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"Auch das neue Schuljahr wird kein normales“

Kultusminister Christian Piwarz übergab am Donnerstag in Großenhain einen Fördermittelbescheid. Und äußert sich im SZ-Gespräch zum nächsten Schuljahr.

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz weilte am Donnerstag zu einem Besuch im Großenhainer Rathaus.
Sachsens Kultusminister Christian Piwarz weilte am Donnerstag zu einem Besuch im Großenhainer Rathaus. © Foto: Anne Hübschmann

Herr Piwarz, wie tief werden Sie am kommenden Freitag Luft holen? Immerhin endet an diesem Tag im Freistaat das außergewöhnliche Schuljahr 2019/2020.

Oh, ich glaube, an jenem Freitag werden alle tief durchatmen: Schüler, Eltern, Lehrer und zugegebenermaßen auch ich. Hinter uns liegen Monate, die mit nichts vergleichbar sind, und die haben zweifelsohne die Nerven aller belastet. Ich bin sehr dankbar, dass wir mit großer Unterstützung aller Beteiligter inzwischen wieder zum Schulbetrieb zurückkehren konnten. Einer, der keineswegs normal vonstatten gehen kann, aber doch den Schülern ermöglicht, wieder regelmäßig in der Schule unterrichtet zu werden. Es ist ein gutes Gefühl, dass diese Rückkehr schon mal gelungen ist und nimmt auch Ängste vor dem kommenden Schuljahr, das angesichts der Umstände einer umfangreichen Vorbereitung bedarf.

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Eine Vorbereitung, die es Mitte März nicht gegeben hat. Oder konnten Sie in Ihrem Ministerium auf einen Plan für etwaige Katastrophen oder besondere Situationen dieser Art zurückgreifen?

Leider nicht! Wenn dem so gewesen wäre, hätten wir uns manche Probleme organisatorischer oder auch technischer Art in den ersten Tagen nach dem Lockdown erspart. Nein, die Coronapandemie katapultierte uns in eine beispiellose Lage. Denn die Schließung der Schulen, von der wir zunächst ja gar nicht wussten, wie lange sie andauern würde, war ja relativ leicht vollzogen. Aber den nächsten Schritt zu gehen und die Schüler aller Schulformen sachsenweit beschulen zu können, war das Andere. Die Eltern der Kinder können sicher noch ein Klagelied davon singen, wie anstrengend es gewesen ist, wenn wieder einmal unsere digitale Lernplattform "Lernsax" zusammengebrochen ist. Plötzlich griffen ja tausende Mädchen und Jungen darauf zu. Kinder und Jugendliche, die im Laufe der Zeit routiniert damit umgegangen sind, aber dennoch den direkten Kontakt mit Mitschülern und Lehrern vermisst haben. Es war schwer für uns, im April, Mai einzuschätzen, ob wir mit unserem sächsischen Weg richtig liegen. Einerseits war da die pädagogische Notwendigkeit, den Schülern wieder das Lernen in der Schule zu ermöglichen. Andererseits die Abwägung aller gesundheitlichen Risiken. Ich bin rückblickend froh, dass wir uns für den mutigen Schritt der Rückkehr entschieden haben.

Wie wird sich dieser mutige Schritt auf das neue Schuljahr auswirken?

Es muss uns allen klar sein, dass es kein normales Schuljahr werden wird, wie wir es bisher erlebt haben! Viele Schüler haben aufgrund des häuslichen selbstständigen Lernens mit Defiziten und Wissenslücken zu kämpfen. Dafür muss es Zeit und Raum geben, diese aufzuholen und zu schließen. Ganz ohne Druck, denn diesen hatten die Kinder und Jugendliche unverschuldet in den vergangenen Monaten schon genug. Praktisch bedeutet das, dass der Lehrplan nicht das Maß aller Dinge sein kann. Dort müssen Lehrer flexibel reagieren und den Unterricht dementsprechend gestalten. Besonders für die Abschlussklassen wird das sehr wichtig werden. Abgesehen davon, dass uns auch im kommenden Schuljahr sämtliche jetzt angewandte Hygienevorschriften weiter begleiten werden, wird das Coronavirus selbst noch nicht verschwunden sein. Ganz im Gegenteil! Wir werden uns gerade ab Herbst darauf einstellen müssen, dass es neue Erkrankungen geben wird. Aber damit müssen wir lernen, zu leben. Ich will davon wegkommen, Schulen in großem Maßstab zu schließen. Wir müssen dort punktuelle Lösungen finden, die zeitlich befristet sind. Das sind wir auch unseren Kindern schuldig.

Sie haben der Stadt Großenhain einen Fördermittelbescheid in Höhe von 1,3 Millionen Euro für die digitale Ausstattung von acht Schulen überbracht. Hilft es zu wissen, dass die Schüler im Fall von Coronaerkrankungen aus ihrem Kinderzimmer heraus in der Lage sind, online zu lernen?

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Dank des Fördermittelbescheides ist es möglich, acht Schulen in Großenhain digital aufzurüsten.

Ich muss zugeben, es beruhigt mich nicht wirklich. Denn wenn wir eine zentrale Erkenntnis aus den vergangenen Wochen gewonnen haben, dann ist es die, dass digitale Lerninhalte den Wissenserwerb gut unterstützen können. Zwei oder drei Wochen lässt sich notgedrungen durch sie überbrücken, was sonst im Klassenzimmer stattfinden sollte. Denn die Schüler brauchen den direkten Kontakt zu ihren Mitschülern und erst recht zu ihren Lehrern. Der schnelle Blick in den Hefter, eine helfende Hand bei der Lösung von Aufgaben und ein Gespräch über eine scheinbar nicht lösbare Aufgabe sind durch nichts zu ersetzen. Wir haben in der Coronazeit den Wert des Pädagogen nochmal deutlicher herausgestellt bekommen. Bei allem, was uns die Digitalisierung zuweilen an Vorteilen beschert: Präsenzunterricht bleibt das A und O! Ein Signal, das wir sehr ernst nehmen sollten. 

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