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Großeinsatz im Chemielabor

Nach viereinhalb Stunden Notfall-Einsatz geben Polizei und Feuerwehr Entwarnung: Keine Gefahr.

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Von Alexander Schneider, Bettina Klemm und Juliane Richter

Es ist kurz vor 17 Uhr, als es beim Experimentieren mit unbekannten Substanzen zu einem folgenschweren Zwischenfall in einem Chemielabor der TU Dresden kommt. Die Erstsemester sollten eigentlich mit kleinen Tests analysieren, welche Stoffe sie vor sich haben. Kein angehender Chemiker kommt an diesem Laborpraktikum vorbei. Doch gestern Abend lief es anders.

Ein unbekanntes Gasgemisch tritt aus. Einem 20-jährigen Studenten wird in dem Labor schlecht und er muss sich bald übergeben. Nun beginnt eine Kette von Ereignissen, die in wenigen Minuten zu einem der größten Einsätze der Dresdner Feuerwehr nach Chemieunfällen führt. Denn: Alle Anzeichen sprechen dafür, dass bei den Experimenten eine extrem gefährliche Arsenwasserstoff-Verbindung entstanden war, das hochgiftige Arsan. Dafür sprechen nicht nur die Symptome des 20-Jährigen und zweier Kommilitonen, die auch über Beschwerden klagen. Ein weiterer Hinweis ist der Knoblauchgeruch im Labor, den Studenten und später auch die Feuerwehr riechen. Nicht zuletzt müssen auch die Chemiker davon ausgehen, dass bei den Experimenten das Gift entstanden sein könnte, wenn auch nur in kleinsten Mengen.

101 Menschen in Kliniken

Nun rollt ein Großeinsatz an. Die Feuerwehr evakuiert den gesamten Chemie-Neubau an der Bergstraße 66 – auch die hermetisch abgetrennte zweite Haushälfte. Alle 65 Studenten aus dem Labor werden in Kliniken gebracht. Dazu weitere Studenten und Mitarbeiter aus dem Gebäude, sowie fünf Mann von der Feuerwehr, die als Erste vor Ort waren. Längst hat die Wehr einen Führungsstab hochgefahren und begonnen, 101 Menschen in fast alle Dresdner Kliniken sowie Häuser in Freital und Radebeul zu verteilen. Manchmal 25, manchmal nur 15.

In der Uniklinik landen 20 Betroffene. Auch dort wird eine eigene Einsatzleitung einberufen, sagt Kliniksprecher Holger Ostermeyer. Ein Sonderprogramm, das auf einen Schlag 30 Ärzte mobilisiert. Arsan könne zur Auflösung roter Blutkörperchen führen. Die Behandlung sei vorgeschrieben: Erst müssen die Patienten duschen, dann wird ihnen Blut und Urin abgenommen. Ein EKG zeichnet auf, ob der Herzschlag normal ist. „Sie werden 24 Stunden überwacht. In der Nacht wird ihnen noch einmal Blut und Urin abgenommen“, sagt Ostermeyer.

Unterdessen glühen auch in der Giftnotrufzentrale in Erfurt die Telefonleitungen. Es ist permanent besetzt, weil sich auch alle Kliniken in Dresden dort informieren. „Schwere Arsenvergiftungen könnten lebensgefährlich sein“, sagt Mitarbeiter Helmut Hentschel später. Er ahnt da aber schon etwas: „Wir haben wenige Informationen. Aber im Augenblick sieht es aus, als hätten die alle gar nichts.“

Zur gleichen Zeit sammeln sich im Hörsaalzentrum mehrere Hundert Studenten und Mitarbeiter aus dem inzwischen verriegelten Chemie-Bau. Sie werden registriert. Auch die Feuerwehr hat dort ihre Einsatzleitung aufgeschlagen. Amtsleiter Andreas Rümpel selbst führt seine Männer. Es gibt einen Leiter Rettungsdienst und einen leitenden Notarzt. Letzterer ist Franz-Ulrich Lehmann. Gegen 20 Uhr spricht er zu den betroffenen Studenten, rät ihnen, auf bestimmte Symptome zu achten. Wem schwindelig wird und wer sich erbricht, soll sofort den Notarzt rufen – die nächste Stufe könnte Atemnot sein. „Die gute Nachricht aber ist“, sagt Lehmann, „dass der Student bislang keine Atemnot bekommen hat. Auch unter den anderen Patienten hat sich bei niemandem der Zustand verschlechtert. Sie sind alle mopsfidel.“

Notunterkünfte gesucht

Doch es gibt hier auch noch andere Probleme zu lösen: Viele in Sicherheit Gebrachte mussten alle ihre Sachen im Chemiegebäude zurücklassen. Wer nun nicht an seine Wohnungsschlüssel kommt, hat jetzt keine Bleibe: Notunterkünfte müssen organisiert werden.

Dann trifft die Technik von Infineon ein. Mit den Messgeräten lässt sich die Arsenverbindung nachweisen. Das konnten die der Feuerwehr nicht, weshalb die Männer zunächst nur Proben genommen hatten. Nun, es ist fast 21.30 Uhr, registrieren die sensiblen Infineon-Geräte aber kein Arsan mehr. Da es in den Kliniken niemandem schlechter geht, bricht die Feuerwehr den Einsatz ab. Der verletzte 20-Jährige habe sich seine Übelkeit nicht im Labor geholt, sagt ein Polizeisprecher. Unklar war nur noch, was mit den Patienten in den Kliniken werden soll.