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Geiselhaft für die Juwelen aus dem Grünen Gewölbe?

Der Kunstmarkt ist globalisiert und intransparent. Das macht die Ermittlungen zum Diebstahl der Juwelen aus dem Grünen Gewölbe schwierig.

Am 25. November 2019 wurden wertvolle Juwelen aus dem Grünen Gewölbe in Dresden gestohlen. Kunstkenner vermuten, dass die Schmuckstücke nicht legal weiterverkauft werden können.
Am 25. November 2019 wurden wertvolle Juwelen aus dem Grünen Gewölbe in Dresden gestohlen. Kunstkenner vermuten, dass die Schmuckstücke nicht legal weiterverkauft werden können. © Sebastian Kahnert/dpa

Von Stefan Koldehoff und Tobias Timm

Der internationale Kunstmarkt hat zwei Seiten – eine helle und eine dunkle. Beide sind das Ergebnis einer Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte in Galerien, Auktionshäusern und dem Internet, in denen die Preise für Kunstwerke geradezu explodiert sind: 250 Millionen Dollar für Paul Cezannes „Kartenspieler“ aus einer Privatsammlung in Genf. Oder die schon legendären 450 Millionen Dollar, die ein muslimischer Staatschef im November 2017 für das Christus-Bild „Salvator Mundi“ bezahlt hat – obwohl sich die Experten bis heute nicht darüber einig sind, ob die kleine Holztafel tatsächlich maßgeblich von Leonardo da Vinci bemalt worden ist. Insgesamt werden am internationalen Kunstmarkt laut dem neuesten „Art Basel Art Market Report“ weltweit jährlich mehr als 60 Milliarden Dollar umgesetzt.

Leonardo da Vincis Gemälde "Salvator Mundi" gilt als das teuerste je versteigerte Bild der Welt.
Leonardo da Vincis Gemälde "Salvator Mundi" gilt als das teuerste je versteigerte Bild der Welt. © Kirsty Wigglesworth/AP/dpa

Und das sind nur die Preise, die an die Öffentlichkeit gedrungen sind – auf der hellen Seite des Marktes. Hier gibt es vornehme Auktionshäuser, die ihren Kundinnen und Kunden inzwischen Beratungsangebote wie die großen Investmentbanken machen – selbstverständlich diskret und wenn es sein muss, auch über Off-Shore-Firmen in Steuerparadiesen.

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Wer es sich leisten kann, bezahlt einen „Art Advisor“, der gegen üppige finanzielle Entlohnung die Suche nach passenden Werken übernimmt und praktischerweise auch gleich erklären kann, welche Künstlerinnen und Künstler in der aktuellen Saison gerade angesagt sind und was ihre Arbeiten wollen.

Dass auch dieser Ansatz schiefgehen kann, wurde im Fall des Kunstberaters Helge Achenbach deutlich. „Der Eintritt der Investmentbanker, Börsenspekulanten und Broker in den Kunstmarkt führte zu einer kompletten Verrohung“, sagte er 2019 in einem Interview: „An der Börse ist alles kontrolliert. Wenn du mit Insiderinformationen Aktien kaufst, dann steht sofort die Aufsichtsbehörde vor deiner Tür und nimmt dich fest. Der Kunstmarkt ist leichter zu manipulieren.“

Achenbach weiß, wovon er redet: Bevor er 2015 wegen millionenschweren Betrugs bei Kunstgeschäften zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde, hatte er selbst als Kunstberater mit Banken zusammengearbeitet und versucht, einen Kunstfonds anzubieten.

Nur der Materialwert zählt

Das nämlich ist die andere, die dunkle Seite des lukrativen Geschäfts mit der Kunst: Wo so viel Geld zu verdienen ist wie am Kunstmarkt, sind schnell auch die vor Ort, die auf fragwürdige Weise beim großen Spiel mitmachen wollen.

