merken
PLUS

Pirna

"Härteres Vorgehen ist unvermeidlich"

Seit drei Wochen befindet sich der Landkreis im Corona-Krisenmodus. Landrat Michael Geisler zieht Bilanz und kündigt weitere Maßnahmen an.

Landrat Michael Geisler.
Landrat Michael Geisler. © Daniel Förster

Herr Geisler, ist es bislang gelungen, die Verbreitung des Virus im Landkreis zu bremsen?
Ich denke schon, dass wir insbesondere mit der Maßnahme, Urlaubsrückkehrer in Quarantäne zu versetzen, sicher Schlimmeres verhindert haben. Von 978 Einwohnern des Landkreises, die sich in Quarantäne befinden, kamen 668 aus einem Risikogebiet zurück. Wenn jeder der möglichen Infizierten auch nur zehn Kontaktpersonen gehabt hätte, da kann man sich natürlich vorstellen, wozu das hätte führen können.

Wie ermitteln Sie Kontaktpersonen von potenziell Infizierten? 
Dank unseres Rechercheteams können wir  zeitnah reagieren und die Kontaktpersonen rasch testen. Gerade im Moment haben wir zwei, drei Verdachtsfälle, die sehr umtriebig waren und viele Kontakte hatten, darunter einen Trainer. Daher kann man davon ausgehen, dass die Zahlen steigen werden. 

Anzeige
Gemeinsam allem gewachsen

Die Sparkassen-Versicherung Sachsen ist auch in dieser außergewöhnlichen Situation für ihre Kunden da.

Wie lange kann man dieses System überhaupt aufrechterhalten, wenn die Zahlen der Kontaktpersonen, Getesteten und Infizierten rapide steigt?
In der Spitze haben wir neun Mitarbeiter in der Recherche und nächste Woche werden 22 neue Telefone geliefert. Damit sind wir in der Lage, die Leistung  hochzufahren. Das System ist sicherlich endlich, aber wir sind noch nicht am Ende, und wir machen solange weiter, wie wir das kräftemäßig hinbekommen. 

Wie laufen die Tests?
Die Zusammenarbeit mit der Landesuntersuchungsanstalt in Dresden funktioniert bestens. Auch werden wir noch ein privates Labor binden,  um mehr Kapazitäten zu haben. Nächste Woche erwarten wir ein paar Lieferungen mit Schutzbekleidung und Masken. Die Preise sind in die Höhe gegangen, aber 1.000 Garnituren haben wir gekauft und ein paar Hundert werden noch dazu kommen. Das brauchen wir schon allein für unser eigenes Testsystem  an den Standorten Pirna, Freital und Sebnitz. 25 niedergelassene Ärzte helfen uns bei der Entnahme der Proben. Das ist nicht selbstverständlich. Und dafür danke ich allen. Trotz der Lieferengpässe und Unwägbarkeiten sind wir so aufgestellt, dass wir das derzeit noch gut hinbekommen.

Der Landkreis hat Allgemeinverfügungen erlassen, mit denen sie dem Freistaat mehrere Schritte im Voraus waren. So wollten Sie Gaststätten schon vor Tagen komplett schließen. Die Landesregierung hat das bis heute hinausgezögert.  Wie finden Sie das?
Ich denke, dass der Freistaat im Laufe des Freitags zum Beispiel auch die Regeln für Gaststätten verschärfen wird, so ist es mir zumindest vom Gaststättenverband Dehoga signalisiert worden. Es ist unvermeidlich, dass wir härter vorgehen müssen. Aufgrund der Erfahrung der letzten Wochen werde ich dazu übergehen, mehrere Allgemeinverfügungen vorzubereiten. Dann zeigen wir diese in Dresden an, und wenn Dresden bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht reagiert, dann werden die Allgemeinverfügungen in Kraft gesetzt.

