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„Uns wären einige Tage Leid erspart geblieben“

Im Fall der ermordeten Studentin Sophia erhebt ihr Bruder Andreas schwere Vorwürfe gegen die Ermittler.

© dpa

Der Fall hatte bundesweites Entsetzen ausgelöst. Mitte Juni verschwand die Studentin Sophia auf dem Weg von Leipzig nach Amberg in Bayern. Später wurde ihre Leiche in Spanien gefunden, ein Lkw-Fahrer verhaftet. Wann der 41-jährige Tatverdächtige nach Deutschland ausgeliefert wird, steht laut Staatsanwaltschaft Bayreuth nicht fest. Im SZ-Interview beklagt Sophias Bruder Andreas Lösche schwere Ermittlungspannen der Leipziger Polizei. Zu persönlichen Dingen will sich der 51-Jährige in der Öffentlichkeit nicht äußern.

Andreas Lösche ist der Bruder der getöteten Tramperin
Andreas Lösche ist der Bruder der getöteten Tramperin © V. Ehnes

Herr Lösche, wann hatten Sie das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist mit Ihrer Schwester?

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Als sie am Donnerstagabend, 14. Juni, nicht in Amberg eintraf und nicht mehr zu erreichen war, hat das meine Eltern sofort alarmiert. Sie haben natürlich versucht, sie als vermisst zu melden. Mein Vater hat am nächsten Morgen die 110 angerufen. Ihm wurde gesagt, er solle sich persönlich bei der Polizeidienststelle in Amberg melden.

Wie ging es dann weiter?

Die Polizisten haben ihn vertröstet, er solle erst mittags kommen. Es müssten erst 12 Stunden vergehen, hieß es. Eine solche Verordnung gibt es aber nicht. Später haben das die Amberger an die Leipziger Polizei gemeldet, weil meine Schwester dort ihren Hauptwohnsitz hatte. Aber die Polizei in Leipzig fühlte sich nicht zuständig. Der Fall wurde hin und her geschoben. Im Endeffekt ist fast nichts passiert in den ersten beiden Tagen.

Sie haben deshalb einen Großteil der Ermittlungen sehr schnell in die eigene Hand genommen? Wie lief das ab?

Ja, zusammen mit Verwandten, Freunden und Freundinnen von Sophia. Etwa 80 bis 100 Leute aus Leipzig, Berlin, Bamberg und Amberg. Wir haben versucht, so gut wir konnten, potenzielle Zeugen zu finden, haben Suchaufrufe in sozialen Netzwerken im Internet veröffentlicht, Plakate aufgehängt, Flyer verteilt und Lkw-Fahrer angesprochen. Wir haben die Leipziger Polizei bekniet, endlich jemanden an die Raststätte an der A 9 bei Schkeuditz zu schicken, um das Videomaterial der Überwachungskameras zu sichten.

Wann war das?

Am späten Samstagnachmittag kam dann endlich die Polizei zur Raststätte, wo Sophia in den Lkw gestiegen war. Jemand von uns war mit dabei. Auf dem Video war eindeutig meine Schwester zu sehen mit dem Fahrer und der Lkw mit Autokennzeichen aus Marokko. Am späten Samstagabend wurde uns von der Leipziger Polizei mitgeteilt, dass die Zuständigkeit für die Suche nach Sophia erst am Montag geklärt werde.

Haben Sie sich mit der Sorge um Ihre Schwester ernst genommen gefühlt?

Nein. Wir mussten noch einmal 36 Stunden warten, bis die Herrschaften das Arbeiten begonnen haben. Das ist unser Hauptvorwurf an die Leipziger Polizei. Die wollten nicht mit uns kommunizieren. Es war ja auch Wochenende und Fußball-WM. Es ist für mich unfassbar, dass man Videomaterial hat und Hinweise, aber noch einmal so viel Zeit vergehen lässt. Schließlich ist in einem solchen Fall die Zeit der entscheidende Faktor. Hätten die Beamten gleich reagiert, wäre uns einige Tage Leid erspart geblieben. Eines ist mir dabei wichtig: Selbst wenn die Polizei noch so schnell gearbeitet hätte, wäre Sophia vermutlich nicht mehr zu retten gewesen, aber man hätte die Zeit der Suche verkürzen können. Vielleicht hätte man den Fahrer noch in Deutschland erwischt. Vielleicht hätte es dann auch keine verbrannte Leiche gegeben.

