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Große Yoko-Ono-Ausstellung in Leipzig eröffnet

Es soll die umfangreichste Werkschau der Witwe von John Lennon in Deutschland sein. Auch Dresden ’45 wird thematisiert.

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Die Arbeit "Helmets - Piece of Sky" (2001/2019) mit Helmen aus dem zweiten Weltkrieg ist im Museum der bildenden Künste in Leipzig zu sehen.
Die Arbeit "Helmets - Piece of Sky" (2001/2019) mit Helmen aus dem zweiten Weltkrieg ist im Museum der bildenden Künste in Leipzig zu sehen. © Hendrik Schmidt / dpa

Von Sarah Alberti

Leipzig. Es riecht nach Frühling in der 3. Etage des Leipziger Museums der bildenden Künste. Aus Holzkisten wachsen Zitronenbäumchen, zum Teil noch mit Blüten, manche tragen schon gelbe Früchte. Von irgendwoher hört man Vögel zwitschern.

Das Weiß der Wände und das helle Oberlicht lassen Geruch und Sound so präsent werden, wie es in der Natur kaum möglich ist. „The gates of Hell are only a play of light“. Die Pforten zur Hölle sind nur ein Lichtspiel, schreibt Yoko Ono auf einem DIN A4 großen Zettel zur Arbeit „EX IT“. Drei verschiedene Größen haben die hundert Holzkisten, die an schlichte Särge erinnern, wie sie auf Schlachtfeldern oder bei Naturkatastrophen verwendet werden: Groß für Männer, mittel für Frauen, klein für Kinder. Die Zitronenbäumchen, sie wachsen aus den Öffnungen, durch die man normalerweise das Gesicht der Toten sehen könnte.

Tod und Auferstehung. Trauer und Hoffnung. In diesem flächenmäßig größten Werk der Ausstellung „Peace is Power“ steckt das zentrale Thema im Leben, Denken und Schaffen der japanisch-amerikanischen Künstlerin: Das Kräfteverhältnis zwischen Krieg und Frieden. Der Parcours der Ausstellung, er ist eingefärbt vom Grundrauschen dieses frühlingshaften Friedhofsbesuchs.

Yoko Ono wurde eigentlich zur Eröffnung der Ausstellung in Leipzig erwartet. Doch die Künstlerin sagte der Termin ab.
Yoko Ono wurde eigentlich zur Eröffnung der Ausstellung in Leipzig erwartet. Doch die Künstlerin sagte der Termin ab. © Anja Jungnickel

Elemente wie Luft, Wasser, Erde und Feuer durchziehen die sechzig Arbeiten und Werkreihen, die auf 3 700 Quadratmetern im Haus verteilt sind: Im Foyer stehen vier Kaugummiautomaten, die mit Luft gefüllte Kapseln ausgeben: Luft ist „das Einzige, was wir teilen“, sagt Yoko Ono, eine grundlegende Brücke, die die Völker der Welt miteinander verbindet. 

118 mit Wasser gefüllte Flaschen sind mit von Hand geschriebenen Etiketten versehen, darauf Namen wie Heinrich Heine, Kurt Cobain, Albert Einstein und Napoleon. Wir alle sind Gefäße, die gleichermaßen Wasser enthalten. 

Die Arbeit "Add Colour Painting (Refugee Boat)" entstand im Jahr 2019 und ist nun in Leipzig zu sehen.
Die Arbeit "Add Colour Painting (Refugee Boat)" entstand im Jahr 2019 und ist nun in Leipzig zu sehen. © Hendrik Schmidt / dpa
Tod und Auferstehung in einem Saal voller Zitronenbäumchen, die aus schlichten Holzsärgen wachsen. „EX IT“ heißt diese Arbeit von Yoko Ono, die sie 1997 und 2019 noch einmal schuf. 
Tod und Auferstehung in einem Saal voller Zitronenbäumchen, die aus schlichten Holzsärgen wachsen. „EX IT“ heißt diese Arbeit von Yoko Ono, die sie 1997 und 2019 noch einmal schuf.  © Hendrik Schmidt / dpa
Die Arbeit "Morning Beams" (1997/2019) mit 100 weißen Seilen ist ebenfalls im Museum der bildenden Künste in Leipzig zu sehen. 
Die Arbeit "Morning Beams" (1997/2019) mit 100 weißen Seilen ist ebenfalls im Museum der bildenden Künste in Leipzig zu sehen.  © Hendrik Schmidt / dpa
Dieses Werk von Yoko Ono trägt den schlichten Namen "Apple". 
Dieses Werk von Yoko Ono trägt den schlichten Namen "Apple".  © Hendrik Schmidt / dpa
Jon Hendricks, Kurator der Ausstellung der japanisch-amerikanischen Künstlerin Yoko Ono, sitzt inmitten einer Installation.
Jon Hendricks, Kurator der Ausstellung der japanisch-amerikanischen Künstlerin Yoko Ono, sitzt inmitten einer Installation. © Hendrik Schmidt / dpa

