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Was sich Vereine vom Corona-Konzert in Leipzig erhoffen

Wissenschaftler wollen testen, wie viele Zuschauer unter Covid-19-Bedingungen in eine Halle dürfen. Das Ergebnis ist für das Überleben der Klubs extrem wichtig.

Tim Bendzko sorgt für den musikalischen Teil des Konzert-Experiments in Leipzig.
Tim Bendzko sorgt für den musikalischen Teil des Konzert-Experiments in Leipzig. © Patrick Seeger/dpa

Der Zusammenhang ist nicht gerade offensichtlich. Warum sollten sächsische Sportvereine von einem Konzert des Berliner Popsängers Tim Bendzko profitieren? Mehr noch: Vielleicht kann der Auftritt sogar helfen, die Klubs vor dem finanziellen Aus zu retten – so wie in Bendzkos größtem Hit, bei dem er das nur noch kurz mit der Welt machen will.

Der 35-Jährige sammelt am 22. August in der Arena Leipzig aber kein Geld für in Not geratene Vereine. Es ist kein Benefizkonzert, sondern eher ein Konzertexperiment. Mit einer wissenschaftlichen Studie soll „ein Modell zur Berechnung des Ausbruchs-Risikos nach Hallen-Großveranstaltungen“ erstellt werden – so die offizielle Formulierung. Forscher der Universitätsmedizin Halle/Saale wollen also herausfinden, wie viele Menschen sich gleichzeitig in einer Halle wo aufhalten können, ohne dabei eine Covid-19-Kettenreaktion auszulösen. Und das interessiert nicht nur Konzertveranstalter und Künstler brennend, sondern auch Vereine.

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Karsten Günther managt die Handballer des SC DHfK Leipzig und unterstützt mit seinem Verein das Konzert-Experiment mit Tim Bendzko.
Karsten Günther managt die Handballer des SC DHfK Leipzig und unterstützt mit seinem Verein das Konzert-Experiment mit Tim Bendzko. © PICTURE POINT

Die Fußball-Bundesligisten haben ihr Konzept bereits vorgelegt, das von der Politik jedoch – wahrscheinlich bis Ende Oktober – ausgebremst wurde. Dabei hat der Fußball einen großen Vorteil: Die Stadien sind Freiluft-Arenen. Wie aber sieht es in Eis- oder Multifunktions-Hallen aus, in denen Lüftungsanlagen arbeiten? „Bisher agieren wir da nach dem Prinzip Vorsicht“, sagt Karsten Günther. „Das ist auch richtig so. Doch wir müssen nun von den Beschränkungen auf 500 oder 1.000 Zuschauer wegkommen. Und dazu brauchen wir belastbare Fakten“, erklärt der Geschäftsführer des Handball-Erstligisten SC DHfK Leipzig. Die soll das Experiment liefern.

Bis zu 4.200 freiwillige Teilnehmer, die vorher getestet werden, eine Maske und einen Sender tragen, der misst, wie lange und wie nah man sich einem anderen Besucher nähert, sollen dabei am 22. August helfen. Das Interesse hält sich jedoch in Grenzen, obwohl für das Konzert bei Pressekonferenzen und auf Plakaten intensiv geworben wurde. Die Probanden erhalten als zusätzlichen Anreiz eine Freikarte für ein Heimspiel ihres sächsischen Lieblingsvereins. Am Sonntag endet die Anmeldefrist. Bisher haben sich 1.932 registriert. Eine kurzfristige Absage der Studie ist aber kein Thema. „Es findet auf jeden Fall statt“, erklärt Studienleiter Stefan Moritz. Aber: Je mehr kommen, desto besser.

Die Arena in Leipzig hat eine Kapazität von 7.200 beim Handball.
Die Arena in Leipzig hat eine Kapazität von 7.200 beim Handball. © PICTURE POINT
In Weißwasser kommen im Schnitt 2.500 Fans in die Eishalle. 
In Weißwasser kommen im Schnitt 2.500 Fans in die Eishalle.  © Lutz Hentschel
Die Heimspiele der Volleyball-Frauen des Dresdner SC sehen bis zu 3.000 Zuschauer.
Die Heimspiele der Volleyball-Frauen des Dresdner SC sehen bis zu 3.000 Zuschauer. © Robert Michael

Einen möglichst großen Zuspruch wünscht sich auch Sandra Zimmermann, Geschäftsführerin des Dresdner SC. Bei den Volleyball-Frauen soll die Saison am 11. Oktober mit dem Supercup – womöglich in Dresden – starten. Wie viele Fans dann in die 3.000 Zuschauer fassende Margon-Arena kommen dürfen, hängt auch von den Berechnungen der Hallenser Forscher ab. „Wir hoffen natürlich, dass es nach der Studie deutlich mehr sind als 1.000“, so Zimmermann. An dieser Zahl orientiert sich das Hygienekonzept, das der DSC gerade erstellt. „Aber das können wir natürlich jederzeit anpassen.“

