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Erste leere Regale - der Handel bleibt gelassen

Hamsterkäufe wegen Corona-Angst. Ökonomen warnen vor Herdenverhalten. „Das ist zum Teil sehr irrational.“

Leer geräumt ist das Regal für Brotbackmischungen in einem Supermarkt. Die Angst vor dem Coronavirus sorgt inzwischen für erste Hamsterkäufe in Deutschland.
Leer geräumt ist das Regal für Brotbackmischungen in einem Supermarkt. Die Angst vor dem Coronavirus sorgt inzwischen für erste Hamsterkäufe in Deutschland. © Paul Zinken/dpa

Einen Zehn-Tages-Notfallvorrat im Keller zu haben, empfiehlt die Bundesregierung ständig. Doch erst durch Ausbruch des Coronavirus wird dieser Vorschlag ernst genommen. Seit Freitag verbreiten sich Bilder von leeren Regalen in den sozialen Medien und befeuern so die Angst, vielleicht selbst nichts mehr zu bekommen. Die AfD-Fraktion Dresden schürt auch und rät dazu, beim nächsten Einkauf fast fünf Kilo Zwieback und elf Kilo Bohnen einzupacken – obwohl hierzulande noch kein Ort großflächig isoliert wurde.

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Seit Freitag spürt der sächsische Handel eine gesteigerte Nachfrage nach Fertigprodukten, Konserven und Hygieneartikeln. Tatsächlich könnten beim nächsten Einkauf Bohnen oder Nudeln vergriffen sein – allerdings nur kurzfristig. „Der Einzelhandel ist darauf sehr gut vorbereitet“, beruhigt René Glaser, Geschäftsführer des sächsischen Handelsverbands. Dabei ist davon auszugehen, dass die Vorratskäufe in den nächsten Tagen sogar noch zunehmen. „Man merkt, dass das Coronavirus im Osten noch nicht angekommen ist. Noch verzeichnen wir nicht so hohe Absatzraten wie im Westen“, bemerkt Glaser.

Hohe Nachfrage nach Konserven und Nudeln

Der Ökonom Marcel Fratzscher sieht in so einem „Herdenverhalten“ eine Gefahr. „So etwas gibt es auch bei Unternehmen und Konsumenten. Das ist zum Teil sehr irrational“, sagte der Chef des Berliner Forschungsinstituts DIW der Passauer Neuen Presse und warnte vor einer „Teufelsspirale“, in der Firmen und Verbraucher auf die vielen Unsicherheiten mit Verhaltens- und Nachfrageänderungen reagieren. „Ein Abwärtsstrudel ist möglich. Die größte Gefahr wäre Panik.“

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Der Discounter Lidl hatte bereits am Freitag in einigen Regionen und Filialen „deutlich erhöhte Abverkäufe“ verzeichnet, beispielsweise bei Konserven und Nudeln. Der Großdiscounter Kaufland hatte eingeräumt: „Bei stark nachgefragten Produkten kann es kurzfristig zu Engpässen kommen.“ Auch Aldi Nord verspüre erhöhte Absatzmengen im gesamten Vertriebsgebiet. Zum jetzigen Zeitpunkt konnten weitreichende Lieferengpässe für Lebensmittel oder Hygieneprodukte jedoch ausgeschlossen werden. Alle Lebensmittelbestände würden nach einer routinemäßigen Belieferung genauso schnell wieder aufgefüllt.

Desinfektionsmittel sind fast ausverkauft

Der Greifswalder Mediziner Nils Hübner warnt trotzdem vor Hamsterkäufen. Weder aus China noch aus Norditalien seien ihm Meldungen über Hunger bekannt. Er erwarte auch nicht, dass in Deutschland eine solche Mangelsituation auftauche. Zudem würden viele dieser Lebensmittel wieder weggeworfen und dann gibt es noch die psychologische Komponente von Vorratskäufen: „Wenn die Menschen vor leeren Regalen stehen, führt das wieder zu Hamsterkäufen. Das ist ein selbstverstärkender Prozess.“

Aus Sicht des Handelsverbandes Sachsen sei aber auch dann nicht mit schwerwiegenden Einschränkungen bei der Warenverfügbarkeit zu rechnen. „Wenn das eine oder andere Produkt mal nicht verfügbar ist, dann höchstens ein, zwei Tage“, so Glaser. Dabei ist es schon jetzt zur Herausforderung geworden, Desinfektionsmittel zu kaufen. In vielen sächsischen Drogerien bleiben die Regale leer. „Derzeit sind die Artikel nahezu nicht mehr verfügbar“, erklärt dm-Geschäftsführerin Kerstin Erbe, verspricht aber, daran zu arbeiten, um die Verfügbarkeit in ihren Märkten wieder sicherzustellen. Die Kunden müssen sich vorerst gedulden. Anders sieht es für Ärzte aus. Denn nur weil Privatpersonen Desinfektionsmittel horten, fehlt es nicht automatisch in Krankenhäusern. Es handele sich um zwei getrennte Warenströme.

Finanzminister Scholz beruhigt

Für eine Einschätzung der gesamtwirtschaftlichen Folgen der Coronakrise ist es nach Einschätzung von Volkswirten noch zu früh. Selbst, dass der Einzelhandel von den gesteigerten Absatzzahlen profitiert, ist nicht gesagt. Glaser geht eher von einer Umsatzverlagerung aus, sobald das Coronavirus bekämpft ist. Für Ökonom Timo Wollmershäuser vom Münchner Ifo-Institut steht allerdings fest, dass die Verbreitung des Virus das Potenzial habe, „die Weltwirtschaft zum Erliegen zu bringen“, sagte er dem Nachrichtenportal t-online.de. Die Politik müsse deshalb reagieren: „Die Bundesregierung sollte Unternehmen unter die Arme greifen, die wegen des Coronavirus Produktionsausfälle haben. Eine geeignete Maßnahme wäre eine Ausweitung des Kurzarbeitergeldes.“ Nach Einschätzung Fratzschers ist „alles möglich, von minimalen ökonomischen Folgen bis zu einem Abkippen der hiesigen Wirtschaft in eine Rezession“. Angesichts der Lage müsse die Bundesregierung als „Anker der Stabilität“ handeln. „Mehr staatliche Investitionen würden klarmachen: Wir tun etwas. Ihr Unternehmen könnt euch auf uns verlassen. Ich befürworte daher ein Konjunkturprogramm.“

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