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Grundnahrung für die Seele

Streicheleinheiten sind überlebenswichtig. Nicht nur Babys, auch ältere Kinder profitieren von liebevollen Massagen.

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Von Holger Metzner

Warum hat die Natur vor die Geburt die Wehen gesetzt?“, fragt Beate Börner in die Runde. Die Mütter, die am Abend in der Elternschule in Rathmannsdorf versammelt sind, sehen die gelernte Kinderkrankenschwester neugierig an. „Sie sind, salopp gesagt, eine kräftige Massage.“ Sie erntet verwundertes Lächeln. Und doch gibt es Untersuchungen, die genau das nahe legen: „Man vermutet, dass die lang andauernden Wehen das Kind kräftigen und überleben lassen.“ Katzen, die nicht direkt nach der Geburt von der Mutter geleckt werden, sterben, und Kinder, denen Berührung fehlt, werden krank. Hautkontakt, Streicheln und Massage gehören somit zu den wichtigsten Erfahrungen eines jungen Menschen, das ist die Botschaft von Beate Börner. Die Cunnersdorferin hat ein Zertifikat als Kursleiterin für Baby- und Kindermassage, arbeitet mit Schulkindern, Eltern und Pädagogen und sitzt im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Baby- und Kindermassage (DGBM).

Ein Kampf an allen Fronten für eine neue Kultur der Berührung. „Wir in Deutschland sind ja immer etwas scheu, wenn es um Hautkontakte geht“, sagt sie. Dabei seien Massagen ein probates Mittel, um Kindern gleich mehrfach zu helfen. „Zunächst, und das ist ganz wichtig, ist eine Massage ja eine freiwillige und respektvolle Berührung“, sagt Beate Börner. „Ich frage die Kinder erst, ob sie überhaupt angefasst werden möchten. So lernen sie, dass sie auch Nein sagen können. Schließlich ist es ihr Körper, über den auch nur sie allein bestimmen dürfen.“ Zudem wirkt eine Massage direkt auf den Körper: Die Atmung entspannt sich, die Haut wird stärker durchblutet. „Dabei wird Oxytocin gebildet“, sagt Beate Börner. „Ein sogenanntes Glückshormon, dass auch während der Geburt und in der Sexualität eine wichtige Rolle spielt.“ Das Schöne daran: „Die Hormone werden nicht nur im Körper des Massierten, sondern auch des Massierenden ausgeschüttet.“ Stress wird abgebaut, das Immunsystem angeregt und Kinder gewinnen ein besseres Körpergefühl – ein Segen vor allem für hyperaktive Kinder oder Teenager mit Essstörungen.

Von Naturvölkern lernen

Entstanden sind die heute bekannten Techniken aus Erfahrung von Naturvölkern, die seit den Achtziger Jahren auch im Westen populär wurden. Zunächst nur als Babymassage bekannt, rücken heute auch ältere Kinder in den Blickpunkt. „Bei manchen Teenagern stehen Eltern vor der Aufgabe, einen Kaktus umarmen zu sollen“, sagt die Kursleiterin. Auch hier können Massagen einen neuen Zugang eröffnen: Eine Hand- oder Fußmassage hilft auf anstrengenden Autofahrten genauso wie bei Schulstress und Liebeskummer: Verständigung ohne viele Worte.

Diese Erfahrungen will Beate Börner auch ganz konkret in den Schulalltag bringen. An einer Grundschule in Radebeul und an der Königsteiner Mittelschule übt sie regelmäßig mit den Schülern Massagetechniken. Das bringt Ruhe und Selbstbewusstsein in den hektischen Schulalltag.

Die Grundlagen dafür kann jeder lernen. Familienzentren, Hebammenpraxen und Stillgruppen bieten Kurse an. „Sie brauchen dafür zu Hause keine Massageliege und auch kein teueres Öl“, sagt Beate Börner. Am Anfang täte es auch eine Decke und etwas Oliven- oder Sonnenblumenöl. „Wenn Sie dann ein Duftöl kaufen wollen, nehmen Sie ihre Kinder unbedingt zum Kauf mit“, rät sie. „Oft empfinden die einen bestimmten Geruch ganz anders als Erwachsene.“ Ob raffiniertes oder naturbelassenes Öl verwendet wird, ist Gefühlssache: „Die Naturprodukte sind gut, werden aber von manchen Allergikern nicht vertragen.“

Dass Kinder zu bestimmten Zeiten oder an bestimmten Körperstellen keine Berührung mögen, ist normal und muss auf jeden Fall akzeptiert werden. Dass aber ein Kind ganz und gar keine Massage mag, hat Beate Börner noch nie erlebt. „Bitten Sie Ihr Kind, Ihnen zu zeigen, wie fest es beim Massieren berührt werden will“, sagt sie. Viele Eltern seien erstaunt, wenn sie merken, wie kraftvoll oder wie leicht sie drücken müssen, damit das Kind es angenehm findet.

„Wenn Sie das einmal raushaben“, verspricht die Kursleiterin, „dann holen Sie jedes Kind jederzeit vom Fernseher weg.“