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Hält die Bahn weiter in Weinhübel?

2011 beschloss der Stadtrat die Schließung des Bahnhalts. Zu wenig wurde er genutzt. Doch nun steigen wieder mehr Menschen hier ein und aus. Die Stadträte beeindruckt das.

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© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ingo Kramer

Vor dreieinhalb Jahren waren sich alle einig: Der Bahnhalt am Rand von Weinhübel soll wegfallen, sobald der neue Haltepunkt in Deutsch Ossig fertig ist. So hat es der Stadtrat einstimmig beschlossen. Sogar einen Zeitplan gab es schon: 2012 und 2013 sollte gebaut werden. Das ist allerdings nicht passiert. Stattdessen wurde bisher nur die Planung vorangetrieben.

Helmut Goltz CDU-Stadtrat und Mitglied im Zvon
Helmut Goltz CDU-Stadtrat und Mitglied im Zvon

Doch es ist noch etwas ganz anderes passiert. Der Bedarfshalt, früher nur von wenigen Menschen benötigt, hat neue Nutzer bekommen. „Seit Januar sind wir mit unserer Wäscherei, der Tischlerei und der Druckerei ganz in der Nähe ansässig“, sagt Margret Dornig, Geschäftsführerin der Görlitzer Werkstätten. Über 70 Menschen mit Behinderung arbeiten dort. Mindestens 40 von ihnen kommen täglich mit der Bahn. Vom Personal der Einrichtung reisen fünf bis zehn mit der Bahn an. Und für die nächsten Jahre ist eine Erweiterung um 70 Arbeiter geplant. Auch das nahe gelegene Kühlhaus ist als Nutzer hinzugekommen, seit der dort ansässige Verein immer mehr Veranstaltungen auf seinem Gelände organisiert. Und dann ist da noch die nahe private DPFA-Schule. Dort werden gegenwärtig 100 junge Leute zu Erziehern ausgebildet, weitere 20 zu Krankenpflegehelfern. Dazu kommen 80 Grundschüler. „Ich schätze, zehn bis 20 Prozent der Schüler nutzen den Bahnhalt“, sagt DPFA-Regionalmanager Tinko Fritsche-Treffkorn.

Trotz alledem will die Stadt an dem alten Beschluss festhalten. Der Zweckverband Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien (Zvon) und die Stadt seien sich einig, dass nur ein Halt zwischen den Bahnhöfen Görlitz und Hagenwerder finanzierbar ist, sagt Hartmut Wilke, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung. Das betreffe sowohl Investitionen als auch den laufenden Unterhalt. „Zvon und Stadt geben dabei unverändert dem neu zu errichtenden Haltepunkt Deutsch Ossig/Berzdorfer See den Vorzug“, so Wilke. Dieser habe ein Entwicklungspotenzial und sei zukunftsfähig. Mit Stilllegung des Haltepunktes Weinhübel könnte dessen Umfeld zu bestimmten Zeiten – morgens und abends – dennoch erreichbar bleiben, sagt Wilke. Dazu wollen Zweckverband und Stadt prüfen, ob eine Ausweitung des Görlitzer Stadtverkehrs mit Bussen nötig und möglich ist.

Die Stadträte aus allen fünf Fraktionen sehen das allerdings anders als Wilke. Zwar sind sich alle einig, dass der Haltepunkt am Berzdorfer See nötig ist und gebaut werden soll. Darüber, ob der Halt in Weinhübel deshalb wegfallen soll, wollen aber alle fünf Fraktionen jetzt noch einmal neu beraten – gerade eben, weil es dort neue Nutzer gibt und sich die Situation seit dem Stadtratsbeschluss vom Herbst 2011 deutlich gewandelt hat und mit der geplanten Erweiterung der Görlitzer Werkstätten sogar noch weiter verändern wird.

„Wir sollten uns die neue Situation auf jeden Fall anschauen“, sagt Octavian Ursu (CDU). Sein Fraktionskollege Helmut Goltz, der als einer von drei Görlitzer Vertretern auch im Zvon sitzt, stimmt dem zu: „Seit 2011 ist viel passiert.“ Bisher sei der Zvon davon ausgegangen, dass der damalige Beschluss steht. Jetzt werde es aber noch einmal eine Diskussion geben: „Wir brauchen in den nächsten zwölf Monaten einen Beschluss.“ Ähnlich sieht es Rolf Weidle (Bürger für Görlitz): „Wenn es neue Informationen gibt, müssen wir die in unserer neuen Fraktion auf die Tagesordnung setzen.“ Das werde er persönlich tun.

Mirko Schultze (Linkspartei) sagt, der Beschluss von 2011 sei mit den damals vorhandenen Fakten korrekt gewesen: „Wenn sich die Lage aber geändert hat, müssen wir das Ganze auf den Prüfstand stellen.“ Seine Fraktion werde jetzt in den Ausschüssen nachfragen, ob es noch eine Handlungsmöglichkeit gibt – und dann gegebenenfalls eine Vorlage einbringen. Renate Schwarze (SPD) geht sogar noch einen Schritt weiter: „Wir müssen das auf jeden Fall neu aufrollen“, fordert sie. In ihrem privaten Umkreis habe sie auch mit einigen Weinhüblern geredet: „Die haben auch ein Interesse, dass der Halt erhalten bleibt.“ Sie sei sich sicher, dass das Thema noch einmal in den Ausschüssen landet: „Es ist nicht unüblich, Entscheidungen zu überprüfen.“ Joachim Paulick, 2011 noch OB von Görlitz und heute Fraktionschef bei Zur Sache, empfand den Wegfall des Haltepunktes nach eigener Aussage schon damals nicht als die beste Lösung: „Allerdings hat uns die Bahn damals keine Alternative angeboten.“ Wenn sich jetzt eine solche auftut, werde es dafür im Stadtrat auch eine Mehrheit geben, glaubt Paulick.

Die Mitarbeiter der Odeg haben die Ein- und Aussteiger in Weinhübel zuletzt 2014 gezählt. Werktags seien im Schnitt 48 Menschen ein- oder ausgestiegen, am Sonnabend 26 und am Sonntag 24. Im Vergleich zur Zählung aus dem Jahr 2004 ist das ein enormer Anstieg: Damals stiegen durchschnittlich 18 Menschen pro Tag in Weinhübel ein oder aus. Doch die Zahlen von 2014 dürften mittlerweile auch schon wieder überholt sein. Mit dem Umzug von Teilen der Görlitzer Werkstätten sollte es eine klare Erhöhung gegeben haben, vermutet Margret Dornig. Und damit steht sie nicht allein. „Auch bei uns kommt der Betrieb erst jetzt richtig ins Laufen, weil wir mehr Veranstaltungen durchführen“, sagt Danilo Kuscher vom Kühlhaus.

Wie schnell jetzt tatsächlich etwas passiert, weiß niemand. Goltz, der in den nächsten zwölf Monaten zumindest einen Beschluss will, ist der Einzige, der sich festlegt. Die Stadt Görlitz hingegen bleibt vage. „Wir sind nicht der allein entscheidende Akteur“, sagt Wilke. Die Stadt könne die Entscheidungsprozesse anderer Beteiligter, etwa der Deutschen Bahn oder des Eisenbahn-Bundesamtes, nicht steuern oder gar Termine vorgeben. Deshalb sei gegenwärtig keine verlässliche Aussage zur Inbetriebnahme des Haltepunktes Deutsch Ossig/Berzdorfer See – und damit zum Aus des Halts in Weinhübel – möglich. „Wir wollen das Vorhaben aber möglichst zügig verwirklichen“, sagt der Amtsleiter.