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Gysis Spurensuche

Der Politiker traf am Freitag die Görlitzer Geflügelzüchter. Die erzählten ihm von seinem Urururgroßvater.

© nikolaischmidt.de

Von Ines Eifler

Görlitz. Hätte seine Schwester keine Ahnenforschung betrieben, hätte Gregor Gysi nie erfahren, dass einer seiner Urururgroßväter aus Görlitz stammte und ein bedeutender Geflügelzüchter war. „Denken Sie an ihn und an mich, wenn Sie das nächste Mal in einen Hühnerschenkel beißen“, scherzte der langjährige PDS-Chef und heutige Chef der Linken in Europa, als er am Freitag die Stätten besuchte, die an Robert Oettel erinnern. „Ohne ihn hätten wir heute nämlich nicht so fleischige Hühner und keine Eier im Winter.“

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Gleich auf den ersten Seiten seiner Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“ erzählt Gysi von seiner Verwandtschaft mit Robert Oettel (1798–1884). Der „Erste hühnerologische Verein Robert Oettel Görlitz und Umgebung“ hatte erfahren, dass Gysi am Abend in der Kulturbrauerei aus seinem Buch lesen werde, und schon vor Monaten Kontakt nach Berlin aufgenommen. Gregor Gysi hatte sich gefreut, diejenigen kennenzulernen, die das geistige Erbe seines Urahns bis heute pflegen, und sich gewünscht, Oettels Geburtshaus und Grab zu besuchen. So wurde er am Freitag von mehreren Geflügelzüchtern empfangen, die bis aus dem Erzgebirge angereist waren, um Gysi zu treffen. „Das lassen wir uns nicht nehmen“, sagte der Görlitzer Vereinsvorsitzende Christian Wilke und führte den Gast zu Oettels Geburtshaus auf dem Untermarkt.

„Ach! Das sieht ja nicht schlecht aus“, sagte Gregor Gysi mit einem Blick auf das Edelrestaurant „Vino e Cultura“, das heute ins Haus Untermarkt 2 einlädt. Vor der Oettel-Gedenktafel von 1952 ließ er sich freundlich mit jedem einzelnen Züchter fotografieren und las die Inschrift „Begründer der Deutschen Rassegeflügelzucht“. Eigentlich sei Oettel sogar der Erste in ganz Europa gewesen, der die Vorfahren unserer Hühner aus China mitbrachte und weiter züchtete. „Aber als die Tafel angebracht wurde, wusste man ja noch gar nicht, was Europa ist.“

So privat ist Gysi in Görlitz noch nie gewesen, als Politiker schon. So stellte er auf seinem Weg durch die Altstadt Fragen zu allem, was ihm ins Auge fiel. „Ist das eine schöne Kirche?“, fragte er am Obermarkt und erfuhr, dass in der Dreifaltigkeitskirche ein Jacob-Böhme-Forum entstehen soll. „Und was ist das für ein tolles Gebäude?“ Jetzt weiß er, dass Görlitz ein Schlesisches Museum hat. Zum Rathausturm schaute er einige Minuten hinauf und wartete vergeblich darauf, dass ihm der Kopf an der Uhr die Zunge herausstrecke. „Mir gegenüber traut er sich das wahrscheinlich nicht.“ Auch von der zweiten Besonderheit des Rathausturms erfuhr er und sagte: „Dann lohnt es sich, hier Oberbürgermeister zu sein, schon weil man den Löwen brüllen lassen kann.“ Und an der Justitia meinte der Rechtsanwalt: „Tja, die Waage ist nie ganz gerade, das hat seine Gründe.“

An Robert Oettels Grab erfuhr Gysi von Friedhofsleiterin Evelin Mühle, lange sei gar nicht bekannt gewesen, dass der einstige erste Präsident des Hühnerologischen Vereins auf dem Görlitzer Friedhof begraben liege. Erst eine „kriminalistisch veranlagte Mitarbeiterin“ habe den Namen in den alten Registern entdeckt. Eine Kopie davon sah sich Gysi an und war erstaunt, wie viele Verwandte er demnach neben Familienteilen in der Schweiz, in Russland, Großbritannien und Frankreich auch in Görlitz hatte.

Den Spruch, den Oettel gern auf seinem Grab verewigt wissen wollte, zitiert er in seiner Autobiografie: „Auf mein Grab müsst ihr mir setzen einen schönen stolzen Hahn. Kräht er, wird es mich ergötzen, auch wenn ich’s nicht hören kann.“ Humor liege ja offenbar in der Familie, sagte Gysi, aber finden konnte er den Spruch weder auf dem Grab noch später auf dem Denkmal an der Parkeisenbahn. Er wusste, dass die dort angebrachten gravierten Metallplatten nach dem Zweiten Weltkrieg verschwunden waren und später in Hamburg wieder auftauchten. „Es ist doch seltsam, welchen Weg manche Dinge genommen haben.“ Und vielleicht sei die Platte mit dem Spruch ja damals gänzlich verlorengegangen.

Die Frage, ob er sich selbst für die Geflügelzucht interessiere, verneinte Gysi. Aber seine Familie habe, als er Kind war, mitten in Berlin eine Ziege, einen Hahn und Hühner gehalten, um sich mit Eiern und Milch selbst zu versorgen. Und den Beruf des Rinderzüchters habe er gelernt, bevor er Jura studierte.

Als der linke Politiker am Abend im Interview mit dem Journalisten Hans-Dieter Schütt in der Brauerei aus seinem Leben erzählte, sah er, wie viele Fans er in Görlitz und Umgebung hat. Seit Wochen war der Abend ausverkauft. Vor allem die Generation derjenigen, die 1989 als junge Erwachsene erlebt haben und Gysi als Erneuerer der alten SED kennenlernten, kamen und applaudierten heftig. Sehr viele kauften sein Buch und stellten sich auch nach der Veranstaltung an, um es von Gysi signieren zu lassen, weil die Pause nicht für alle gereicht hatte.