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Grünpflanzen statt Leuchten

Die Arnsdorferin Anja Odrich erfüllte sich einen Traum. Sie belebte eine Industriebrache wieder

Von Sylvia Gebauer

Heruntergekommen war das Gebäude lange Zeit. Ein Schandfleck in Arnsdorfs bester Lage. Mitten im Ort gegenüber des einstigen Gasthofes „Zur guten Hoffnung“ ist es zu finden. Nur noch an der Fassade der Industriebrache war zu erkennen, was hier einst drinsteckte. „VEB Leuchtenbau Arnsdorf, Werk 2“ war hier in großen Buchstaben zu lesen. Viele Jahre war in diesem Gebäude der Werkzeugbau der Arnsdorfer Firma untergebracht, im angrenzenden Gebäude die „Alte Molkerei“. Dann kam das Aus. Wer heute in die Ernst-Thälmann-Straße kommt, wird sich vielleicht verwundert die Augen reiben. Denn diese Brache ist Geschichte. Dahinter stecken Anja Odrich und ihr Mann Alexander. Sie haben sich der Herausforderung gestellt. So reibungslos verlief das Sanierungsprojekt aber nicht.

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Das Gebäude des Leuchtenbaus ist heute nicht mehr wiederzuerkennen. Am 2. Juni wurde der Laden eröffnet.
Das Gebäude des Leuchtenbaus ist heute nicht mehr wiederzuerkennen. Am 2. Juni wurde der Laden eröffnet.
Anja Odrich hat ihren Blumenladen in der alten Leuchtenfabrik neu eröffnet. Die Familie will erst einmal ankommen. Im Blick hat sie weiterhin die Sache mit der Überwinterungsmöglichkeit für die Pflanzen der Arnsdorfer. Doch das muss sie erst einmal mit ih
Anja Odrich hat ihren Blumenladen in der alten Leuchtenfabrik neu eröffnet. Die Familie will erst einmal ankommen. Im Blick hat sie weiterhin die Sache mit der Überwinterungsmöglichkeit für die Pflanzen der Arnsdorfer. Doch das muss sie erst einmal mit ih
Jahrzehntelang sah das Gebäude so aus. Einst waren hier der Leuchtenbau und die Molkerei untergebracht.
Jahrzehntelang sah das Gebäude so aus. Einst waren hier der Leuchtenbau und die Molkerei untergebracht.

Rückblick: Alexander Odrichs Mutter Christine ist in Arnsdorf bekannt. Jahrelang betrieb sie den gleichnamigen Blumenladen in der Ernst-Thälmann-Straße 5. „2013 werde ich in Rente gehen, und das Geschäft wird meine Schwiegertochter Anja weiterführen“, erzählt Christine Odrich im Jahr 2012. Um Erfahrungen zu sammeln, mit den Arnsdorfern in Kontakt zu kommen, steigt sie 2011 ins Geschäft mit ein. 14 Jahre lang hat Anja Odrich als Zahntechnikerin gearbeitet. Dann kamen die beiden Kinder. Nach der Pause suchte sie nach einer beruflichen Veränderung, wo sie die Arbeitszeiten flexibler gestalten kann, auch wegen der Kinder. Schichtarbeit sollte es nicht mehr sein. „Dann teilte uns irgendwann meine Schwiegermutter mit, dass sie in Rente gehen will“, sagt Anja Odrich. Warum nicht Floristin, dachte sie sich. Schließlich liebt sie den Umgang mit Blumen. Ihr Hobby machte sie zum Beruf und meldete sich beim Dresdner Institut für Floristik an. Als Jahrgangsbeste schloss sie die Ausbildung ab – und das trotz zweier Kinder. „Irgendwie lernt man anders und schneller, wenn man noch Familie hat“, sagt sie und muss dabei schmunzeln.