Zu den pastoral-humanistischen Arbeiten gesellt sich immer wieder die harte Lebensrealität: Drei Erdhaufen sind weiblichen Opfern häuslicher Gewalt, Frauen in Nervenkliniken und Opfern sexuellen Missbrauchs gewidmet. Was ein abstraktes Sinnbild bleibt, wird eine Etage drüber beklemmend real: Für die Installation „Arising“ folgten vor der Eröffnung etwa achtzig Frauen dem Aufruf, von eigenen Gewalterfahrungen zu berichten. Ihre Texte hängen mit einem Foto ihrer Augen im Raum. Für Museumsdirektor Alfred Weidinger ist das die wichtigste Arbeit der Ausstellung.

Dass er Yoko Ono zeigen wolle, hatte er schon bei seiner Antrittspressekonferenz im August 2017 verkündet. Dann war die für Herbst 2018 avisierte Ausstellung nochmals verschoben worden. Vor fünf Jahren hatte Yoko Ono ihre Retrospektive in der Schirn Kunsthalle Frankfurt. „Sie braucht die Leipziger Ausstellung sicher nicht“, meint Weidinger. Aber Leipzig braucht einen Namen wie Yoko Ono. Gerade die Museen im Osten werden seiner Einschätzung nach zu wenig wahrgenommen. Sein Ziel ist, das Leipziger Bildermuseum, den ersten Museumsneubau nach der Wende, bekannter zu machen. Ausstellungen wie die von Yoko Ono können wie ein Katalysator wirken. Auch die Verteilung der Arbeiten auf das gesamte Haus wird dazu beitragen, dass viele Besucher den Weg zu den dauerhaft hier hängenden Alten und Neuen Meistern finden. Zwischen 50.000 und 100.000 Besucher, wie zuletzt zu Paul Klee oder Neo Rauch kamen, würde er sich wünschen.

Kuratiert hat die Schau Jon Hendricks, auch genannt „Mrs. Fluxus“, also nach jener Kunstbewegung, die die schöpferische Idee dem eigentlichen Werk vorzieht. Schon seit 1965 stellt er die inzwischen 86-Jährige aus. Yoko Ono, 1933 in Tokyo geboren, studierte Philosophie in Japan, ging 1953 nach New York, wo sie radikale Performances und erste konzeptuelle Arbeiten zeigte. Filme wie „Fly“ von 1970, in dem eine Fliege den Körper einer Frau abläuft, sind Klassiker der Filmgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Yoko Ono.
Yoko Ono. © dpa

Die Leipziger Ausstellung belegt eindrücklich, dass ihre frühen Arbeiten aktueller denn je sind: Krieg, Frieden, häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Tod, Religion, die eigene Endlichkeit. Auch Humorvolles lässt sich hineinlesen: Neben einem grünen Apfel auf einem Sockel, dazu bestimmt während der Laufzeit zu verfaulen, liegt das Schild „Apple“. Die Arbeit aus dem Jahr 1966 scheint heute auch Sinnbild für die Zweiklassengesellschaft der Computernutzer. Auf Toiletten in Leipziger Kneipen und Cafés wurden 380 Poster mit nackten Pos verteilt und zweimal abgefilmt, was Gäste auf das Motiv geschrieben hatten.

„Menschen wollen Interaktion. Sie wollen kein reines Bildermuseum, sondern sich selbst am Werk beteiligen“, so Weidinger. In einer Installation findet sich der Hinweis auf Dresden 1945, eingraviert in einen kleinen antiken Grillenkäfig. An dieser Stelle sind die Besucher eingeladen, eigene Gewalterinnerungen in ein Notizbuch zu schreiben. In einem mit Weltkarten tapezierten Raum liegen Stempel mit den Worten „Imagine Peace“ bereit. Das Museum nach außen zu öffnen, ist mit Yoko Ono gelungen. Vor dem Museum stehen Bäumchen, an die Besucher und Passanten Wünsche aus Papier hängen können. Und so feiert diese Ausstellung vor allem eins: Das Prinzip Hoffnung. Passend zur Jahreszeit.

Yoko Ono bis 7. Juli im Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstr. 10. Geöffnet Di, Do – So 10 – 18; Mi 12 – 20 Uhr; Feiertage 10 – 18 Uhr, auch am Oster- und Pfingstmontag geöffnet.