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Görlitz

Händler wagt Neustart mit Anfang 70

Joachim Kramer ist mit seinem Fahrradladen in Görlitz-Rauschwalde noch einmal umgezogen. Auf besondere Art hält er sich in der Mittagspause fit.

Joachim Kramer ist mit seinem Geschäft Radsport Kramer an der Reichenbacher Straße in Rauschwalde umgezogen und auf der anderen Straßenseite neu gestartet. Hier zeigt er einen Rahmen der belgischen Firma Ridley, die er neu ins Sortiment genommen hat.
Joachim Kramer ist mit seinem Geschäft Radsport Kramer an der Reichenbacher Straße in Rauschwalde umgezogen und auf der anderen Straßenseite neu gestartet. Hier zeigt er einen Rahmen der belgischen Firma Ridley, die er neu ins Sortiment genommen hat. © Nikolai Schmidt

Durch die großen Scheiben fällt viel Licht in den neuen Laden. Drinnen ist Joachim Kramer voll in seinem Element. Fahrräder, Bekleidung und Zubehör verkauft er hier, mit der belgischen Edel-Marke Ridley hat er sogar eine neue Firma in sein Sortiment aufgenommen. Das eigentlich erstaunliche aber ist: Joachim Kramer hat den Laden in der Reichenbacher Straße 69 neu eröffnet – mit 72 Jahren.

Vorher war er genau gegenüber zu finden, in der Nummer 112. „Dort hat der Hauseigentümer gewechselt – und der neue will das ganze Haus sanieren“, sagt Kramer. Er habe sich gut mit dem Neuen verstanden. Aber während der Sanierung hätte er trotzdem nicht drinbleiben können. Außerdem hatte der Laden weitere Nachteile, vor allem die vier Treppenstufen am Eingang, über die selbst schwere Tandems und E-Bikes getragen werden mussten – und die Autos, die oft vor dem Laden auf dem Gehweg parkten und damit den Zugang zusätzlich erschwerten.

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Trend geht zur Reparatur

Vor der 69 gibt es keine Treppenstufe und keine parkenden Autos. Früher war hier ein vietnamesischer Obst- und Gemüsehändler zu finden, doch seit etwa vier oder fünf Jahren stand der Laden leer, berichtet Kramer: „Ich hatte schon lange ein Auge darauf geworfen.“ Die Straßenseite sei die bessere, hier gibt es mehr Läden und eine Bushaltestelle direkt vor der Tür. Zudem ist die Werkstatt groß genug. „Der Trend geht zur Reparatur“, sagt er: „Viele Leute kaufen ihre Fahrräder im Internet, aber zur Reparatur kommen sie her.“

Aber warum tut man sich mit 72 Jahren den Stress eines Neustarts an? „Ich mache die Arbeit noch immer gerne“, sagt Kramer. Für ihn sei das auch Hobby. Und er mag den Kontakt zu den Kunden. Ausruhen könne er sich später immer noch. Und außerdem: „Es wäre ja schade, wenn es in Rauschwalde keinen Fahrradladen mehr gäbe.“ Zu ihm kommen auch viele ältere, alleinstehende Rauschwalder. Die will er nicht im Stich lassen. Sogar wenn jemand am Kinderwagen, der Schubkarre oder dem Rollstuhl einen Platten hat, hilft Kramer aus: „Reifen und Schläuche habe ich für alles da.“ Er versteht das als „Unterwegshilfe“, kompliziertere Sachen an Rollstühlen repariert er hingegen nicht.

Für drei Jahre nach Leipzig

Kramer ist gebürtiger Görlitzer und gelernter Autoschlosser. Fahrradbegeistert war er schon immer, nach der Ausbildung war er sogar mal für drei Jahre zum Leistungssport in Leipzig. Als er nach Görlitz zurückging, brauchte er einen Arbeitgeber, der ihn zwei Tage pro Woche zum Training freistellt. Die damalige Reichsbahn machte das, also wurde er dort Schlosser, bis er sich nach der Wende mit seinem Fahrradladen selbstständig machte. „Damit angefangen habe ich 1992 bei mir zu Hause in Klingewalde in der Garage“, sagt er. 1994 mietete er seinen ersten Laden in der Reichenbacher Straße 118, „weil Rauschwalde damals noch keinen Fahrradladen hatte“.

Sechs Jahre blieb er in der 118, doch nach zwei Einbrüchen hatte er genug. So zog er im Jahr 2000 in die Nummer 112 um, in die einstigen Räume der Sparkasse: „Die waren gut gesichert.“ Tatsächlich hatte er dort 19 Jahre lang keine Einbrecher zu Gast: „Ich hoffe, das bleibt auch im neuen Laden so.“ Wie lange er den betreiben wird, weiß er nicht. Sicher nicht mehr ewig, sagt er: „Ich suche schon einen Nachfolger, den ich einarbeiten kann.“ Mitmachen würde er aber gerne noch einige Jahre. Und der Nachfolger müsse wissen, dass er mit dem Laden nicht reich werden kann.

Bei Schnee mit Spikes unterwegs

Geöffnet hat Kramer von 9 bis 12 und 15 bis 18 Uhr. Drei Stunden Mittagspause sind ihm wichtig, denn dann kann er sich aufs Rennrad setzen und dreimal wöchentlich seine Mittagsrunde fahren. „70 Kilometer müssen es schon sein“, sagt er. Am Wochenende fährt er meist zwischen 80 und 100 Kilometer am Tag. „Wenn es saukalt und windig ist, dann natürlich nur 80 Kilometer“, sagt er. Bei Schnee fährt er Mountainbike mit Spikes. Eventuell will er dieses Jahr auch wieder an Rennen teilnehmen: „Voriges Jahr ging es leider nicht wegen einer Knieverletzung nach einem Sturz.“

Außerdem hat er seit 2018 ein Team, das sich jeden Sonnabend um 13.30 Uhr an seinem Geschäft trifft, um eine Runde mit dem Rennrad zu fahren. Aktuell sind meist vier bis zehn Interessenten zwischen 25 und 72 Jahren dabei – je nach Wetter und Urlaubszeit. Dank Sponsoren tragen sie sogar einheitliche Trikots. Die Route führt oft über Rothenburg zum Kaffeetrinken nach Niesky. „Jeder, der sportlich interessiert ist, kann bei uns mitfahren“, sagt Kramer. Neue sind jederzeit willkommen. Es sei auch kein Rennen: „Wir fahren eher ruhig.“

Joachim Kramer und der Autor dieses Textes sind weder miteinander verwandt noch verschwägert.

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