Anja Odrich wollte später nicht nur das Geschäft übernehmen, sondern sie suchte nach einer neuen oder vielmehr größeren Perspektive in Form eines neuen Ladengeschäftes. Sehr beengt waren die Geschäftsräume bisher. Bedingung war möglichst zentral, schließlich hat die Familie damit gute Erfahrung gemacht. Anfang 2012 warfen sie ein Auge auf die Industriebrache des Leuchtenbaus. Kein Wunder, lag sie doch nur wenige hundert Meter vom Blumenladen weg. So schaute sich das Ehepaar die Sache genauer an. Am 1. März 2012 wurden die Pläne konkreter. Auch überlegten sie, was an finanzieller Förderung möglich war. „Sonst hätten wir ja gleich ein neues Haus bauen können“, sagt Anja Odrich. Und der einstige Leuchtenbau sollte noch einige Überraschungen parat haben.

Die Förderung stand, durch die Integrierte Ländliche Entwicklung (kurz ILE) wurde sie finanziell unterstützt. Je weiter sie sich im Gebäude vorarbeiteten, umso mehr Dinge tauchten auf. Als sie die Fußbodendielen öffneten, stießen sie auf Bauschutt. „Die haben zu DDR-Zeiten aber auch alles als Füllmaterial genommen“, sagt Anja Odrich. Heute kann sie darüber schmunzeln. Wenn sie auf der Bank im Garten Platz nimmt und im Bilderbuch blättert. Die Bauarbeiten haben sie dokumentiert. Ein Buch ist es schon geworden, das hat 100 Seiten. „Dabei geht es nur bis Oktober“, sagt Anja Odrich.

Bergeweise schaffte sie den Schutt heraus. Container um Container füllten sich. Am Ende waren es 16 Container. Jeder bis obenhin mit sieben Kubikmeter Schutt gefüllt. Viel mehr mussten sie herausreißen, als ursprünglich angedacht war. „Sorgen bereitete uns der Dachstuhl, den wir dann doch komplett erneuern mussten“, sagt Anja Odrich. An einigen Stellen war das alte Dach undicht. Über Jahre lief das Wasser in die Schrägen, so zersetzte sich das Holz. „Viel war nicht mehr übrig“, sagt Anja Odrich. Nun hieß es Dach runter. Seinen Humor hat das Ehepaar in der Zeit nicht verloren.

Je nach Baufortschritt hatten sie immer neue Nutzungsideen. Ein zurück gab es nicht mehr. Ohne Dach und Zwischendecke blieb fast nur noch die Hülle übrig. Einfach fluten und schon hat Arnsdorf ein neues Freibad. Zum Glück blieb der Regen aus, während ein neuer Dachstuhl drauf kam. „Sonst hätten wir das Gebäude nie trocken bekommen“, sagt Anja Odrich. Mit neuem Dach und ohne Zwischendecken sah es wie eine Reithalle aus. „Nur die Pferde haben wir nicht ins Gebäude bekommen“; sagt die Unternehmerin. Und macht nur Spaß, denn ihren Traum vom eigenen Blumenladen und einer Wohnung für die Familie ließen sie nie aus den Augen.

Viel machte Alexander Odrich selber. Gönnte sich kaum eine Ruhepause. Nach der Nachtschicht ging es auf die Baustelle. Bis 18 Uhr blieb er dort, dann nach Hause, duschen, etwas essen und wieder zur Nachtschicht. Sein Bett hat ihn während der gesamten Bauzeit nicht allzu oft gesehen. Die Familie wusste aber, es ist zeitlich begrenzt und wird auch wieder besser. Vor einem Jahr begannen sie mit der Entkernung. „Vielleicht werden wir den Leuchtenbau mit in den Namen integrieren, schließlich ist der in Arnsdorf bekannt, jeder weiß, wo sich das Gebäude befindet“, sagt Anja Odrich anfänglich noch. Der Schriftzug musste letztendlich der Dämmung weichen. Schade, aber es ist zu verschmerzen. Viel Arbeit steckt aber drin.

365 Tage später erstrahlt die einstige Industriebrache im neuen Glanz. Zugleich zog die Familie ins Haus mit ein. So können sich die Arnsdorfer gleich doppelt freuen. Der alte Schandfleck in der Ernst-Thälmann-Straße 8 ist Geschichte. Das Gebäude wird endlich wieder genutzt. Und Arnsdorf hat vier Einwohner mehr. Alexander und Anja Odrich zogen mit ihren beiden Kindern von Seeligstadt nach Arnsdorf. Ihr Traum ist wahr geworden.