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Görlitz

Hand in Hand beim Sprache lernen

Seit 25 Jahren gibt es deutsch-polnische Gruppen im „Zwergenhaus“. Dafür bekommt die Kita am Dienstag einen Preis.

Stolz präsentieren die Vorschulkinder ihre Bilder. Deutsche Sätze sind zu hören, polnische ebenso. Im Zwergenhaus auf der Konsulstraße werden Kinder aus beiden Ländern aufgenommen – und das seit Jahren. Diese Kita hat inpuncto Zweisprachigkeit Pionierarbe
Stolz präsentieren die Vorschulkinder ihre Bilder. Deutsche Sätze sind zu hören, polnische ebenso. Im Zwergenhaus auf der Konsulstraße werden Kinder aus beiden Ländern aufgenommen – und das seit Jahren. Diese Kita hat inpuncto Zweisprachigkeit Pionierarbe © Nikolai Schmidt

Die Giraffe ist auf die Schlange gefallen. Eine Geschichte – ein Dutzend Bilder dazu. Gemalt von Kinderhand. Deutschen und polnischen Kindern. Sie sind in der Görlitzer Kita Zwergenhaus auf der Konsulstraße bunt gemischt. Von 112 Kindern haben etwa die Hälfte polnische Wurzeln – ein Teil lebt mit seinen Eltern in Görlitz, ein paar werden jeden Tag direkt aus Zgorzelec gebracht.

Seit 1993 ist das schon so. Damals war das bei Weitem keine Selbstverständlichkeit. Die Europastadt, so wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht. Partnerschaften, Kooperationen, Freundschaften – all das existierte Anfang der 1990 er höchstens auf politischer oder Vereinsebene. Auch Zwergenhaus-Leiterin Martina Hildebrandt hätte sich nicht träumen lassen, einmal so viele Kinder aus dem Nachbarland zu betreuen, einen zweisprachigen Kindergarten zu leiten und dabei selbst gut Polnisch sprechen zu können. Aber wie so oft im Leben: Der Zufall wollte es so. Damals noch auf der Otto-Müller-Straße beobachtete Martina Hildebrandt 1993, dass jeden Tag eine polnische Familie mit einem Kind am Zaun stehen blieb und interessiert das Geschehen verfolgte. Eines Tages kamen sie herein und fragten, ob ihr Kind aufgenommen werden könnte. So einfach ging das nicht. Stadt, Landkreis und sogar das sächsische Sozialministerium wurden einbezogen, aber alle gaben grünes Licht.

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1995 wurde der Winter ausgetrieben: Zwergenhaus-Kinder zusammen mit ihren polnischen Freunden.
1995 wurde der Winter ausgetrieben: Zwergenhaus-Kinder zusammen mit ihren polnischen Freunden. © Kita

Nicht lange danach kam ebenfalls von jener Familie der Impuls für eine jahrelange, erfolgreiche Kooperation mit der Kita Nummer 2 in Zgorzelec. „Der Vater erzählte, er kenne eine Kita, die einen Partner in Görlitz suche“, erinnert sich Frau Hildebrandt. Und erzählt dann vom allerersten Treffen, als man sich noch etwas schüchtern gegenüber saß. Jemand übersetzte und es war schnell klar, dass es eine Zusammenarbeit geben würde und dass etwas Schönes für die Kinder entstehen sollte.

Das ist so gut gelungen, dass es nun, reichlich 25 Jahre später, eine Auszeichnung für beide Kitas gibt: Görlitz und Zgorzelec verleihen ihnen am Dienstag den Ehrentitel „für die Verdienste um die Europastadt Görlitz/Zgorzelec“. Auf der gemeinsamen Stadtratssitzung der Görlitzer und Zgorzelecer Räte wird er im Dom Kultury verliehen. Hier wird Martina Hildebrandt in ihrer Dankesrede auch über die vielen Besuche und gemeinsamen Aktivitäten sprechen. Denn jeden Monat laden sich die Vorschulgruppen der Kitas gegenseitig ein. „Wir haben in den Jahren alles gesehen und besucht, was es an Sehenswürdigkeiten und Kultureinrichtungen auf beiden Seiten gibt“, so Martina Hildebrandt. Zugleich bringen sich die Kinder jeweils Traditionen und Bräuche ihrer Länder näher. Und natürlich – das ist das Wichtigste – die andere Sprache. In der Vorschulgruppe gibt es eine polnische Erzieherin, die ausschließlich ihre Muttersprache spricht. „Davon nehmen auch die deutschen Kinder etwas mit, ob es bestimmte Redewendungen, die Farben oder Lieder sind“, sagt Martina Hildebrandt. Perfekt polnisch lernt dadurch noch kein Kind, aber vieles bleibe doch hängen, das zeigen Rückmeldungen aus den Schulen, wo die Kinder später Polnisch als Fremdsprache lernen. Dass es umgekehrt genauso fruchtet, ist bei den polnischen Kindern zu hören. Da sprechen einige schon recht gutes Deutsch.

Seit Kurzem ist bereits ein Kind der nächsten Generation im Zwergenhaus. „Der Vater war eines der ersten Kinder unseres gemischten Kindergartens“, sagt Martina Hildebrandt. „Er sagt heute, ihn ins Zwergenhaus zu geben, sei das beste gewesen, was seine Eltern machen konnten.“

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