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Großenhains ungeliebter Nachbar

Bei einem Fachvortrag im Albertreff versuchte Expertin Vanessa Ludwig, den Röderstädtern die Angst vor dem Wolf zu nehmen.

Sie ist eine Expertin: Vanessa Ludwig betreut die sächsische Fachstelle Wolf und teilte im Alberttreff Großenhain ihr Wolfswissen mit den Besuchern.
Sie ist eine Expertin: Vanessa Ludwig betreut die sächsische Fachstelle Wolf und teilte im Alberttreff Großenhain ihr Wolfswissen mit den Besuchern. ©  Foto: Kristin Richter

Großenhain. Er ist längst am Großenhainer Stadtrand angekommen: Im Oktober 2019 riss ein Wolf nahe der ehemaligen Panzerwerkstatt ein Schaf. Mitte April 2020 erbeuteten die Raubtiere auf den Großraschützer Bäckerwiesen ein Mutterschaf und vier Lämmer. In der Kleinraschützer Heide, einem beliebten Spazier- und Gassi-Gebiet, hat es schon etliche Begegnungen zwischen Mensch und Wolf gegeben. 

Die Tiere gehören vermutlich zum Rudel, das sein Kernterritorium im Raschützwald bei Weißig hat. Zieht man darum einen Kreis, der die in Sachsen üblichen 200 Quadratkilometer Rudel-Streifgebiet umschließt, kommt man genau bis zur östlichen Stadtgrenze. Es ist aber auch möglich, dass Wölfe vom Zeithainer Rudel, das in der Gohrischheide ansässig ist, so weit nach Osten gestreift sind. 

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In den ländlichen Gebieten rund um Zabeltitz, die die Stadt 2010 eingemeindet hat, gibt es schon seit einigen Jahren Wolfssichtungen – vor allem bei Strauch, Uebigau und Stroga. Auch hier ist das Weißiger Rudel zugange, das 2015 von einem Wolfspaar gegründet wurde und 2016 erstmals Nachwuchs großzog. Der Rüde stammt aus dem Daubaner Rudel aus dem Raum Görlitz, die Fähe aus der Königsbrücker Heide.

Weil der Wolf nun auch den Städtern auf den Pelz rückt, hatte das Rathaus am Donnerstagabend zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Vanessa Ludwig von der Fachstelle des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie sprach im Alberttreff zum Thema „Nachbar Wolf“, und etwas mehr als 30 Leute hörten ihr zu. Nein, ängstigen müsse sich nicht niemand, so der Tenor des Vortrags, auch wenn es immer wieder Konflikte zu bewältigen gebe. 

In der anschließenden Diskussion aber schwappten alle Befürchtungen und Ressentiments, die es gegenüber dem großen Raubtier gibt, noch einmal hoch. Werden wir in ein paar Jahren unseren Kindern überhaupt noch Rehe zeigen können? Aber ja doch, sagt die Wolfsexpertin. Rehe machen zwar mehr als die Hälfte der Wolfsnahrung aus, aber die Tiere würden sich im Laufe der Zeit an die veränderten Bedingungen anpassen und entsprechend vorsichtiger sein. Es sei unwahrscheinlich, dass die Wölfe überhaupt irgendeiner Tierart gefährlich werden.

Nach den eingangs erwähnten Wolfsrissen sind vor allen Dingen Großenhains Hobbylandwirte in Sorge. Sie befürchten, dass ihre Freizeitbeschäftigung durch die notwendigen Sicherungsmaßnahmen unerschwinglich wird. Wer werde sich dann noch um die Erhaltung altertümlicher und seltener Schaf- und Ziegenrassen kümmern? Die Wolfs-Fachfrau erklärte, dass die Hobbyzüchter deshalb ausdrücklich in die entsprechenden Förderprogramme aufgenommen wurden.

Es müsse generell einmal Schluss sein mit den unnötigen Schutzmaßnahmen für das große Raubtier, poltert ein Landwirt. Ihm sei im vorigen Sommer ein Jungwolf bis auf 15 Meter nahe gekommen. „Der hatte überhaupt keine Angst mehr“, erklärt der Großenhainer. Auch Vanessa Ludwig ist überzeugt, dass die kontrollierte Wolfsjagd irgendwann auch in Deutschland eingeführt wird.  Aber erst, wenn eine „gesicherte Population“ vorhanden sei. Unter Experten werde die Zahl von 1000 erwachsenen Wölfen im Lande diskutiert. Eine unendliche, unkontrollierte Ausbreitung werde es ganz sicher nicht geben.

Was aber, wenn man beim Spaziergang in der Kleinraschützer Heide doch mal einem Wolf gegenübersteht? Nicht weglaufen, sagt Vanessa Ludwig. Krach machen. Steine und Stöcke werfen. Wer den Mut hat, könne auch einen Schritt auf das Tier zugehen. Hundebesitzer sollten ihre Tiere beim Spaziergang besser angeleint lassen. Denen gegenüber sei der Wolf viel weniger scheu als bei Menschen.

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