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Ist das Großenhains letzter Weihnachtsbaum?

Die lange Suche nach ihm und der Klimawandel haben die Stadtväter auf den Gedanken gebracht: Geht es auch ohne?

Von Catharina Karlshaus
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Ist der traditionsreiche Weihnachtsbaum unter der Last von Klimawandel und Sparkurs wirklich in solch eine emotionale Schieflage geraten, dass er durch andere Dekorationen ersetzt werden könnte?
Ist der traditionsreiche Weihnachtsbaum unter der Last von Klimawandel und Sparkurs wirklich in solch eine emotionale Schieflage geraten, dass er durch andere Dekorationen ersetzt werden könnte? © Kristin Richter

Großenhain. Er ist eine Institution. Eine Mischung aus wohlriechender Kindheitserinnerung, immerwährender Hoffnung und unerschütterlicher Beständigkeit. Keine Frage, die Deutschen lieben ihren Weihnachtsbaum. Gut 25 Millionen stehen jedes Jahr in den festlich geschmückten Wohnzimmern der Republik. Nicht aus Plaste und künstlich gefertigt, sondern größtenteils immer noch natürlich gewachsen. 

Und nicht nur in den eigenen vier Wänden hat Platz, was zum Fest gehört wie Gänsebraten, Geschenke und traditionelle Lieder. Nein, bereits gut sechs Wochen vor den Feiertagen nehmen gewissermaßen die großen nadligen Brüder Aufstellung in den Städten und Dörfern. Wer auf sich hält, postiert einen Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz. 

In Großenhain bereichert seit vergangenem Dienstag eine 20 Meter hohe Rotfichte das Stadtbild. Ein schmucker Baum, der verziert mit Lichtern und weißen Herrnhuter Sternen die Bewohner und Besucher des Weihnachtsmarktes durch die Adventszeit begleiten soll. Einer, der stolz machen darf und Vorfreude weckt.

Ausgerechnet in diese heimelige Gemütslage platzen nun aber die weitreichenden Gedanken der Großenhainer Stadtväter. Zwar, so Rathaussprecherin Diana Schulze, sei absolut noch gar nichts entschieden. „Aber wir überlegen angesichts von Klimawandel mit Trockenheit, Stürmen und anderen Folgeerscheinungen, ob es nicht Alternativen zum Weihnachtsbaum gibt“, bekennt Diana Schulze. Immerhin müsse ein solcher jedes Jahr aufs Neue gefunden werden und das in einer Phase, in welchem die Wetterkapriolen das Wachsen und Gedeihen nicht unbedingt positiv beeinflussen. 

„Es geht uns wirklich nicht darum, den Grinch von Großenhain zu geben und die weihnachtlichen Gefühle der Menschen zu missachten! Wir möchten vielmehr auf das nahende Problem aufmerksam machen und erfragen, ob jemand vielleicht eine Idee für eine passende Alternative hat.“ Statt des Baumes in der Mitte könne ja eine Pyramide oder ein Stern aufgebaut werden. Hölzerne Möglichkeiten, die den Charme hätten, in jedem Dezember wieder aufs Neue verwendet werden zu können. Allerdings: Ist das auch gewollt? 

Angelika Pietzsch, Chefin der renommierten Gaststätte Kupferberg und Vorsitzende der Fördergemeinschaft „Großenhain aktiv“, ist sich da nicht so sicher. Für klassisch denkende Leute wie sie gehöre ein Weihnachtsbaum nun einmal dazu. Durch ihn entstehe jenes Flair, was so nur in dieser Phase des Jahres durch die Stadt wehe. „Ich möchte den Aspekt des Klimawandels keineswegs vom Tisch wischen! Aber so lange sich noch beherzte Einwohner finden, die gern bereit sind, ihren Baum zu spenden, sollte nicht mit dieser schönen Tradition gebrochen werden“, gibt Angelika Pietzsch zu bedenken.

Etwas, das sich trotz Pleiten, Pech und Pannen auch die Pulsnitzer sagten. Machten sie mit ihrer schiefen Krüppelfichte 2018 gar als Sachsens Stadt mit dem „hässlichsten Weihnachtsbaum“ deutschlandweit von sich Reden, zögerten sie zwölf Monate später nicht. „Natürlich haben wir wieder einen Baum aufgestellt!

 Am Sonnabend wurde er aufwendig mit einem Transporter in die Innenstadt gebracht“, verrät Evelin Rietzschel und lacht. Dazu hat die Stadtsprecherin dieses Mal wohl auch allen Grund. Gut gewachsen sei die aus einem Pulsnitzer Grundstück stammende Blaufichte. Rank und schlank, kein ausladendes Etwas, das ob seiner natürlichen Neigung schließlich ganz gekippt war und für gehörig Nervenkitzel gesorgt hatte.

 Die Idee nach dem jüngsten Desaster, gänzlich auf einen Baum zu verzichten, sei ihnen nie gekommen. „Mag sein, dass in fünf Jahren der Vorrat an großen Exemplaren in den Gärten zur Neige geht. Aber bis dahin wollen wir uns doch daran erfreuen“, bekundet Evelin Rietzschel.

Ganz ohne Zweifel für den natürlichen Weihnachtsschmuck ist Sebastian Zehme. Der Pfarrer macht keinen Hehl daraus, dass er eine Abneigung gegen künstliche Dekorationen hat, die mit ihrem Bling-Bling-Charakter leider voll und ganz der Konsumgesellschaft Rechnung tragen würden. Er plädiere für einheimische Weihnachtsbäume. 

Wenn schon nachhaltig gedacht und unter ökologischen Gesichtspunkten gespart werden solle, dann doch bitteschön an anderer Stelle. Etwa an all dem Kitsch, überbordenden Lichterketten und Figuren, die zuweilen an Disneyland erinnerten. Der Weihnachtsbaum hingegen sei so etwas wie emotionale Heimat. Und daran sollte man festhalten. Auch in Großenhain.

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