Am brutalsten gehen in diesem Feld meist jene Täter vor, die es auf die Schätze in den öffentlichen Museen abgesehen haben. Und die Museen sind oft leichte Opfer, weil sie immer noch viel zu schlecht gesichert sind, technisch wie personell.

Im Museum Singer Laren bei Amsterdam mussten die Diebe nur zwei Eingangstüren aus Glas einschlagen, um dann nach nur weniger als fünfzehn Minuten mit einem frühen Ölgemälde von Vincent van Gogh, einer Ansicht des Pfarrgartens von Nuenen, zu verschwinden. Der Versicherungswert wurde bisher nicht bekannt gegeben, er dürfte aber bei drei bis fünf Millionen Euro liegen.

Aus dem niederländischen Museum Singer Laren bei Amsterdam ist bei einem Einbruch ein Gemälde von Vincent van Gogh gestohlen worden.
Aus dem niederländischen Museum Singer Laren bei Amsterdam ist bei einem Einbruch ein Gemälde von Vincent van Gogh gestohlen worden. © ANP/dpa

Auf dem legalen Kunstmarkt lässt sich das Bild nicht verkaufen. Gestohlene Kunstwerke werden heutzutage in Sekundenschnelle auf digitale Fahndungslisten gesetzt und an Datenbanken gemeldet, mit denen auch seriöse Kunsthändler und Auktionatoren regelmäßig ihre Ware abgleichen. Womöglich handelt es sich hier um einen Fall von „Artnapping“: Ein Kunstwerk wird gestohlen, um damit von den Museen oder den Versicherungen einen sogenannten Finderlohn zu erpressen. Oder das Bild wurde ohne Plan gestohlen – einfach nur, weil es in der durch das Coronavirus menschenleeren Stadt so einfach war.

Auf eine solche Form von Geiselnahme hoffen auch noch die Freundinnen und Freunde des „Grünen Gewölbes“ – denn dann könnten die am 25. November 2019 gestohlenen Juwelen eventuell doch noch in das Museum nach Dresden wiederkehren. Möglich ist aber auch, dass die Diebe die Diamanten längst aus den Schmuckstücken herausgebrochen und – mit neuem Schliff – weiterverkauft haben. Immer häufiger interessiert die Einbrecher und Räuber nicht mehr die Kunst selbst, sondern nur noch deren Materialwert.

Aus dem Grünen Gewölbe entwendete Schmuckstücke. Unten rechts ist die große, sehr wertvolle Schleife.
Aus dem Grünen Gewölbe entwendete Schmuckstücke. Unten rechts ist die große, sehr wertvolle Schleife. © SKD/dpa

Neben den Museen ist vor allem der Kunsthandel von den Machenschaften Krimineller betroffen. Da wird dann in einer Villa im Rheinland eine ganze Sammlung angeblicher russischer Avantgarde-Kunst mithilfe eines selbst gedruckten Katalogs angeboten, auf dessen Umschlag das Logo eines Internet-Fotobuchherstellers prangt. Da findet ein Sachverständiger, der seit vielen Jahren naturwissenschaftliche Gutachten zu Kunstwerken erstellt, offenbar nichts merkwürdig daran, dass ihm auf Leinwand gemalte Kunstwerke, die eigentlich mehrere Millionen Dollar wert sein sollten, wie Poster in Rollen von Kurierdiensten ins Haus geschickt werden. Jedes Museum, jeder seriöse Kunsthandel würde solche Bilder selbstverständlich gerahmt und in hochsensiblen Klimakisten von Fachspeditionen transportieren lassen.

All das ist Folge der rasanten Entwicklung des Kunstmarktes im 21. Jahrhundert: Hedgefonds-Milliardäre haben das Kunstsammeln praktischerweise gleichzeitig zu ihrem Hobby und zum lohnenden Investment gemacht. Dass die sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte aber vor allem dazu geführt haben, dass Kunstwerke zu Investments geworden sind, und welche Folgen das für den seriösen Umgang mit diesen Kulturgütern hat, ist bislang kaum untersucht worden. Für diese Entwicklung, die niemand mehr ernsthaft leugnen kann, gibt es eine Reihe von Gründen.

