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Drei Ermittlungsansätze für den Juwelen-Coup

Noch gibt es keine heiße Spur zu den Dieben. Die Polizei geht bei dem Kunstdiebstahl im Grünen Gewölbe dennoch von Profis aus.

Mitarbeiter der Spurensicherung suchen nahe des Residenzschlosses mit dem Grünen Gewölbe das Gelände ab.
Mitarbeiter der Spurensicherung suchen nahe des Residenzschlosses mit dem Grünen Gewölbe das Gelände ab. © Sebastian Kahnert/dpa

Es fällt einen Tag nach dem spektakulären Kunstdiebstahl schwer, die Tat zu fassen. Die Täter drangen durch das vergitterte Fenster in die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ein - und standen auch gleich im Grünen Gewölbe, wo sie in kürzester Zeit und mit roher Gewalt eine Vitrine mit der Axt einschlugen. Obwohl die Polizei schon fünf Minuten nach der Alarmierung am Tatort war, konnten die Täter unerkannt verschwinden. Fluchtfahrzeug war nach ersten Ermittlungen ein Audi A6 Avant.

Auch wenn es noch keine heiße Spur zu den Tätern gibt, so ist doch sicher, dass diese Tat nicht im Vorübergehen passiert ist. Dieser Einbruch muss gut vorbereitet gewesen sein und dürfte wohl auch mehrere Wochen Vorlauf bedurft haben. Er war, auch das ist offensichtlich, auch noch besonders dreist. Das vergitterte Fenster, das die Täter aufbrachen, befindet sich direkt gegenüber der Schinkelwache.

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Mit der Brandstiftung eines Elektroverteilers an der Augustusbrücke hatten die Täter offenbar noch vor ihrem Bruch den Theaterplatz verdunkelt. Auf Außenaufnahmen von Überwachungskameras ist nur wenig zu erkennen. Nur etwas besser sind die Videobilder der beiden Täter, die in das Residenzschloss eingedrungen waren. Die 31-sekündige Videosequenz, die am Abend veröffentlicht wurde, zeigt zwei dunkle Gestalten, die um 4.57 Uhr den Raum betreten, ihre Tasche abstellen und sofort anfangen, mit einer Axt die Vitrine einzuschlagen. Die Beiden wussten, was sie haben wollten. Doch die Ermittler gehen von weiteren Mittätern aus. Vor dem Schloss werden Komplizen Schmiere gestanden und im Flucht-Audi gewartet haben.

Auch ein weiterer Brand steht im Zusammenhang mit dem Kunstdiebstahl. In der Kötzschenbrodaer Straße zündeten die Täter in einer Tiefgarage ein Auto an – einen Audi A6. Das ausgebrannte Wrack wurde am Montagnachmittag von der Polizei abgeholt. Es könnten sich auch in einem ausgebrannten Auto noch Spuren finden lassen.

Polizeisprecher Thomas Geithner war am Abend ernüchtert. Es deute alles auf ein hochprofessionelles Vorgehen hin. Dazu zählt er nicht allein die Vorbereitungen und Brände. „Wenn ein Brand die Straßenbeleuchtung verdunkelt und so die Videoüberwachung ins Leere geht, glaubt niemand mehr an Zufall.“ Auch in Sachsens Schatzkammer hätten sich die Täter nicht lange aufgehalten. Offenbar sei es ihnen darum gegangen, in möglichst kurzer Zeit wahllos so viel mitzunehmen wie möglich – Wertvolles und auch weniger Wertvolles. 

Die Zeit war wohl wichtiger als einzelne Beutestücke. Mit einem schnellen Fahndungserfolg, so sehr man sich das wünscht, sei wohl nicht zu rechnen, glaubt Geithner. „Wir haben keinen konkreten Ermittlungsansatz.“ Auch die Uhrzeit sei geschickt gewählt worden. 5 Uhr sei noch Nacht, doch auf ihrer Flucht würde den Tätern der Berufsverkehr nutzen.

Jetzt, nach der Aufregung des ersten Tages und den ersten Sofortmaßnahmen, folgt die kriminalistische Sysiphosarbeit. Aus diesem Grund wurde bereits am Montagnachmittag die Sonderkommission „Epaulette“ von zunächst geplanten zehn Ermittlern auf 20 verdoppelt. Die Beamten werden viele Zeugen vernehmen müssen. Neben Mitarbeitern des Residenzschlosses auch Nachbarn und Anlieger. Sie könnten eine zufällige Beobachtung gemacht haben, die sich bei näherer Betrachtung als ein wichtiges Indiz herausstellen könnte. Geithner: „Wir müssen die Abläufe in dem Museum verstehen, um Ansatzpunkte zu finden.“

Reisende Täter oder Auftrags-Diebstahl?

Der Chef der Soko ist der Leiter des Einbruchskommissariats der Polizeidirektion Dresden. Auch Kollegen vom Landeskriminalamt werden die Soko unterstützen. Die Beamten werden verschiedene Ermittlungsansätze verfolgen. Ganz grob hat Dresdens Kripochef Volker Lange in der Pressekonferenz am Montagnachmittag im Stadtschloss von unter anderem drei möglichen Ansätzen gesprochen. Reisende Täter – sie stehen fast immer im Fokus bei Einbruchsermittlungen der Polizei. Ein weiterer Ansatz ist ein gezielter Kunstdiebstahl. Die Dresdner Polizei habe nach Langes Angaben bereits Kontakt zu Ermittlern in Berlin aufgenommen, um zu sehen, "was gibt es für Zusammenhänge, was gibt es für ähnliche Tatmuster".

In Berlin hatten Unbekannte im Frühjahr 2017 im Bode-Museum eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze gestohlen. Natürlich suchen die Ermittler Bezüge nicht nur in Berlin.

Der dritte Ansatz geht in Richtung Organisierte Kriminalität. Denkbar ist, dass der Diebstahl ein Auftragswerk war, von wem auch immer.

Bleibt zu hoffen, dass die Beamten in den nächsten Tagen mehr Erfolg haben als am Montag. So hatte es am Nachmittag länger gedauert, Fotos der gestohlenen Juwelen von den Staatlichen Kunstsammlungen zur Polizei zu schaffen, als die echten Steine aus dem Schloss zu stehlen. Am Ende mussten Beamte am Montagabend die Fotos persönlich im Schloss abholen. 

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