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Doku im Ersten: Die Wunde im Grünen Gewölbe

Der Jahrhundertdiebstahl von Dresden bleibt ein Rätsel. Die Kunstsammlungen lassen die ausgeraubte Vitrine leer. Eine Doku in der ARD geht auf Spurensuche.

Die von den Dieben leergeräumte Vitrine im Grünen Gewölbe ist jetzt mit einer neuen Glasscheibe versehen. So wird sie bald den Besuchern in Dresden präsentiert.
Die von den Dieben leergeräumte Vitrine im Grünen Gewölbe ist jetzt mit einer neuen Glasscheibe versehen. So wird sie bald den Besuchern in Dresden präsentiert. © MDR

Von Adina Rieckmann

"Was sind das nur für Leute?“, fragt sich Christine Engemann. Der einstigen Chefrestauratorin im Grünen Gewölbe stockt immer noch der Atem, wenn sie an den Diebstahl im November denkt. Sie ist eine der wenigen, die die gestohlenen Juwelen selbst in der Hand halten durften. Sie hat viele von ihnen für die Wiedereröffnung der historischen Schatzkammer im Jahr 2006 gereinigt und konserviert. Engemann fürchtet sich davor, dass diese wertvollen Steine längst umgeschliffen sind und damit auch an Wert verloren haben. „Ich darf es mir nicht ausmalen, dass sie zerstört werden. Das wäre solch ein Frevel.“

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Grünes Gewölbe: Die Tatortspuren sind noch zu sehen

Marion Ackermann hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die gestohlenen Schätze wieder nach Dresden zurückkehren. „Wir haben direkt nach dem Diebstahl in unserem weltweiten Netzwerk alle Kollegen involviert, zum Beispiel in Hongkong oder Moskau. Überall suchen jetzt die Sicherheitschefs der großen Museen nach den gestohlenen Juwelen“, sagt sie. Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen steht vor der vor der leeren geplünderten Vitrine im Juwelenzimmer. Inzwischen ist hier alles beräumt, geputzt und mit einer neuen Glasscheibe versehen. Die Ziffern der Tatortspuren sind noch zu sehen. Wann das Grüne Gewölbe wieder geöffnet wird, ist weiter unklar. Lange soll es nicht mehr dauern.

Vorerst soll die Vitrine leer bleiben und zur Diskussion anregen.
Vorerst soll die Vitrine leer bleiben und zur Diskussion anregen. © Adina Rieckmann

„Wir zeigen diese Wunde deutlich“, sagt Ackermann. „Das soll keine Lösung auf Dauer sein, aber uns ist wichtig, dass wir Raum haben für Emotionen. Besucher sollen die Möglichkeit haben, mit uns über diesen Verlust ins Gespräch zu kommen.“ Dazu gehöre auch nach Gründen zu fragen. Warum war dieser Diebstahl überhaupt möglich? Welche Mängel haben die Kunstsammlungen, das Sächsische Immobilien- und Baumanagement sowie das Landeskriminalamt zu verantworten - als gemeinsame Entscheider des Sicherheitskonzeptes? Gab es noch mehr bauliche und technische Unzulänglichkeiten ? Und wie konnten die Diebe den Sicherheitsbereich im Außenbereich lahmlegen?

Dies sei ein Jahrhundertdiebstahl, meint Georg Prüfling. Er leitete viele Jahre den Erkennungsdienst der Polizei in Bonn und ist ausgewiesener Tatortexperte. Das planmäßige und organisierte Vorgehen der Diebe spreche eine eindeutige Sprache. „Diese Leute wussten, wie man solche Straftaten durchführt. Sie haben am Tatort sogar ihre Spuren verwischt. Mit einem Pulverfeuerlöscher. Wer so etwas verwendet, weiß genau, auf welche Art und Weise die Polizei Spuren sichert und auswertet.“

Die Insider-Theorie und ihre Folgen

Die Spurensicherung war eine Mammutaufgabe. Die Sonderkommission „Epaulette“ muss weit über 1000 Sachbeweise auswerten. Experte Prüfling dazu: „Jede einzelne gesicherte Spur muss mit der gleichen Präzision untersucht werde, als sei es die einzig entscheidende.“ Die komplette Tatortauswertung aller Spuren dauere Monate.

Bernhard Maaz, dem früheren Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister und des Kupferstichkabinetts, fiel sofort das Stichwort „Insider“ ein. Diebstähle, an denen das häufig von Fremdfirmen gestellte und schlecht bezahlte Wachpersonal beteiligt war, gab es in jüngerer Vergangenheit an vielen Orten. Maaz, der heute Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ist, sagt: „Wir kennen es von den Krankenhäusern. Dort gilt grundsätzlich das oberste Gesetz: einwandfreie Hygiene. Und dennoch gibt es Krankenhauskeime – so ist es mit den Museen auch.“ Er kenne keinen Kollegen in Deutschland, der sagen würde, so etwas wie in Dresden könne ihm nie passieren.

„Wir in München bedienen uns auch externer Sicherheitsfirmen“, sagt Maaz. Sie sind alle zertifiziert, wie in Dresden auch, das ist deutschlandweit Usus.“ Dennoch müsse es ein Umdenken in der Museumslandschaft geben: „Wir werden thematisieren müssen, ob es nicht doch ratsam ist, mehr eigenes Personal einzustellen. Auch weil es so eine Bindung an das Haus gibt.“ Wenn man auf Dresden schaue, wisse man, dass nicht nur die Kosten für Sicherheitspersonal steigen müssen, sondern auch für Sicherheitstechnik und deren kostenintensive kontinuierliche Wartung.

Das Grüne Gewölbe kann nicht Fort Knox sein

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Generaldirektorin Ackermann setzt auf die Arbeit der 45-köpfigen Soko „Epaulette“ und hält sich ansonsten mit Mutmaßungen zurück. „Als geschädigte Partei können wir keine Einsicht in die Ermittlungsergebnisse nehmen. Bis klare Ergebnisse vorliegen, verbieten sich jegliche Spekulationen. Es muss alles gründlich analysiert werden. Bis dahin aber sollte man sich nicht gegenseitig die Schuld zuweisen.“ Es sei eher die Frage zu bedenken, „was können wir jetzt schon für die Zukunft tun, damit solch ein Diebstahl nicht mehr möglich sein wird“. Muss eventuell sogar das Gesamtkonzept einer begehbaren Vitrine überdacht werden? „Ich bin der Meinung, man muss es so aufrechterhalten. Sonst wäre es nicht mehr das Historische Grüne Gewölbe“, sagt Ackermann. „Es kann nicht Fort Knox sein, weil wir hier über zwei Millionen Touristen jedes Jahr haben.“

Mehr dazu am Montag, den 20. April um 22:45 Uhr in der ARD: „Jahrhundertdiebstahl in Dresden.“ Die Dokumentation gibt es auch in der ARD-Mediathek. Unsere Autorin hat gemeinsam mit anderen diesen Film gedreht.

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