Die Polizei scheint nicht sehr hilfreich gewesen zu sein. Was haben Sie dann unternommen?

Am Montag haben zwei Leipziger Freunde mit einem arabisch sprechenden Freund bei der Spedition in Marokko angerufen. Dort hieß es, wir wären die Ersten, die sich meldeten. Der Fahrer wurde verständigt und hat uns dann sogar noch angerufen und seinen Standort in Spanien durchgegeben. Bei dem Telefonat hat er sich in Ungereimtheiten verstrickt. Angeblich hätte er Sophia an einer Autobahnausfahrt nahe Nürnberg herausgelassen. Ich hab die Spedition am Abend noch einmal angerufen. Ich wollte versuchen, die GPS-Daten des Lkw zu bekommen. Dabei wurden die Ungereimtheiten immer deutlicher. Mehr kann ich momentan dazu nicht sagen, weil das Gegenstand der Ermittlungen sein könnte.

Wann haben Sie die Polizei über Ihre Erkenntnisse informiert?

Unsere Informationen haben wir immer umgehend an die Polizei weitergegeben.

Wie wurde das aufgenommen?

Das frage ich mich bis heute selbst. Danach ist nicht mehr viel passiert. Nachdem der Fahrer bekannt war und die Leipziger Polizei das an die spanischen Behörden weitergegeben hatte, haben die Spanier offensichtlich schnellstens ihre Arbeit gemacht. Aber ab dem Moment haben wir keine Informationen mehr bekommen. Dass der mutmaßliche Täter, der Fahrer, seinen Lkw angezündet hatte, haben wir aus der Zeitung erfahren.

Das heißt, Sie hatten auch keinen weiteren Kontakt mit der Leipziger Polizei?

Leipzig wäre von der ersten Minute an zuständig gewesen, was man dort tagelang nicht wahrhaben wollte. Ich habe dann dort angerufen und mich vorgestellt. Nur einmal rief mich ein Leipziger Ermittler am Dienstag nach Sophias Verschwinden an, weil er meine DNA zum Abgleich wollte. Die habe ich bei der Polizei in Hof abgegeben, um das Ganze zu beschleunigen. Im Gegensatz zu den Leipziger Beamten war der Kontakt zur bayerischen Polizei ab Montag sehr gut. Nach der Zuständigkeitsklärung hat uns der zuständige Kommissar aus Amberg unheimlich viel Empathie entgegengebracht. Er meldet sich bis zum heutigen Tag und fragt, wie es uns geht, informiert uns so gut es geht, sagt aber auch, dass er uns nicht alles verraten darf. Auch wir können ihn jederzeit anrufen.

Inzwischen ermitteln die oberfränkische Polizei und die Staatsanwaltschaft Bayreuth. Wie ist der Stand?

Die Polizei Oberfranken hat den Fall erst übernommen, als der Fahrer festgenommen und Sophias Leiche gefunden war. Von der Staatsanwaltschaft in Bayreuth werden wir nun allerdings auch nicht über den Stand der Dinge unterrichtet. Ob der Täter gestanden hat, wie es in der spanischen Presse zu lesen war, wurde bisher nicht bestätigt. Wir haben bislang auch keinerlei Informationen, was die Überführung meiner Schwester nach Deutschland anbelangt. Warum man daraus so ein Mysterium macht, ist mir schleierhaft.

Aus dem rechten Spektrum wurde gehetzt. Ihre Schwester wurde beschimpft. Auch Sie wurden angefeindet und bedroht. Wie gehen Sie damit um?

Meine Schwester hat Flüchtlinge unterstützt und sich gegen rechts engagiert. Sie würde keinesfalls wollen, dass auf ihre Kosten rassistische Hetze betrieben wird. Die Nationalität eines möglichen Täters hat nichts mit seinen Taten zu tun. Nach unserem Aufruf an die Medien mit der Bitte um Sensibilität in der Berichterstattung hat die Anzahl der Hassmails deutlich abgenommen. In Sophias Sinne war dieser Aufruf in jedem Fall.

Sie haben einen offenen Brief an die Polizei geschrieben. Was wollen Sie damit erreichen?

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Das Gespräch führte Tobias Wolf.