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Große Pläne für eine DDR-Ruine

An der Hoyerswerdaer Straße in Kamenz tut sich was. Ein Privatinvestor plant sechs Wohnungen und ein Lager.

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© Kristin Richter

Von Ina Förster

Kamenz. Dieses Projekt braucht Geduld und Spucke! Auf den ersten Blick bleibt einem einfach nur der Mund offen stehen vor diesem Berg von Arbeit. Der 74-jährige Kamenzer Privatinvestor, der seinen Namen ungern in der Zeitung lesen möchte, winkt ab: „Das ist doch herrlich! Ich freue mich darauf!“ Diesen Elan möchte man auch haben, denkt der Betrachter. Und die Besichtigungstour geht los. „Das war alles zu DDR-Zeiten VEAB-Gelände“, erzählt er. VEAB? „Na, Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufbetrieb. Hier konnte man zum Beispiel seinen Überschuss an Kaninchen herbringen“, weiß er zu berichten. Auch Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten oder tierische Produkte, wie Eier, Geflügel und Felle gingen hier über den Ladentisch. Nach der politischen Wende im Land brach dieses System zusammen. Wer brauchte schon noch Felle?

Die ehemalige VEAB Kamenz an der Hoyerswerdaer Straße 22 wird nach dem Umbau sechs Familien Wohnungen bieten. Noch ist viel zu tun. Der 74-jährige Bauherr ist dennoch voller Vorfreude. Und mit ihm viele Kamenzer.
Die ehemalige VEAB Kamenz an der Hoyerswerdaer Straße 22 wird nach dem Umbau sechs Familien Wohnungen bieten. Noch ist viel zu tun. Der 74-jährige Bauherr ist dennoch voller Vorfreude. Und mit ihm viele Kamenzer. © Kristin Richter
Die ehemalige VEAB Kamenz an der Hoyerswerdaer Straße 22 wird nach dem Umbau sechs Familien Wohnungen bieten. Noch ist viel zu tun. Der 74-jährige Bauherr ist dennoch voller Vorfreude. Und mit ihm viele Kamenzer.
Die ehemalige VEAB Kamenz an der Hoyerswerdaer Straße 22 wird nach dem Umbau sechs Familien Wohnungen bieten. Noch ist viel zu tun. Der 74-jährige Bauherr ist dennoch voller Vorfreude. Und mit ihm viele Kamenzer. © Kristin Richter

Seitdem stand das mehrere tausend Quadratmeter große Gelände leer. Und verwaiste auf hässlichste Art. Bereits vor acht Jahren begannen die ersten Verkaufsverhandlungen für das riesige Areal mitten in der Kamenzer Innenstadt. Zu dieser Zeit gehörte es schon einem anderem Privatbesitzer, der es jedoch nicht umbauen wollte und sicherlich letztendlich nicht konnte. Auch Dank der Verhandlungen der Stadtverwaltung kam es 2014 endlich zum Verkauf. „Die Stadt war natürlich daran interessiert, dass es vorwärtsgeht in dieser Ecke“, erzählt der Kamenzer.

Schandfleck an der Hoyerswerdaer Straße

Die Ruinen verfielen im letzten Jahrzehnt nämlich immer mehr. Halbe Bäume wucherten aus den Dachrinnen heraus. Nicht nur der Putz bröckelt von den Hauswänden. Der Schandfleck an der Hoyerswerdaer Straße hatte Bestand. Kaum einer der Nachbarn glaubte noch daran, dass es jemals anders sein würde. Doch das wird es nun! Der 74-jährige Geschäftsmann hat Nägel mit Köpfen gemacht und der erste große Teilabriss liegt bereits hinter ihm und den Firmen. In den zwei stehengebliebenen Wohnhäusern will er insgesamt sechs Mietparteien unterbringen. Jeweils zwei Dreiraumwohnungen entstehen sowie eine Zweiraumwohnung pro Gebäude. Die Pläne dazu liegen lange in seiner Schublade. Und auf den Tischen diverser Stadtentwicklungs-Ausschussmitglieder sowie Landratsamtsmitarbeiter. „Eigentlich wollte ich im Juni starten mit dem Umbau, doch nun wird es wahrscheinlich August“, hebt er die Schultern. An die stoische Langsamkeit der Ämter hat er sich mittlerweile gewöhnt. „Man sagte mir, dass es nicht in Nullkommanichts geht“, lacht er. Im Stadtrat am Mittwoch stand sein Anliegen mit auf der Agenda. Die Räte gaben endgültig grünes Licht.

Bedächtig schließt er als erstes das Wohnhaus Nummer 1 auf. Auf einem großen Grundriss sieht man, was später wo hinkommt. Garagen für jeden Mieter, dazu noch eine größere Firmenlagerhalle. „Aber jetzt erst mal nicht erschrecken“, ruft er. Und öffnet eine alte Holztür. Das Gebäude ist schon komplett entkernt. Muffiger Geruch liegt dennoch in der Luft. „Hier befanden sich früher die Wohnungen der VEAB-Mitarbeiter“, weiß er. Ab und an sticht ein Stück Blümchentapete ins Auge. Ein paar alte Gardinen hängen noch zur Straßenseite. Morbide schleppt sich der Charme eines alten, jahrzehntelang unbewohnten Hauses, durch die Gänge die Treppen hinauf. „Alle drei Wohnungen bekommen natürlich nach der Fertigstellung einen Balkon oder eine Terrasse. Dieser Standard muss heutzutage sein!“ Wer Fantasie hat, kann sich vorstellen, was hier wachsen kann.

Ende 2016 soll alles fertig sein

In Wohnhaus Nummer 2, ganze 20 Meter weiter, sieht es ähnlich aus, wenn nicht noch schlimmer. Durchweichte Decken hängen im ehemaligen Bürogebäude herab. Man muss schauen, wo man hintritt. Schließt man die Augen, kann man dennoch das künftige Leben vor sich sehen in der geplanten Maisonettewohnung. Unterm Flachdach ist einiges möglich. „Das wird eine individuelle Wohnung, auf die ich mich persönlich freue“, sagt der Bauherr. Ihm kribbelt es in den Fingern.

Viel gibt es zu tun. Bei einigen Sachen stehen noch Überlegungen an. „Ich möchte den künftigen Mietern aber ein schönes, ruhiges Wohnen auf einem für sich abgeschlossenen Areal bieten“, erzählt er. Die Vorderansicht zur Hoyerswerdaer Straße wird zum größten Teil erhalten. Sogar das alte schmiedeeiserne Tor kommt wieder an Ort und Stelle – allerdings nur noch zur Zierde. Die Einfahrt befindet sich künftig zur Töpferstraße hin. Ein paar zusätzliche Gauben verschönern künftig die Front, neue Fenster werden in die Giebelseite eingebaut. Ende 2016 soll alles fertig sein. Die ersten Mieter warten schon.