Worum geht es konkret?
Wir schauen uns die Öffnung von Geschäften und werden das auf das Notwendigste begrenzen, was für die Versorgung der Bevölkerung erforderlich ist. Dann werden wir speziell für die Reha- und Kurkliniken ein Verfahren starten, das soll dahin führen, dass diese Kliniken faktisch leergeräumt werden; die gegenwärtig dort untergebrachten Rehabilitanden werden nach Hause geschickt. Die Einrichtungen selbst werden betriebsbereit gehalten, das verbleibende Personal soll zur Verfügung stehen. 

>>> Nachrichten und Hintergründe zum Coronavirus bekommen Sie von uns auch per E-Mail. Hier können Sie sich für unseren Newsletter zum Coronavirus anmelden. <<< 

So schaffen wir für die Unterbringung von Covid19-Erkrankten Kapazitäten. Für die Bavaria-Klinik in Kreischa haben wir das durchgezogen und das werden wir auf alle anderen Häuser im Landkreis erweitern. Dann planen wird für alle Anbieter für Physiotherapie eine differenzierte Handhabung. So sollen dringend behandlungsbedürftige Patienten weiter therapiert werden können, auch in den Pflege- und Altenheimen.

Der Landkreis Meißen prüft bereits die Ausrufung eines Katastrophen-Voralarms. Ist das eine Option auch für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge?
Wir prüfen das  und versuchen für uns festzustellen, was die Vor- und Nachteile sind. Wenn dadurch unsere Handlungsfähigkeit größer wird und nicht im Gegenteil sogar handlungsunfähig werden, dann werden wir das sicherlich in Erwägung ziehen. Zur Stunde richten die Bürgermeister der 36 Städte und Gemeinden im Landkreis Verwaltungsstäbe in ihren Gemeinden ein, sofern noch nicht geschehen. Am Montag müssen diese Verwaltungsstäbe voll arbeitsfähig sein.

Welche Aufgaben müssen die Kommunen übernehmen?
Wir bitten die Gemeinden, mit zu helfen, Menschen in Quarantäne zu versorgen. Auch geht es um die Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung. Die Städte müssen mit uns gemeinsam schauen, wie es um die Umsetzung von Anweisungen von uns und vom Freistaat vor Ort aussieht, zum Beispiel, ob bestimmte Einrichtungen geschlossen oder nicht geschlossen sind. Wir versuchen zudem, zu reagieren, zum Beispiel bei Corona-Partys. Das spielt bei uns nicht in dem Sinne eine Rolle, aber man liest es allenthalben, und zumindest in Dresden habe ich mitgekriegt, was sich am Elbufer abspielt. Da werden wir sicherlich nachfassen und so etwas bei uns unterbinden. 

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Corona: 14 Geheilte im Landkreis

151 positiv Getestete im Landkreis. Die behördlichen Kontrollen sind verstärkt. Die Entwicklung im Ticker.

Symbolbild verwandter Artikel

Ausgezeichnetes Krisenmanagement

Domokos Szabó kommentiert den Kampf im Landkreis gegen Corona.

Halten Sie die Ausrufung des Katastrophenfalls und Ausgangssperren für möglich?
Die Verwaltungsstäbe bei den Gemeinden sollen - wenn nötig - nahtlos übergehen können in einen Katastrophenfall. Man muss ja auch damit rechnen, dass möglicherweise der Freistaat Sachsen so etwas ausruft, wenn die Situation weiter eskaliert , oder vielleicht sogar die Bundesrepublik. Man verhandelt ja offensichtlich am Sonntag zwischen den Ministerpräsidenten und der Kanzlerin zum Thema Ausgangssperre, und darauf will ich einfach vorbereitet sein. Wir produzieren jetzt zum Beispiel Ausnahmegenehmigungen für die Zeit einer Ausgangssperre, für jene, die zur Arbeit müssen. Sie müssen das bei sich tragen, um sich an einer Polizeisperre zu legitimieren.

Noch mehr Nachrichten aus Pirna, Freital, Dippoldiswalde und Sebnitz.