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"Haben Sie zu viel verdient, Frau Ludwig?"

Schlagzeilen 2019: Die Neurologin aus Seifhennersdorf soll 230.000 Euro Honorar zurückzahlen. Was ihr als Vergehen angelastet wird, soll nun plötzlich gehen.

Kyra Ludwig ist niedergelassene Fachärztin für Neurologie in Seifhennersdorf. Eine Regressforderung bedroht ihre Existenz.
Kyra Ludwig ist niedergelassene Fachärztin für Neurologie in Seifhennersdorf. Eine Regressforderung bedroht ihre Existenz. © Matthias Weber

Nach den Sommerferien ist Kyra Ludwig am Ende: Die Neurologin aus Seifhennersdorf schließt ihre Praxis und öffnet nur noch für Notfälle. Eine Honorar-Rückforderung der Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsens hat sie an den Rand ihrer Existenz gebracht. Nach einer Prüfung ihrer Abrechnungen aus den Jahren 2011 bis 2015 verlangt die KV von ihr fast eine Viertelmillion Euro Honorar zurück, die sie nach Meinung der Prüfer zu viel abgerechnet habe. Die 44-Jährige bestreitet das - und macht ihren Fall öffentlich.

Haben Sie zu viel verdient, Frau Ludwig?

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Ich habe entsprechend dem verdient, was ich auch geleistet habe. Und um mal diese gewaltige Summe zu relativieren: Das Honorar, das niedergelassene Ärzte für ihre Arbeit bekommen, ist ja nicht ihr persönliches Gehalt. Davon muss der gesamte Praxisbetrieb bezahlt werden: die Räume, die Technik, die Ausstattung, die Mitarbeiter, sämtliche Kredite und natürlich auch der Arzt. 

Die Prüfer der Kassenärztlichen Vereinigung sagen, so viel, wie Sie abrechnen, können Sie gar nicht gearbeitet haben.

Das ist aber nicht richtig. Ich habe abgerechnet, was ich auch gemacht habe. Vor meiner Praxis stehen die Patienten Schlange, der Behandlungsbedarf ist riesengroß. Ich bin hier angetreten, um kranken Menschen zu helfen, und nicht, um die KV zu betrügen. Meine Mitarbeiter und ich, wir haben in der Praxis gearbeitet, was wir konnten, um keinen Patienten wegschicken zu müssen. Ich habe 1.500 bis 1.700 Patienten im Quartal, die KV sagt aber, 1.000 bis 1.100 Patienten seien normal und möglich. Die Abrechnung erfolgt nach Kennziffern. Hinter den Nummern stecken Prüfzeiten. Insgesamt darf man im Quartal nicht mehr als 780 Stunden arbeiten.

Diese Prüfzeiten haben Sie überschritten?

Ja, die Prüfzeiten überschreitet jeder, der viele Patienten hat und alle Leistungen abrechnet, die er erbringt. Mir ist da auch meine damalige Unerfahrenheit auf die Füße gefallen. Erfahrene Kollegen sehen sich ihr Budget an, und wenn sie merken, es ist erreicht, behandeln sie eben nicht mehr. Das Abrechnungssystem ist ja auch eine Wissenschaft für sich. Da müssen sich Ärzte, die sich neu niederlassen, erst einmal reinfuchsen. Der Zeitraum, für den ich regresspflichtig gemacht werde, beträgt vier Jahre! Das Geld wird mir jetzt ratenweise jeden Monat vom Honorar abgezogen. 

Sie haben ihren Fall öffentlich gemacht und eine regelrechte Welle ausgelöst.

Ja, der ganze Medienrummel war aber insofern sehr förderlich, da sich immer mehr Kollegen mit mir solidarisieren. Herr Dr. Heckemann (der Vorstandsvorsitzende der KV - d. R.) sagt ja immer, Regressforderungen bekämen nur die Allerwenigsten. Das stimmt nicht. Wir haben inzwischen ein Netzwerk von über 100 betroffenen Ärzten in Sachsen. In einer Zeitung war von 80 betroffenen Kollegen allein in Ostsachsen zu lesen. Eine Kollegin aus dem Erzgebirge hat mir jetzt geschrieben, dass von den zehn Nervenärzten aus ihrer Region acht von Regressen betroffen sind. Diese Zahlen werden in anderen Bundesländern nicht erreicht. Dies berichten Anwälte und Gutachter, die mit uns zusammenarbeiten. Es wird von einer ausgesprochenen Schärfe in Sachsen gegen Ärzte berichtet.

Wie ist es in Ihrem Fall weitergegangen?

Ich habe meine Praxis nicht geschlossen, aber nur deshalb nicht, weil ich einen Versorgungsauftrag habe und meine Patienten nicht im Stich lassen wollte. Ich bin beim Plausibilitätsausschuss der KV  in Widerspruch gegangen. Der ist abgelehnt worden. Wir haben mehrere Vergleichsangebote gemacht. Darauf hat die KV überhaupt nicht reagiert. Jetzt bin ich vor Gericht gegangen. Das ist mein legitimes Recht. Eine Entscheidung gibt es aber noch nicht. Währenddessen bekomme ich weiter Raten vom Honorar abgezogen. Die KV nennt das Tilgungsplan - und berechnet mir vier Prozent Zinsen, absolut marktunüblich. Die KV lässt nicht mit sich reden. Ich habe das Gefühl, man will hier einfach ein Exempel statuieren.

Viele Ihrer Berufskollegen beklagen das Agieren der KV in Sachsen. Was müsste denn Ihrer Meinung nach anders laufen?

Eine Kassenärztliche Vereinigung, das sagt ja der Name schon, muss die Vertretung der Ärzte sein. Viele Kollegen, auch ich, haben längst das Gefühl, die Herren in Dresden arbeiten nicht für, sondern gegen uns. Das muss sich dringend ändern. Im Abrechnungssystem hat sich übrigens etwas geändert, das glaubt man nicht.

Was denn?

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Ab April 2020 wird es eine neue Gebührenordnung für die gesetzlichen Krankenkassen geben, in denen die Prüfzeiten reduziert wurden. Dann wird es ohne weiteres möglich sein, 1.500 bis 1.700 Patienten im Quartal zu behandeln. Die Prüfzeiten waren bisher rund 30 Prozent zu hoch bemessen, vor allem technisierte Leistungen werden nun im Schnitt um 20 Prozent gekürzt. Das, was mir von 2011 bis 2015 vorgeworfen wird, wird dann möglich sein, ohne Regressrisiko.

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