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Handbiker fährt 660 Kilometer in 24 Stunden

Der Weinböhlaer Lars Hoffmann hat einen neuen Weltrekord aufgestellt.

Lars Hoffmann bei seinem Weltrekordversuch mit dem Handbike. Am letzten Juni-Wochenende pendelte er 24 Stunden zwischen Rödern und Folbern und schaffte 660 Kilometer.
Lars Hoffmann bei seinem Weltrekordversuch mit dem Handbike. Am letzten Juni-Wochenende pendelte er 24 Stunden zwischen Rödern und Folbern und schaffte 660 Kilometer. © Claudia Hübschmann

Ebersbach. Am Ende reicht immer noch die Kraft, um die Korken knallen zu lassen. Am Sonntagabend, 20 Uhr, hat der Weinböhlaer Lars Hoffmann Gewissheit: 660 Kilometer zeigt der digitale Zähler seines Handbikes an. Innerhalb von 24 Stunden ist er diese Strecke gefahren und stellt damit einen neuen Weltrekord auf. "Große Ziele brauchen immer ein bisschen länger, sind dann aber um so schöner, wenn sie erfüllt werden", schreibt der 51-Jährige auf seiner Facebookseite.

Der bisherige Weltrekord für Handbiker, aufgestellt von Thomas Lange 2009 im nordamerikanischen Sebring, liegt bei 649,85 Kilometern in 24 Stunden. Der Deutsche erzielte die im Guinness-Buch der Rekorde eingetragene Leistung am 23. Februar 2009. Noch im gleichen Jahr verstarb der gehbehinderte Berliner und Pilot tragischerweise bei einem Flugzeugabsturz.

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Permanent begleitet auf seiner Ausdauerfahrt wurde Hoffmann durch seine Sportfreunde vom SV Elbland Coswig-Meißen. Mindestens zu fünft und sich abwechselnd nahmen sie  den Ausnahme-Athleten auf seinem Spezialbike in ihre Mitte. Einen Schnitt von knapp 30 Kilometern pro Stunde galt es zu halten. Das Fahren im Pulk sorgte zudem für Sicherheit auf der rund 21 Kilometer langen, weitgehend flachen Runde zwischen dem Parkplatz gegenüber vom Gasthof Klitzsch im Ebersbacher Ortsteil Rödern, wo der Verein ein Fahrerlager improvisiert hatte, und dem Kreisverkehr Folbern. 

Spannend wurde die Fahrt gegen Ende nicht zuletzt durch einen Wolkenbruch, welcher die Radler innerhalb kürzester Zeit komplett durchweichte und zu einer ungeplanten Pause zwang. Schnell musste ein Möglichkeit gefunden werden, das Handbike unterzustellen. Mit einer Windjacke schützten seine Teamkameraden den Weinböhlaer vor dem Auskühlen. Als anschließend wieder die Sonne schien, konnte die letzte Runde angegangen werden.  Über einen Schlauch half Flüssigkeit aus zwei Trinkflaschen gegen den Durst. Am Gasthof Klitzsch gab es regelmäßig Gelnahrung, um die Reserven aufzufüllen. 

In Gedanken bei verunglücktem Kollegen

Seinen Sieg widmet der Sportler dem früheren Formel-1-Pilot Alessandro Zanardi. Dieser kämpft nach einem schweren Verkehrsunfall um sein Leben. Er war am 19. Juni auf seinem Handbike mit einem Lkw kollidiert und hatte sich schwere Kopfverletzungen zugezogen. Er brach sich dabei mehrere Gesichtsknochen, hieß es.

Nach einer dreistündigen Operation wurde der Italiener ins künstliche Koma versetzt. Der behandelnde Arzt Giuseppe Oliveri sagte, dass Zanardi "kein hoffnungsloser Fall" sei. Allerdings befände sich der mehrmalige Paralympicssieger in einer Situation, "in der man auch sterben" könne. Auch den Hirnschaden, den Zanardi bei dem Unfall davongetragen hat, wollte Oliveri nicht beurteilen. Dieser werde dann bewertet, "wenn er aufwacht, falls er aufwacht".

Das diesjährige Unglück ist der zweite schwere Schicksalsschlag für Zanardi. Am 15. September 2001 hatte er bei einem schweren Unfall beim Champ-Car-Rennen auf dem Lausitzring beide Beine verloren und musste auf dem Weg zum Krankenhaus siebenmal wiederbelebt werden.

Ausdauersportler Lars Hoffmann begleitet von seinen Teamkollegen vom SV Elbland Coswig-Meißen.
Ausdauersportler Lars Hoffmann begleitet von seinen Teamkollegen vom SV Elbland Coswig-Meißen. © Claudia Hübschmann

Für den Handbiker Lars Hoffmann war die Weltrekordfahrt am Wochenende eins von vielen Projekten, die er in den vergangenen Jahren verwirklichen konnte. Vergangenes Jahr im Mai zeigte der querschnittsgelähmte Behindertensportler bei der Oldtimer-Rallye HSR Classic mit seinem Rennrollstuhl den Autofahrern, was Muskelkraft vermag. Er schaffte es, über die Hälfte der Strecke von Radebeul-Lindenau nach Hoyerswerda noch vor den Autos im Etappenziel Hoyerswerda zu sein.

Dabei war Sport, geschweige denn Leistungssport, ursprünglich kein Thema in seinem Leben. Doch seit seinem Motorradunfall 2004 und der damit verbundenen Querschnittslähmung ab dem sechsten/siebten Brustwirbel kam alles ganz anders. „Es war ein neues Leben, das ich plötzlich meistern musste“, sagt der Weinböhlaer Handbiker Lars Hoffmann. Das war nicht einfach, auch heute manchmal noch nicht, gibt der 51-Jährige offen zu. „Zwei bis drei Jahre hat es gedauert, bis ich die Situation so annehmen konnte. Man sieht das Leben aus einem anderen Blickwinkel. Und jeder Tag ist Lebenszeit, die nicht wiederkommt.“

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Sein Leben, sagt Alessandro Zanardi, ist ein Rennauto. Durch den Horror-Crash auf dem Lausitzring habe sich lediglich die Farbe des Wagens geändert.

Das erste Bike erhielt Lars Hoffman bereits kurz nach dem Unfall. Gemeinsame Radausflüge mit der Familie an der Elbe waren das Ziel. Doch bis 2007 blieb es fast ausschließlich in der Garage stehen. Die Leidenschaft zu diesem Sport kam erst 2008, als er an seinem ersten 20-Kilometer-Halbmarathon in Dresden teilnahm. Die vielen Leute am Straßenrand, das Anfeuern, das motivierte ihn. Auch wenn ihm alle Muskeln schmerzten, da er weit über seine Leistungsgrenze ging. Doch genau diese Grenzerfahrung wollte Lars Hoffmann von nun an nicht mehr missen. 

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