in die 3. Liga geschafft. Für Gera ist das vorerst ein Traum, ein streng geheimer noch dazu, keiner für öffentliche Planspiele. „Wir sollten realistisch bleiben und uns Jahr für Jahr verbessern“, sagt Geschäftsführer Carsten Hänsel und fordert, Verein und Mannschaft unabhängig vom sportlichen Erfolg strukturell zu entwickeln. An diesem Sonntag ist erst mal der Rückschritt verhindert worden und Wismut trotz der Niederlage in Sandersdorf weiter Oberligist. „Ich gucke mir die Spiele an – wenn ich Tränen in den Augen haben will“, sagt Korn. Dann lacht er schallend und greift zum Hackepeter.