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Großenhainer Stalker macht Justiz ratlos

Richter Herbert Zapf verschiebt die Hauptverhandlung um drei Monate – viel Hoffnung auf Besserung besteht aber nicht.

Von Manfred Müller

Seit Ende November wohnt er in Meißen – aber Ruhe gibt er immer noch nicht. Der Großenhainer Stalker Andreas T. saß am vergangenen Donnerstag wieder auf der Anklagebank. Eigentlich wollte Richter Herbert Zapf das Verfahren einstellen, denn T. hat die Auflage des Gerichts, mindestens 15 Kilometer weit wegzuziehen, erfüllt. Aber das Opfer Yvette K. gibt an, dass T. ihr wieder mehrfach nachgestellt hat. Nach dem Umzug sei eine Woche lang Ruhe gewesen, dann tauchte er wieder in Großenhain aufgetaucht. Andreas T. verfolgt die Blumenverkäuferin seit 14 Jahren mit krankhafter Beharrlichkeit – auf der Arbeit, beim Tennisspielen und auch in der Nähe ihrer Wohnung. Mal steht er vor dem Blumengeschäft am Hauptmarkt, ein anderes Mal fährt er ihr im Einkaufsmarkt mit dem Wagen hinterher, das nächste Mal überholt er sie auf Tuchfühlung mit dem Fahrrad oder passt sie auf dem Heimweg von der Arbeit ab. Er spricht nicht mit ihr, er fasst sie nicht an, er terrorisiert sie nicht am Telefon. Aber er erscheint plötzlich auf der Straße, hinter Bäumen oder Mauerecken und schaut sie an. Und das fast jeden Tag, manchmal sogar mehrfach täglich. Kein Wunder, dass die Großenhainerin über gesundheitliche Probleme klagt: Kopfschmerzen, Bauchweh, Hautausschlag. Andreas T. ist schon mehrmals wegen Nachstellung verurteilt worden, hat auch einige Monate im Knast verbringen müssen. Nach langem Hin und Her erklärte er sich bereit, aus Großenhain wegzuziehen, aber seine bedrohliche Leidenschaft verschwand damit nicht. Er habe in den vergangenen Tagen seinen Rechtsanwalt in Großenhain aufsuchen müssen, erklärt er vor Gericht. Das Zusammentreffen mit Yvette K. sei rein zufällig gewesen.

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Andreas T. ist bereits von einem Psychologen untersucht worden. Dessen Gutachten besagt, dass T. zwar intellektuelle Defizite und psychische Auffälligkeiten hat, aber keine krankhafte Störung. Seit über 20 Jahren arbeitslos, geht von dem 47-Jährigen gewisse Hilflosigkeit aus. Die schmächtige Gestalt, der Schnauzbart, die nuschelige Aussprache – er könnte einem fast leidtun, wie er zusammengekauert auf der Anklagebank sitzt.

Anwalt Frank Rabald hätte es lieber gesehen, wenn seinem Mandanten verminderte Schuldfähigkeit zugestanden und eine stationäre psychologische Behandlung verordnet worden wäre, aber das ist durch das Gerichtsgutachten nicht mehr möglich. Nach seiner letzten Entlassung aus dem Knast hat der soziale Dienst Andreas T. einen Psychologen vermittelt, den er einmal im Monat besucht. Die Therapie ist auf drei bis fünf Jahre angelegt. Gebracht hat sie bisher nur wenig.

Stalking-Opfer Yvette K. macht bei ihrem kurzen Auftritt vor Gericht einen gefassten Eindruck. Sie hat jahrelang schriftlich festgehalten, wann ihr der Stalker nachstellte. Viel Hoffnung, dass die Belästigung nach seinem Wegzug aufhört, hat sie nicht. Andreas T. bekommt Hartz IV, ist kaum vermittelbar und hat deshalb viel Zeit. Er schwingt sich einfach aufs Fahrrad und fährt zum Stalken von Meißen nach Großenhain. Einen Vorwand, warum er hierherkommt, kann er immer angeben – seine Mutter wohnt in der Röderstadt.

Obwohl wenig Hoffnung besteht, dass die Nachstellung ganz aufhört, will Richter Herbert Zapf dem Angeklagten eine weitere Chance geben. Er setzt die Hauptverhandlung noch einmal für drei Monate aus – in der Hoffnung, dass Ts verhängnisvolle Leidenschaft sich durch die Entfernung vielleicht abkühlt.

Angesichts der Hartnäckigkeit des Stalkers ist das wohl eher ein Zeichen von Ratlosigkeit. Aber selbst wenn das Gericht Andreas T. wieder in den Knast einfahren lässt, wäre das wohl nur ein Aufschub. Und ihn in die geschlossene Psychiatrie einzuweisen, fehlt es seinen Taten an Schwere. Die unendliche Geschichte um den Großenhainer Stalker zeigt vor allem eines: Die deutsche Gesetzgebung schützt die Opfer solcher Nachstellungen nur ungenügend.