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Görlitz

Großeltern dürfen ihre Enkel nicht sehen

Ein Markersdorfer Ehepaar möchte die Kinder betreuen. Jugendamt und Gericht lehnen das ab. Ein Anwalt ist entsetzt.

So wie auf diesem Bild wollen Annett und Steffen Firl Zeit mit ihren Enkeln verbringen. Sie streben die Pflegeelternschaft für ihre Enkeltöchter an – mit anwaltlicher Hilfe und vor Gericht.
So wie auf diesem Bild wollen Annett und Steffen Firl Zeit mit ihren Enkeln verbringen. Sie streben die Pflegeelternschaft für ihre Enkeltöchter an – mit anwaltlicher Hilfe und vor Gericht. © Symbolfoto: dpa

Seit etwa anderthalb Jahren haben Annett und Steffen Firl ihre Enkel nicht gesehen. Die Enkeltöchter leben getrennt bei Pflegefamilien, der Enkelsohn bei seinem Vater. Das Jugendamt hatte die Kinder in Obhut genommen, weil die Mutter krankheitsbedingt mit der Erziehung ihres Sohnes und der zwei Töchter überfordert und der Vater der Kinder damals von Alkohol und Drogen abhängig war, berichten Annett und Steffen Firl. Sie hatten schon damals bekundet, dass sie als Großeltern die Kinder gern betreuen würden und das auch können. 

Das wurde vom Jugendamt nicht geprüft, sagt Steffen Firl und ist noch mehr frustriert darüber, dass in einem anderen Fall das Jugendamt sehr schnell reagiert habe. Als nämlich jemand beim Jugendamt behauptete, Firls würden ihren eigenen 13-jährigen Sohn schlecht behandeln. „Sofort war jemand vom Amt da. Der hat jedoch festgestellt, dass die Behauptung völlig unzutreffend ist“, erklärt der 53-Jährige.

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Die Eltern der Kinder sind gerichtlich gegen die Wegnahme der Kinder vorgegangen. Erst bei der Verhandlung in zweiter Instanz am Oberlandesgericht (OLG) kamen die Großeltern dazu. Allerdings haben sie keine Beteiligungsfähigkeit, wie es im Juristendeutsch heißt, sie haben im Prozess also nichts zu sagen. Dennoch durften sie freiwillig vor dem Oberlandesgericht eine Aussage machen. 

Dort hatten Firls nochmals betont, dass sie die Enkelmädchen betreuen und die Pflegeelternschaft übernehmen möchten. Steffen Firl hatte dabei erklärt, dass sie die Mutter der Kinder in die Erziehung ihrer Enkel mit einbeziehen möchten, denn man sei ja eine Familie und nicht verstritten. Im Gegenteil, die Bindung der Kinder zu ihren Großeltern war eng. Die Kindeseltern hatten sogar eine Vollmacht erteilt, dass ihre Kinder bei den Großeltern leben dürfen. 

Schon das Amtsgericht hatte das aber nicht in Betracht gezogen, weswegen es zum Prozess am OLG kam. Dieses Gericht urteilte, dass die Mädchen in Pflegefamilien bleiben und die Eltern das Sorgerecht für die Töchter nicht bekommen. Das Sorgerecht für den Sohn bleibt beim Vater, solange er sich in einer betreuten Familieneinrichtung in Hoyerswerda aufhält. Dort dürfen Firls den Schwiegersohn und den Enkelsohn hin und wieder besuchen. Allerdings erst, wenn sie vor Ort einen Drogentest gemacht haben und der negativ ausfällt. Den Test müssen Firls selbst bezahlen. Das ärgert sie sehr, denn beide wissen ganz genau, dass der Test jedes Mal negativ ausfällt, sie nehmen keine Drogen.

Firls hatten sich inzwischen mit Marcus Klinkert anwaltlichen Beistand geholt. Sie wollten alles versuchen, damit die Kinder wieder in ihrer Familie leben können, also bei Oma und Opa. Die Voraussetzungen dafür hätten sie. „Wir haben ein Haus, jedes Kind hätte ein eigenes Zimmer, weitere nahe Verwandte der Kinder leben einen Steinwurf weit entfernt“, erklärt Steffen Firl, der zurzeit auf Arbeitssuche ist. Annett Firl ist berufstätig. Sollten sie die Kinder betreuen dürfen, wäre eine Einschränkung ihrer Berufstätigkeit möglich, um sich intensiv um die Mädchen zu kümmern. Firls hatten sogar schon zwei Kita-Plätze in Markersdorf in Aussicht. Mit dem Görlitzer Anwalt stellten sie beim Amtsgericht einen eigenen Antrag auf Betreuung der Kinder. Dem Anwalt ging vor Kurzem ein Schreiben mit einer Ankündigung zu, dass sich das Amtsgericht voraussichtlich dem Entscheid des OLG anschließen werde. Damit blieben die Enkeltöchter getrennt in zwei Pflegefamilien und die Großeltern hätten keine Chance auf ihre Enkel: weder sie zu sehen noch sie zu betreuen.

Anwalt Klinkert ist entsetzt, wie in diesem Fall mit dem Recht umgegangen werde. „Es ist einfach nicht nachvollziehbar, warum es hier unterbleibt, meine Mandanten zu überprüfen, ob sie die Voraussetzungen für eine Pflegelternschaft haben oder nicht“, sagt er. Aus dem Bauch heraus würde hier entschieden. Eine gründliche Prüfung, ob und wie seine Mandanten Pflegeeltern für die Enkel sein könnten, ist unterblieben. Diese Prüfung sehe der Rechtsstaat aber vor, bevor ein Urteil gefällt werde, betont der Anwalt. Er sieht in dem Fall einen Umgang mit dem Recht, dem er keinesfalls schweigend zusehen will. Sein Ziel ist ein rechtsstaatliches Verfahren, bei dem ohne Vorbehalte geprüft wird. Gegen die Ankündigung des Amtsgerichtes hat Klinkert Beschwerde eingelegt. Ein Antrag seiner Mandanten auf Verfahrenskostenhilfe ist abgelehnt worden. Marcus Klinkert sieht darin eine Zermürbungstaktik.

Annett und Steffen Firl streben die Pflegeelternschaft weiter an. Es gehe ihnen dabei nicht ums Geld. „Wir würden die Kinder auch so zu uns nehmen, ohne Pflegegeld“, betont Steffen Firl. „Es sind unsere Enkel, wir wollen sie nicht aufgeben.“ Vor allem wollen sie, dass die Geschwister zusammen aufwachsen können.

Daniela Steinhoff ist im Jugendamt des Landkreises die Leiterin des Sachgebietes Pflegekinderdienst. Zu dem konkreten Fall kann sie nicht viel sagen. Allerdings rät sie Annett und Steffen Firl, persönlich noch einmal bei der betreffenden Sachbearbeiterin im Jugendamt oder bei ihr selbst vorzusprechen. Werden Kinder aus einer Familie herausgenommen, haben es alle Beteiligten mit vielen Personen zu tun. Möglicherweise fanden in diesem Fall nicht die richtigen Ansprechpartner zueinander, vermutet die Leiterin.

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