Die Dresdnerinnen sind der Zuschauerkrösus der Liga, eigentlich ein sehr erfreulicher Fakt. „Dadurch ist bei uns aber auch die Abhängigkeit von diesen Einnahmen am größten“, erläutert Zimmermann. „Mit Geisterspielen wird es jedenfalls ganz schwer.“

Ab welcher Zuschauerzahl es sich überhaupt rechnen würde, könne sie jetzt noch nicht sagen. „Die Frage dabei ist: Was müssen wir investieren, um das Hygienekonzept umzusetzen?“ Klar ist wohl, dass es mehr als nur einen Ein- und Ausgang geben muss. „Das würde bedeuten, dass wir auch mehr Personal benötigen“, so Zimmermann. Womöglich sind auch zusätzliche Toiletten erforderlich.

Tragen wirklich alle Zuschauer Masken?

Beim Eishockey-Zweitligisten Lausitzer Füchse wird die Halle in vier Zonen aufgeteilt, um mögliche Infektionen leichter nachverfolgen zu können. Geschäftsführer Dirk Rohrbach geht davon aus, zwei oder drei WC-Container aufstellen zu müssen. „Einer kostet pro Spiel 800 Euro“, rechnet er vor. In der vergangenen Saison besuchten im Schnitt 2.500 Zuschauer die Spiele in Weißwasser. „Jetzt sind 50 bis 60 Prozent Auslastung unser Ziel“, so Rohrbach. Auf den Sitzplätzen sollen es sogar 100 Prozent sein. Der fehlende Mindestabstand soll durch das verpflichtende Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes kompensiert werden. Ob das Gesundheitsamt dies so genehmigt, bleibt abzuwarten. Aber vielleicht können auch da die Ergebnisse aus Leipzig helfen. Bei einem der drei Konzertteile verteilen sich die Zuschauer auf den Sitzplätzen der Arena.

Rohrbach sieht ein weiteres Problem. Er ist sich nicht sicher, ob „die Leute wirklich bereit sind, mit Maske in die Halle zu kommen“. Womöglich haben sie auch Angst. Viele der Zuschauer auf den Sitzplätzen gehören aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor sei die Disziplin. „Halten sich auch wirklich alle an die Vorschriften? Ich trage als Veranstalter die Verantwortung und will da nicht immer diskutieren müssen.“

Sandra Zimmermann ist Geschäftsführerin bei den Volleyball-Frauen des Dresdner SC. Sie hofft, dass in der neuen Saison mehr als 1.000 Zuschauer in die Margon-Arena dürfen.
Sandra Zimmermann ist Geschäftsführerin bei den Volleyball-Frauen des Dresdner SC. Sie hofft, dass in der neuen Saison mehr als 1.000 Zuschauer in die Margon-Arena dürfen. © Dresdner SC

Trotz der großen Ungewissheit haben die meisten Vereine bereits mit dem Verkauf von Dauerkarten begonnen. In Weißwasser läuft noch die Registrierungsphase. Beim DSC erwirbt man mit dem Ticket nur das theoretische Recht, die Heimspiele besuchen zu können. Die Preise liegen deshalb unter denen der vorigen Saison. „Bisher haben wir schon 500 verkauft. Das ist überwältigend“, erklärt Zimmermann. Eine Obergrenze soll es nicht geben. Was aber passiert, wenn 700 Saisontickets verkauft werden und nur 600 in die Halle dürfen? „Dann müssen wir das individuell regeln“, so Zimmermann.

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Noch aber überwiegt die Hoffnung, dass es nicht zu solchen Szenarien kommt. Ende September sollen erste Ergebnisse des Konzert-Experiments vorliegen. Das wäre gerade noch rechtzeitig. Die Handballer wollen am 1. Oktober in die neue Saison starten, die Eishockey-Zweitligisten einen Tag später. „Wenn das Ergebnis sein sollte, dass nur 25 Prozent der maximalen Kapazität vertretbar ist, dann ist das auch eine Erkenntnis“, findet DHfK-Manager Günther. „Nur wird es den Sport auf dem Niveau, den wir kennen, dann nicht mehr geben. Bei Sportarten, die derart von den Zuschauereinnahmen abhängen, funktioniert das nicht mehr. Und das wäre sehr bedauerlich, weil wir nicht nur Arbeitsplätze schaffen, sondern auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sehr wichtig sind.“

Auch Rohrbach ist überzeugt: „Ohne staatliche Hilfe wird kein Zweitliga-Klub die Saison überleben.“ Daran kann selbst Weltenretter Tim Bendzko nichts ändern.

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