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Guter Junge

Lesung. Walter Sittler gibt Erich Kästner, als der sich an seine Kindheit in seiner Geburtstadt erinnert.

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Von Peter Ufer

Das hochambitionierte Feuilleton kennt Walter Sittler nicht. Oder nicht mehr. Denn wer sich in TV-Serien wie Girl Friends oder Nikola als Hoteldirektor oder Arzt rumtreibt, wird ignoriert. Wer sich in einer Autofabrik an Erich Kästner vergreift erst recht. Doch wer sich auf Sittler einlässt, bemerkt schnell, dass Fernsehunterhaltung nur die halbe Wahrheit ist.

Der Schauspieler las zur Premiere seiner Deutschlandtour am Sonnabendabend in der Gläsernen Manufaktur nicht nur aus dem Buch „Als ich ein kleiner Junge war“, er spielte Erich Kästner. Der Schriftsteller, geboren 1899 in Dresden, schrieb 1957 seine Erinnerungen an seine Heimatstadt nieder. Längst Bestseller, darf man sich wundern, dass nicht ein Dresdner Schauspieler auf der Bühne steht, um Kästner zu lesen. So nahm sich Walter Sittler den Roman vor und natürlich geht damit das sächsische Idiom verloren. Leider. Gerade am Anfang des Buches, wenn der kleine Junge den letzten König auf der Prager Straße trifft und der mit den Leuten spricht, erwartet der Zuhörer den Sachsen.

Gut aber, dass Sittler, der in München Schauspiel studierte, nicht tut, was er nicht kann. Er bleibt der Literatursprache treu und trägt so aus dem Buch frei vor. Unterstützt von Musikern entsteht schnell ein Bild der Stadt, die Kästner prägte. Ist Sittler zu Beginn reichlich nervös, geht der zweite Teil der szenischen Lesung dem Publikum unter die Haut. Es sind Kästners Erinnerungen an das zerstörte Dresden, an das gestörte Verhältnis seiner Eltern, an die zerstörerische Liebe der Mutter für ihren Sohn. Wenn Sittler zum Schluss den Mantel nimmt, den Hut aufsetzt und geht, dann sieht man einen Augenblick Kästner. Ein empfehlenswerter Abend.

Heute, 20 Uhr, Gläserne Manufaktur. Restkarten: Schinkelwache, Tel.: 4911705