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Großenhain

Großenhains Eismann in Erklärungsnöten

Sandro Marcon aus der Nähe von Venedig betreibt seit 23 Jahren sein Geschäft in der Röderstadt. Auch in diesen Tagen - und ist dabei mit dem Herzen in der Heimat.

Eisbecher gibt es bei Großenhains beliebtem Eismann Sandro Marcon zurzeit nicht im Café. Aufgrund der aktuellen Bestimmungen verkauft der Italiener nur über den Tresen zur Straße.
Eisbecher gibt es bei Großenhains beliebtem Eismann Sandro Marcon zurzeit nicht im Café. Aufgrund der aktuellen Bestimmungen verkauft der Italiener nur über den Tresen zur Straße. © Kristin Richter

Großenhain. Im Einkaufswagen liegt der Unterschied. Zumindest in diesen Wochen und besonders jetzt, wo sich die scheinbaren Engpässe mit den natürlichen Bedürfnissen des Einzelnen  reiben. Während Pasta, gut gereifter Käse, Weintrauben und schmackiger Rotwein noch ein Hauch Dolce Vita suggerieren, lassen drei Packungen Toilettenpapier zugegebenermaßen nichts Gutes auf den Verdauungshaushalt des Einkaufenden schließen. "Naja, ich wusste auch nicht so recht, was ich meinen Verwandten da eigentlich sagen sollte, als sie mich auf die Bilder aus deutschen Großstädten ansprachen", bekennt Sandro Marcon und lacht.

Der 45-Jährige steht besonders jetzt in engem Kontakt mit seiner Familie im italienischen Cordignano. Das malerisch gelegene Städtchen nur 60 Kilometer von Venedig entfernt, ist selbstverständlich das, was Sandro Marcon als seine Heimat bezeichnet. Obwohl der Vater zweier fast erwachsener Kinder schon über zwei Jahrzehnte im sächsischen Großenhain lebt, mitten auf dem Hauptmarkt sein beliebtes Eisgeschäft betreibt und sich hier durch und durch zuhause fühlt, schlägt sein Herz noch immer italienisch. Gerade jetzt und manchmal öfter als ihm lieb ist. 

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Denn natürlich sorge er sich um die bereits betagtere Mama und den Papa, die Schwiegereltern, Geschwister und Angehörigen der weit verzweigten Marcon-Familie. Dass bisher noch keiner von ihnen am gefürchteten Coronavirus erkrankt ist, lässt den gläubigen Christen ein Stoßgebet gen Himmel senden. Immerhin habe sein Schwager bis Sonnabend noch in einer Fabrik mit zig anderen Leuten gearbeitet. Ansteckungspotential inclusive. Seit Wochenbeginn wäre auch er nun aber endlich zuhause, die Arbeit in der Region komplett zum Erliegen gekommen. 

Paradox: All das, was tausende Kilometer hinweg bereits geschehen ist, bewege sich jetzt langsam auf die Röderstadt zu. Mehr Infizierte, strenge hygienische Vorschriften und Ausgangssperren. Und Sandro Marcon war mit dem Blick voraus vielleicht immer ein Quentchen früher dran. Als andere Cafés und Restaurants zu Beginn vergangener Woche noch wie gewohnt ihre  Gäste empfangen haben, sorgte der gelernte Bankkaufmann schon für entsprechenden Sicherheitsabstand. 

Zugegeben, funktioniert habe das Procedere zwischen nicht gewünschter Nähe und permanenter Desinfektion von Tischen und Stühlen nur einen Tag. "Denn das hat sich schließlich als sehr unpraktisch erwiesen und deshalb haben wir dann schnell entschieden, nur noch Eis im Straßenverkauf anzubieten", erklärt Sandro Marcon.

Eine Notvariante mit geringerem Angebot und Klassikern wie Vanille, Erdbeere oder Schokolade nebst Früchten - aber wenigstens überhaupt eine. Abgesehen davon, dass seine Kunden angesichts der gewohnt leckeren Kugeln jubeln, sind die finanziellen Einnahmen für den Familienbetrieb besser als gar keine. Denn das gar nichts auch ganz schnell kommen kann, habe man auch in Italien gesehen. 

Angesichts von nicht beherrschbaren Infektionswegen und stetig ansteigenden Neuerkrankungen wäre auch dort das gesellschaftliche Leben Stück für Stück zurückgeschraubt worden. "Mir ist durchaus bewusst, dass uns das hier auch noch ereilen kann! Mamma Mia, was das letztlich bedeuten würde", befürchtet Sandro Marcon. 

Wie es ist, den Gürtel enger zu schnallen und durch wirtschaftliche Täler gehen zu müssen, hätten seine Landsleute leider schon oft erleben müssen. Nicht immer wäre es seinen Eltern möglich gewesen, Geld auf die Seite zu legen, und ähnlich wie in Spanien oder  Griechenland seien die Zeiten zuweilen eben auch mal richtig  hart. 

Dass Italien nun von sich Reden macht, weil es an einem Tag mehr Tote zu beklagen hat als China, gibt Sandro Marcon natürlich zu denken. "Das ist ganz ganz bitter! Abgesehen davon, dass natürlich nicht feststeht, ob tatsächlich jeder der Betroffenen am Virus erkrankt war, sind auch die Verhältnisse im italienischen Gesundheitswesen nicht unschuldig daran."

 Es sei ein Fehler gewesen, viele kleinere und mittlere Krankenhäuser zu schließen. Menschen wären beispielsweise operiert und aus Kostengründen am selben Tag wieder nach Hause geschickt worden, denn an Fachkräften mangele es allerorten. Ein schwerer Fehler, der sich nun rächen würde und den Deutschland keineswegs wiederholen dürfe.

Falsche Entscheidungen, von denen es auch einige auf dem Weg zur Ausgangssperre inmitten der Coronakrise gegeben hätte. Insofern sei es gut, dass die deutsche Bundesregierung sich schnell zu einheitlichem Handeln entschlossen habe und bis in den letzten Großenhainer Winkel den Menschen ins Gewissen geredet worden ist. Denn auch, wenn der Feind ein gefährlicher Feigling sei und gewissermaßen heimtückisch auf Händen, Tischplatten und in Hustenanfällen lauere, müsse jeder jeden Moment mit ihm rechnen. 

Damit die Stimmung im Kampf gegen das Unsichtbare nicht ganz in den Keller sinke, tut Sandro Marcon das, was er am besten kann: er produziert auch weiterhin sein Eis. Gerade so, wie er es einst von einem erfahrenen Eismeister aus den Dolomiten gelernt hat, und so lange der Verkauf oder die Belieferung damit noch gestattet sind. Allen Viren zum Trotz sorgt er mit eisigen Träumen aus Vanille, Erdbeere oder Schokolade für die italienischen Augenblicke im Coronadasein - und ein klein wenig hauseigenem Dolce Vita, notfalls auch ohne Toilettenpapier im Wagen. 

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