Nach wie vor ist der Kunstmarkt einer der zugleich globalisiertesten wie intransparentesten Märkte der Welt. Wechselt ein Werk von Leonardo da Vinci oder Jackson Pollock den Besitzer, erfahren davon meist nur die wenigen direkt Beteiligten. Wie der Preis zustande kam, von wem er an wen gezahlt wurde, welche Mittelsleute oder Briefkastenfirmen beteiligt waren, wird in aller Regel nicht bekannt.

Nach wie vor beansprucht der Kunstmarkt für sich Sonderrechte, die wie vor über hundert Jahren mit der Einzigartigkeit der gehandelten Ware begründet werden. Kunstwerke stellen aber unter bestimmten Voraussetzungen nach wie vor eine Möglichkeit dar, Gewinne aus illegalen Geschäften wie Erpressung oder Drogenhandel in den legalen Geldkreislauf einfließen zu lassen.

Ein Gemälde des jungen Mozarts, das letztes Jahr beim Auktionshaus Christie's versteigert wurde.
Ein Gemälde des jungen Mozarts, das letztes Jahr beim Auktionshaus Christie's versteigert wurde. © Georg Hochmuth/APA/dpa

Und der Kunsthandel ist die reinste Form der Marktwirtschaft. Bei der Ware handelt es sich meist um Unikate, deren Wert objektiv nicht bestimmt werden kann. Der Preis eines Gemäldes von Rembrandt, Roy Lichtenstein oder Gerhard Richter wird nicht nach Gewicht, verwendetem Material und unter Umständen nicht einmal nach der Größe festgelegt. Es sind allein Angebot und Nachfrage, die schließlich zu einem Preis führen: Eine Künstlerin, ein Händler oder eine Sammlerin muss bereit sein, sich von einem Kunstwerk zu trennen. Und ein anderer Sammler – oder besser noch zwei – müssen dieses Werk unbedingt haben wollen. Wenn dann sehr wenige Menschen sehr viel Geld besitzen und bereit sind, es für Kunst auszugeben, ist jeder Preis denkbar.

Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Betrug mithilfe von Kunst, Fälschungen in großen und kleinen Galerien, die geheimen Bilderverstecke in abgeschirmten, steuerbefreiten Zollfreilagern, der zweifelhafte Markt für echte und falsche Relikte aus der Zeit des Nationalsozialismus sind weitere interessante Aspekte.

Meist sind es einzelne Expertinnen, Rechtsanwälte, Galeristen, Auktionatorinnen oder Ermittler, die sich gegen große Widerstände und teilweise sogar unter persönlicher Gefahr für die Kunst einsetzen und die Betrüger und Fälscher entlarven. Betroffen sind von den Verbrechen, die in unserem Buch beschrieben werden, nicht nur Milliardäre aus Monaco und Long Island, sondern auch normalverdienende Angestellte aus der deutschen Provinz. Manche Opfer stört die Tatsache, dass sie eine Fälschung gekauft haben, nicht weiter. Andere werden durch einen solchen Betrug in ihrer Existenz bedroht. Verliererin ist aber in jedem Fall immer die Kunst. Sie wird als Geisel genommen, in modernen Räuberhöhlen versteckt, durch Fälschungen beschmutzt.

Es gilt jetzt, die strukturellen Probleme aufzuklären – und so auch eine Analyse zu liefern, was heute im System Kunstmarkt und Kunstbetrieb falsch läuft. Nur wer die Notwendigkeit einer solchen Analyse nicht verweigert, kann ernsthaft dazu beitragen, dass der Blick auf die Kunst selbst wieder frei wird.

  • Unsere Autoren: Stefan Koldehoff und Tobias Timm sind die Verfasser des Buches „Kunst und Verbrechen“ (Verlag Galiani Berlin, 328 Seiten, 25 Euro).

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