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Hakenkreuz-Fahnen fürs Kino

Die Babelsberger Filmstudios wollen Szenen für eine Roman-Verfilmung in Meißens Altstadt drehen. Ganz unproblematisch ist das nicht.

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Von Harald Daßler

Meryl Streep und Geoffrey Rush sollen in einem Film mitspielen, der demnächst in Meißen entsteht. Der Markt und die Burgstraße bieten dafür eine ideale Kulisse. Das erklärte Michael Herbell am Mittwochabend vor den Meißner Stadträten. Der Location-Manager der Babelsberger Filmstudios sowie Produktionsleiter Philipp Klausing konnten alle anwesenden Stadträte für das Vorhaben begeistern, das sie gemeinsam mit einem Partner aus den USA auch in der Meißner Altstadt realisieren wollen.

Entstehen soll ein Kinofilm nach dem Bestseller-Roman „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak. Die Dreharbeiten für den Film mit dem ins Englische übersetzten Titel „The Book Thief“ sollen im Februar oder März 2013 stattfinden. Alle Schauspieler, Komparsen sowie Dreh- und technische Teams zusammengerechnet, werden 150 bis 180 Leute für etwa zehn Tage nach Meißen kommen, sagte Michael Herbell.

Der zu verfilmende Roman handelt von Liesel, einem Waisenmädchen, das sich während des Zweiten Weltkrieges selbst das Lesen beibringt. Um die beiden Drehorte in Meißen in die Zeit der Handlung zu versetzen, müsse für die Filmaufnahmen nur wenig verändert werden, begründete der Location-Manager, warum er ausgerechnet in dieser Stadt um eine Drehgenehmigung gebeten hatte. Die Zusage, die sich im einstimmigen Votum der Stadträte zugunsten der Babelsberger Anfrage zeigte, ist ebenso eine Voraussetzung für den Dreh wie der erfolgreiche Abschluss der noch laufenden Verhandlungen zur Finanzierung dieses Filmprojekts.

Heikle Details

Die offizielle Zustimmung zum Drehort liegt den Filmproduzenten aber auch deshalb sehr am Herzen, weil die Aufnahmen, die zum Teil nachts stattfinden, mit heiklen Details verbunden sind. Da die Filmhandlung in der Zeit des Dritten Reiches spielt, werden bei den Aufnahmen in der Burgstraße und vor dem Rathaus Hakenkreuz-Fahnen hängen. Auch eine Szene, in der die Bücherverbrennung durch die Nazis dargestellt wird, soll auf dem Markt gedreht werden.

Um in der Stadt und bei Besuchern „Bedenken zu den Kulissen zu entkräften“, werden die Filmproduzenten einige Sicherheitsvorkehrungen treffen, kündigte Michael Herbell an. So sollen die Hakenkreuz-Fahnen „nur punktuell und nur zur Drehzeit“ im Stadtbild auftauchen. Auch Absperrungen seien ein erprobtes Mittel, berichtete er aus Erfahrungen aus anderen Filmprojekten der Babelsberger Studios. Verhindert werden solle auch, dass die Kulissen aus der Nazizeit Rechtsextreme anziehen, sagte Michael Herbell. So verlangen die Filmproduzenten eidesstattliche Erklärungen von den Komparsen, in denen sie versichern, die Mitwirkung bei den Filmaufnahmen nicht auszunutzen.

Ein Film wie „Schindlers Liste“ hätte ohne das Verwenden von Nazi-Symbolen nicht entstehen können, unterstützte Ullrich Baudis (Linke) in der Debatte das Ansinnen der Filmemacher aus Potsdam und den USA. Meißen ist keine NPD-Hochburg, widersprach Wolfgang Tücks (Unabhängige Liste Meißen) der von Helge Landmann (Freie Bürger/SPD) geäußerten Befürchtung, die für die Dreharbeiten verwendete Nazi-Symbolik in Meißen werde dafür sorgen, dass in der Stadt noch mehr rechte Parolen zu vernehmen sind.

Stadtrat Andreas Graff (Linke) erinnerte an die zähen Diskussionen, die in Meißen um das Kriegsende und das Handeln Einzelner geführt worden sind. Die Dreharbeiten in der Stadt, die diese Zeit thematisieren, aber auch die Aussicht auf einen Film, der menschliche Schicksale in der Zeit von Diktatur und Krieg zeigt, könnten Geschichtsbewusstsein entwickeln und festigen helfen.

Für die Meißner Räte fielen aber auch Aussichten ins Gewicht, die mit dem Aufenthalt der Film-Crews am Beginn des kommenden Jahres in der Stadt verbunden sein dürften. Neben Gastronomie und Hotellerie können Transportunternehmen und Handwerker auf Aufträge der Filmproduzenten hoffen.

Die Dreharbeiten können aber auch anziehende Wirkungen entfalten – sogar noch nach ihrem Abschluss. „Das Projekt ist geeignet, das Marketing dieser Stadt zu verbessern – ohne, dass wir dafür sehr viel Geld ausgeben müssen“, sagte Wolfgang Tücks.

Und Oberbürgermeister Olaf Raschke (parteilos) verwies auf die Stadt Görlitz, in der die Babelsberger Filmstudios vor fünf Jahren Teile des preisgekrönten Films „Der Vorleser“ gedreht hatten. Heute gebe es dort sogar thematische Stadtführungen zu den einstigen Drehorten, die sich guter Nachfrage erfreuten.

Was ein Star wie Kate Winslet in dieser Stadt bewirkt habe, sollte Maryl Streep und Geoffrey Rush auch in Meißen gelingen.