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Schlange stehen für Bernstadts kranken Ben

Im Bernstädter Stadthaus haben sich Hunderte als Stammzellenspender typisieren lassen. Derweil gibt es neue Nachrichten aus dem Krankenhaus.

Bens Vater Swen Tasche ist froh über so viel Hilfe für seinen kranken Sohn Ben.
Bens Vater Swen Tasche ist froh über so viel Hilfe für seinen kranken Sohn Ben. © Rafael Sampedro

Swen Tasche schaut im Bernstädter Stadthaus immer wieder in die Runde. Er sieht Menschen, die sich geduldig in Warteschlagen einreihen. Hunderte sind gleich am frühen Dienstagnachmittag gekommen - gerührt von der Geschichte von Tasches siebenjährigem Sohn, der erst vor wenigen Wochen die Diagnose Blutkrebs erhielt. Um dem Jungen zu helfen, nehmen nun alle Infobroschüre und Datenblatt entgegen, füllen Kästchen in Druckbuchstaben aus, spülen den Mund mit Wasser, um dann endlich mit zwei Wattestäbchen in den Wangentaschen herumzurubbeln. Ich habe von zu Hause bis hierher ewig gebraucht - immer wieder haben mich Leute nach Ben gefragt", erzählt der Vater und schüttelt ein bisschen ungläubig den Kopf über die große Hilfsbereitschaft. Man merkt ihm sofort an, dass ihm der Zuspruch gut getan hat.

Der Weg ins Stadthaus war für Thomas Schnuppe und Thomas Birkner Ehrensache. Die beiden Männer sind auch gleich in doppelter Funktion hier: Als Mitglieder der Kemnitzer Feuerwehr gehören zum Organisationsteam, das vor Ort vor allem die Parkplatzordnung aufrecht erhält. Damit hatten sie gleich zu Beginn um 14.30 Uhr alle Hände voll zu tun, denn viele Freiwillige waren gleich zum Start der Aktion gekommen. Zwischendurch aber haben die beiden Feuerwehrmänner ein bisschen Luft für die zweite wichtige Mission: die Typisierung. "Wenn es meine beiden Kinder wären, wäre ich auch froh, wenn so viele Leute helfen wollen", sagt Thomas Birkner und schreibt die letzten Zahlen aufs Blatt. Regentropfen glitzern auf der dicken Feuerwehrjacke, gleich werden sie wieder zurückgehen, um den Verkehr zu ordnen. "Die Kemnitzer Wehr hat keine eigene Jugendabteilung, auch meine Jungs sind da nach Altbernsdorf gegangen - deshalb sind wir einander sehr verbunden", fügt sein Kollege noch rasch nach.

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Ihre Wattestäbchen bereits eingetütet haben Sebastian Schmidt und Diana Köckritz. Die beiden Löbauer sind gleich mit ihren beiden Kleinkindern gekommen - eines schlummert ruhig in der Babyschale. "Wir sind extra hergekommen, um uns typisieren zu lassen, ist ja praktisch um die Ecke", erklärt Schmidt. Überall habe man den Aufruf gesehen: bei der Hebamme, bei der Feuerwehr. Und so hat die Familie eben einen kleinen Ausflug gemacht, um Ben zu helfen. "Und wenn es nicht Ben ist, helfen wir vielleicht jemand anderem", betont Sebastian Schmidt, der selbst Mitglied der Löbauer Feuerwehr ist und bei der Rettungsleitsstelle in Hoyerswerda arbeitet. Mit dem Kampf um Leben und Tod hat er auch im Alltag immer wieder zu tun.

Für Bens Vater Swen Tasche und seine Frau Yvonne ist dieser Kampf hingegen ein neues Feld. Aber sein Sohn, so erzählt er froh, schlage sich ganz tapfer. Zwar hat dem Jungen die Chemotherapie inzwischen die meisten seiner blonden Haare gekostet. Aber seinen Humor und seine Energie erwachen langsam wieder: "Die Ärzte sind sehr zufrieden, wie die Behandlung anschlägt - und langsam ähnelt er auch wieder dem Ben, den wir kennen", sagt Tasche. Man spüre, dass es ihm besser gehe nach den Medikamenten. Eine Garantie, dass sich dieser erste, positive Trend fortsetzt, gibt es freilich nicht, das wissen Tasches. Nach der ersten - der längsten - Chemo, die Ben diese Woche beenden wird, werden weitere Behandlungen folgen, die bis ins nächste Jahr dauern. Ob er wenigstens zu Weihnachten nach Hause darf, ist noch nicht sicher - zu hoch ist derzeit die Gefahr, sich mit anderen Krankheitskeimen zu unfizieren.

