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Großschönauer umradelt die Erde

Udo Hülle ist mit einem Mountainbike in reichlich sieben Monaten 18 483 Kilometer gefahren. Dabei ist er oft an seine Grenzen gestoßen.

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Von Holger Gutte

Udo Hülle weiß, was es heißt, im Freien zu übernachten. Zig Nächte hat der Großschönauer in diesem Jahr nur mit einer Art Mini-Zeltplane in Europa, Asien und Amerika so verbracht. Freiwillig. Mit nur 28 Kilogramm Gepäck ist der 33-jährige Großschönauer am 23. März in Dresden zu einer Erd-umradlung gestartet. Die Idee für die gigantische Tour ist schon vor zehn Jahren bei ihm gereift. „Im vergangenen Jahr habe ich dann mit den intensiven Vorbereitungen dafür angefangen“, erzählt er. Mit über 25 Impfungen, dem Abschließen einer Auslandskrankenversicherung und dem Beantragen der Visas für Russland und die Mongolei nahm die Planung Gestalt an. Da der Architekt früher viele Radwettkämpfe bestritten hat, fällt ihm das Training für so eine lange Distanz nicht allzu schwer. Zu seiner aktiven Zeit, in der er es immerhin zum Sachsenmeistertitel schaffte, sind 20 000 Kilometer im Jahr mit dem Rad auch nichts Besonderes gewesen. „Ich wollte mir oder niemand anderem etwas beweisen. In meinem Kopf war es eine Art Pilgerreise, die ich plante“, sagt er.

Da der Architekt beruflich von Dresden nach Leipzig ziehen will, nimmt er sich 2012 quasi fast ein Jahr Auszeit für sein Projekt. Die Familie und Freunde wollen es anfangs nicht glauben, als er sich mit dem Mountainbike in Dresden aufmacht – auch Young Mi Lee, seine Lebensgefährtin, nicht. Sie folgt ihm mit dem Auto ins Elternhaus nach Großschönau, dem ersten Etappenziel seiner Erdumradlung.

Von da an wird es dann ernst. Udo Hülle fährt bewusst im zeitigen Frühjahr los, um nicht in den sibirischen Winter zu kommen. Dafür muss er aber viele Regen-etappen in Polen meistern. Das Gepäck des 33-Jährigen ist auf ein Minimum begrenzt. Zusammen mit dem Mountainbike wiegt es gerade mal 28 Kilogramm. Zu seinem wertvollsten Gut unterwegs gehört zweifellos sein iPhone. Mit ihm hält er ständig Kontakt zu seiner Lebensgefährtin und Freunden. So erfährt er schließlich, dass der von ihm angestrebte Grenzübergang in die Ukraine nur für Kraftfahrzeuge geöffnet ist. Udo Hülle lässt es auf einen Versuch ankommen, und radelt ihn trotzdem an. Als der Großschönauer den polnischen Grenzern sein Russland- und Mongoleivisum zeigt, und ihnen verständlich macht, dass er mit dem Fahrrad dorthin will, schauen die ihn ungläubig an. Aber sie lassen ihn passieren.

Udo Hülle übernachtet in Hotels und im Freien. Je nachdem, wie es sein Tagesziel zulässt. Aus Sicherheitsgründen zieht er es in der Ukraine aber vor, Hotels aufzusuchen. Mit Young Mi Lee trifft er sich in Kiew zu einer kurzen Pause, um seinen Geburtstag und Ostern zu feiern. Dann macht er sich Richtung Russland auf. „Da meine Freunde sich im Internet mit russischen Bikern in Verbindung gesetzt hatten, bin ich hier auf vielen Stationen freundlich empfangen, und mit Unterkunft und Verpflegung versorgt worden“, erzählt er. Im asiatischen Teil Russlands werden dann die Herausforderungen an Udo Hülle schon größer. Die Übernachtungen im Freien unter seiner Tarp-Plane werden zu einer großen Herausforderung. „Außer den Millionen Mücken, vor denen mich meine russischen Freunde gewarnt hatten, hatte ich mit Gegenwind und extremer Hitze zu kämpfen“, schildert er.

Aber es sollte noch schlimmer kommen. An der mongolischen Grenze muss er all seine Überredungskünste aufbringen, um mit seinem Rad ins Land zu kommen. Auch hier ist das Überqueren nur für Autos gestattet. Der Weg führt Udo Hülle über 20 Kilometer Niemandsland bis zum letzten mongolischen Grenzposten. „An diesem gibt es ein rotes Tor, mit Stacheldraht umwickelt, an dem die Asphaltstraße aufhört, und ich in das wilde, natürliche und endlose Landgebiet der Mongolei eingereist bin“, schildert er. Udo Hülle merkt schnell, dass seine Karten nicht den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen. Eingezeichnete Autobahnen waren zwei Meter breite Schotterwege mit faustdicken Steinen. Weder Wegweiser noch andere Orientierungshilfen gibt es. „In den ersten zwei Tagen machten mir die Hitze und die Höhe von über 3 000 Metern zu schaffen“, schildert der Großschönauer. Ein Nomade rät ihm schließlich, sich immer an den Oberleitungen bis ins nächste Dorf zu orientieren. Doch die Eindrücke, die er hier von der Landschaft erhält, faszinieren ihn.

Die Wölfe, die er nachts unter seinem „Minizelt“ im Freien hört, sind nicht die einzige Sorge, die Udo Hülle in den nächsten Tagen begleiten wird. Nach unwetterartigen Regenfällen ist die hochgebirgige Westmongolei zu einer Fluss- und Seenlandschaft mit Wildwasser, Schlamm und Schwemmsandgebieten geworden. „Hier mit dem Rad durchzukommen, war unmöglich“, erzählt er. Tagelang ist er etwa 500 Kilometer umhergeirrt – fern von jeder Zivilisation, aber immer vom Heulen der Wölfe begleitet. In einem Dorf namens Olgii angekommen, haben die Menschen dort schließlich Mitleid mit ihm, und setzen ihn in einen überfüllten Geländebus Richtung Hauptstadt.

Viele Geschichten

„Es gibt so viele Geschichten von der Reise zu erzählen, dass man gar nicht weiß, womit man beginnen soll“, sagt er. Die Weiten der Mongolei und Chinas, und auch die Schönheit der Landschaft in Kanada beeindrucken ihn. Als Höhepunkt seiner Erdumradlung bezeichnet Udo Hülle seine Fahrt durch Südkorea und die eine Woche, die er hier mit seiner Lebensgefährtin in deren Heimatland verbrachte.

Trotz aller Strapazen, die der 33-Jährige hier schon hinter sich hat, denkt er danach aber nicht daran, mit ihr wieder nach Deutschland zu fliegen. „Mehrfach bin ich bis dahin schon an Grenzsituationen gekommen“, sagt er. So wie beispielsweise in der Wüste Gobi. „Vor Durst habe ich hier Regenwasser aus Pfützen getrunken“, erzählt er. Mit dem Flugzeug fliegt er nach Kanada. 8000 Kilometer liegen hier noch vor ihm. Noch einmal steigt Udo Hülle dann ins Flugzeug, um nach Europa zu fliegen. Von Lissabon in Portugal geht es dann durch Westeuropa Richtung Dresden, wo er am 8. November herzlich empfangen wird. „Ich habe während der 18 483 Kilometer öfter meine Grenzen erreicht“, sagt er. Daran, eine zweite Erdumradlung zu starten, die vielleicht noch größer, als die erste ist, denkt er nicht. Eine Tour zu Fuß auf der Südhalbkugel kann er sich aber schon vorstellen.