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Niesky

Keine Schuld nach Fleischerbeil-Attacke?

Der 24-jährige Nieskyer ist laut Anklage wegen des Drogenkonsums schuldunfähig. Das Opfer wollte ihm nur helfen.

© Peter Steffen/dpa

Benedikt K. wird vielleicht einmal ein idealer Kandidat, wenn es darum geht, Jugendlichen zu erklären, was Drogen aus einem machen können.

Er muss damit leben, einen 18-jährigen im Drogenrausch fast umgebracht zu haben aus völlig sinnlosen Gründen, hinterrücks und brutal mit einem Fleischerbeil. Dass das Opfer jenen 26. Juli 2019 überlebt hat, ist pures Glück und der Kunst der Ärzte zu verdanken, die ihm mit einer Notoperation Stunden nach der Tat das Leben retteten.

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Seit Mittwoch muss sich Benedikt K., dem man rein äußerlich kein Verbrechen zutrauen würde, vor dem Landgericht für diese Tat verantworten. Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu wirft ihm vor, am Morgen des 26. Juli den Entschluss gefasst zu haben, das in seiner Wohnung befindliche Opfer zu töten. Er habe sich ein Fleischerbeil mit langem Griff aus seiner Küche geholt und das Opfer in der Wohnstube hinterrücks angegriffen, zweimal mit dem Fleischerbeil auf den Kopf geschlagen und dabei dem Opfer den Schädel gespalten sowie weitere Verletzungen zugefügt.

Dann habe er die Wohnung verlassen, in dem Glauben, dass der 18-Jährige jetzt tot sei oder sterben würde. Mehrere Stunden nach der Tat, gegen 17 Uhr, habe er einem Arzt mitgeteilt, dass er in seiner Wohnung "jemanden umgebracht" habe, woraufhin der Geschädigte schwer verletzt und in akuter Lebensgefahr aufgefunden wurde. Durch eine Notoperation konnte sein Leben gerettet werden. Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu sagt auch, dass die Tat wegen des Drogenkonsums des Beschuldigten nicht einsehbar gewesen sei, er mithin schuldunfähig sei.

Beschuldigter ist im Krankenhaus untergebracht

Das Verfahren, in dem sonst versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung mit einer Strafandrohung von bis zu 15 Jahren Freiheitsentzug angeklagt wären, ist deshalb ein Sicherungsverfahren. Es geht um die Unterbringung des Beschuldigten in einer Entziehungsanstalt. Seit seiner Verhaftung ist Benedikt K. bereits im Sächsischen Krankenhaus Arnsdorf in einer entsprechenden Abteilung untergebracht.

Benedikt K. kann zur Erhellung der Tat nur wenig beitragen. Der Beschuldigte bestreitet nicht, dass sich das Tatgeschehen so wie angeklagt abgespielt haben könnte, er ist sich auch seiner Schuld bewusst, hat keine Zweifel daran, dem Opfer die Verletzungen zugefügt zu haben. Nur erinnern kann er sich nicht. Er habe vor der Tat tagelang nicht geschlafen. Er wisse noch, dass das Opfer, das er vom gemeinsamen Drogenkonsum in einer größeren Gruppe her kannte, in seiner Wohnung gewesen sei. Warum, wisse er nicht.

Dann setze seine Erinnerung aus und erst wieder ein, als er sich in einem Isolierraum in Arnsdorf befand, also lange nach der Tat und seinem Aufgreifen. Er glaube sich zu erinnern, dass der 18-Jährige so etwas wie "Ich liebe Dich" gesagt habe, sonst wisse er nichts. Und das Fleischerbeil, circa 50 Zentimeter lang und schwer, habe er als Deko besessen, leicht angerostet im Vintage-Stil. Es habe irgendwo rumgelegen, noch nicht aufgehängt kurz nach seinem Umzug. Zu seiner Drogenkarriere: Begonnen habe er mit 13, 14 Jahren. Mit 17, 18 Jahren habe es eine Pause gegeben. Er war zu einer Drogentherapie.

Dort entlassen, suchte er vergeblich eine Wohnung in Dresden, kam kurzfristig bei einer Freundin unter. "Als sie mich rausschmiss, stand ich vor der Auswahl: Entweder auf der Straße leben oder zum Kumpel aus der Therapie ziehen. Dafür entschied ich mich. Aber mein Kumpel hatte schon wieder mit Drogen angefangen", sagt Benedikt K. im Gerichtssaal. Es folgten fünf, sechs Jahre intensiven Drogenkonsums, Marihuana und Crystal Meth. Bis es zu jenem verhängnisvollen Geschehen kam.

© Rafael Samepdro

Auch das Opfer sagte am ersten Verhandlungstag vor dem Landgericht aus. Erstaunlicherweise ist dem jungen Mann rein äußerlich gut fünf Monate nach dieser Tat kaum noch etwas anzusehen. Seine Aussage bringt zumindest etwas Licht in das Dunkel des Tatgeschehens. Beide hätten sich tatsächlich vom gemeinsamen Drogenkonsum her gekannt, seien eigentlich aber nur Bekannte, keine Freunde.

Täter soll paranoides Zeug geredet haben

Am frühen Morgen des 26. Juli habe er das Handy des Beschuldigten auf der Straße gefunden und erkannt, weil er es ihm zuvor selbst verkauft hatte. Er brachte es in die Wohnung des Beschuldigten, der ihm auch öffnete. Er habe sofort erkannt, dass es Benedikt K. nicht gut ging und seine Hilfe angeboten. Er sei mit in die Wohnung gegangen, um ihn aufzumuntern.

Worte wie "Ich liebe Dich", habe er aber auf keinen Fall gesagt. Benedikt K. habe dann paranoides Zeug geredet, dass seine Mutter bedroht sei und die Bedrohung von ihm, der gerade das Handy gebracht habe, ausgehe. Wenig später habe er völlig überraschend und unvermittelt den Schlag verspürt und versucht, mit Händen und Beinen weitere Schläge abzuwehren.

Genau erinnern an die Tat selbst kann sich der 18-Jährige allerdings nicht. Er sei erst im Krankenwagen (also rund sieben, acht Stunden nach der Tat) kurz aufgewacht und habe nach der Notoperation zwei Tage lang im Koma gelegen. Später wurde er wegen seiner Drogenabhängigkeit in einer Tagesklinik weiterbehandelt.

Spätfolgen der Tat nehme er selbst kaum wahr, außer, dass die gebrochenen Knochen eines Arms etwas schief zusammengewachsen seien, was ihn aber kaum behindere. Sein Bruder in Bad Segeberg, zu dem er inzwischen gezogen sei, meine aber, dass er schon noch einige motorische Schwierigkeiten habe und auch sonst noch nicht alles richtig funktioniere, zum Beispiel das Einschätzen von Entfernungen.

Die Beweisaufnahme wird jetzt fortgesetzt mit den Aussagen weiterer Zeugen und den Berichten des medizinisch-forensischen und -psychologischen Gutachters. Es sind drei weitere Verhandlungstage angesetzt, der nächste am 23. Januar. Zuvor allerdings nutzte Benedikt K. die Chance, sich bei seinem Opfer zu entschuldigen. Die beiden umarmten sich dabei sogar. Benedikt K. hatte sichtlich mit den Tränen zu kämpfen ...

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