Ein mehr als positiver Trend zeichnet sich unterdessen auch bei der Bereitschaft ab, sich als Stammzellenspender registrieren zu lassen. Nach anderthalb Stunden waren schon weit mehr als 300 Wattestäbchenpackungen für die Analyse in einem Speziallabor verpackt. "Auch bei der Blutspende sind heute viel mehr Spender da und auch deutlich mehr Erstspender dabei", freut sich Jens Scholz vom Blutspendedienst des Deutschen Roten Kreuzes. Das DRK führt die Typisierung durch, die Daten werden in die Deutsche Stammzellendatei übernommen. Vier bis zwölf Wochen dauert es erfahrungsgemäß, bis die genetischen Informationen vom Wattestäbchen in die Datei gewandert sind, erklärt Karen Utikal, die sich um die Koordinierung von Spenden von Dresden aus kümmert.

Viel Luft zum Durchatmen bleibt allerdings nicht: Immer wieder kommen neue Freiwillige wie auf unsichtbaren Wellen ins Stadthaus geschwappt: Viele Birkenstock-Mitarbeiter treffen kurz vor 16 Uhr - nach Feierabend - ein. "Wir haben am Ortseingang, beim Kraftverkehr noch einen Extra-Parkplatz einrichten können und fahren mit zwei kleinen Shuttlebussen vom Autohaus Büchner die Menschen zur Typisierung", erklärt Andreas Schäfer, Organisator der ganzen Aktion von der Altbernsdorfer Feuerwehr die Lage. Ohnehin spielt diese Ortsfeuerwehr - Ben und sein Vater sind selbst Mitglied - eine große Rolle. Sie hat die Aktion ins Leben gerufen und sichert mit Kameraden aus Bernstadt, Kemnitz und auch Schönau-Berzdorf alles ab. Nicht wegzudenken sind auch die freiwilligen Helfer vom Bernstädter Handballverein OHC oder auch Mitarbeiter des Abfallunternehmens ETU. Geschäftsführerin Heike Wieland sitzt selbst mit an den Tischen und nimmt die Wattestäbchen und Zettel entgegen. Sie selbst ist seit langem als Stammzellenspenderin registriert. "Schön, dass es so gut läuft und die Menschen so mitfühlen", sagt sie.

Kurz ins Stocken kommt der sonst so reibungslose Ablauf im Stadthaus gegen halb Sechs: Die Zettel für die Datenerfassung sind alle. "Wir haben schnell Fahrer in Görlitz und Dresden losgeschickt, die sollten gleich da sein", sagt Karen Utikal vom DRK - und kurz darauf trifft tatsächlich der erste Stoß Blätter ein. "Wir hatten 700 Stück im Gepäck", betont Frau Utikal - die waren schneller weg als gedacht.

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Einige Hundert Zettel werden sich nicht nur an diesem Abend in Bernstadt noch füllen, sondern auch anderswo: "Die Stadtverwaltung Görlitz will auch gern eine Typisierungsaktion machen und hat angefragt, außerdem wird es im Januar bei Birkenstock ebenfalls eine extra Typisierung geben und auch das Berufsschulzentrum Görlitz bereitet sich auf dergleichen vor", sagt Jens Scholz vom Deutschen Roten Kreuz. Auf diese Weise helfen die Menschen vielleicht nicht nur Ben Tasche - sondern auch vielen anderen kranken Menschen, für die es keine so große Welle der Hilfsbereitschaft gab.

Thomas Schnuppe (links) und Thomas Birkner von der Kemnitzer Feuerwehr lassen füllen die Typisierungsbögen aus.
Thomas Schnuppe (links) und Thomas Birkner von der Kemnitzer Feuerwehr lassen füllen die Typisierungsbögen aus.
Vor dem Stäbchen-Test gut den Mund ausspülen.
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Thomas Schnuppe reibt mit dem Wattestäbchen kräftig an der Wangeninnenseite.
Thomas Schnuppe reibt mit dem Wattestäbchen kräftig an der Wangeninnenseite.
Gut verpackt geht das Stäbchenpaar ins Speziallabor.
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Großer Andrang im Bernstädter Stadthaus: Hunderte lassen sich am Dienstag für den krebskranken Ben typisieren.
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