merken
PLUS Görlitz

Stress um die Steuersenkung

Ab 1. Juli sollen Kunden weniger Mehrwertsteuer zahlen. Die Umstellung läuft bei Görlitzer Händlern und großen Ketten sehr verschieden.

Anja Sorkalle ist Chefin der Comenius-Buchhandlung in Görlitz. Sie sieht die Steuersenkung gelassen.
Anja Sorkalle ist Chefin der Comenius-Buchhandlung in Görlitz. Sie sieht die Steuersenkung gelassen. © Nikolai Schmidt

Senkung der Mehrwertsteuer? Anja Sorkalle bleibt da erst einmal ganz gelassen. Noch sei ja gar nicht klar, was auf das Geschäft zukomme, so die Leiterin der Comenius-Buchhandlung an der Görlitzer Steinstraße. "Es kommt auf die Verlage an", schildert Anja Sorkalle. Wenn die sagen, wir senken entsprechend die Preise, macht die Buchhandlung natürlich mit. Von sieben auf fünf Prozent würde die Mehrwertsteuer ab dem 1. Juli fallen. "Aber bisher haben wir noch keine Entscheidung erhalten", sagt sie am Dienstag.

Große Ketten geben Steuersenkung gleich weiter

Die Senkung der Mehrwertsteuer, ist sie mehr Lust oder Last für Görlitzer Händler? Offensichtlich gibt es einen Unterschied zwischen den großen, überregionalen Ketten und den "kleineren" Händlern vor Ort. Beispiel DM, in Görlitz mit mehreren Filialen vertreten: Die Mehrwertsteuersenkung werde vollständig an die Kunden weitergegeben, heißt es von dem Drogeriemarkt. Dies beträfe sowohl die Artikel in den Märkten, als auch im  Online-Shop. "Unser Vorteil ist, dass wir die technischen Voraussetzungen haben, ohne viel Aufwand diese Steuersenkung transparent an die Kunden weitergeben zu können",  so Christoph Werner von der DM-Geschäftsführung.

Anzeige
Kundendiensttechniker (m/w/d) gesucht
Kundendiensttechniker (m/w/d) gesucht

Die ETN Elektro-Technik Niesky GmbH sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt einen Kundendiensttechniker (m/w/d).

An der Steinstraße tüftelt derweil gerade  Georg Schwind, Chef des gleichnamigen Modehauses, an der Datenverarbeitung seines Kassensystems. Eigentlich will er sich zum Thema Mehrwertsteuersenkung nicht so gerne in der Zeitung äußeren. "Wir werden am Ende nicht mehr verkaufen", ahnt er. Wer ein Hemd, ein T-Shirt brauche, kaufe nun nicht gleich fünf davon, weil sie ein paar Cent billiger werden. "Der Aufwand ist groß. Der Nutzen...". Georg Schwind weiß es noch nicht. 

Der große Umsatzsteigerer, der Modehauschef glaubt nicht, dass die Mehrwertsteuersenkung dafür taugt. "Wenn es nicht wirklich große Sachen sind, wie etwa ein Auto, wird sich die Ersparnis nicht so stark bemerkbar machen", findet er. So oder so: Seine Datenverarbeitung muss umgestellt werden, Ordnung muss schließlich sein. Auch wenn es am Ende vielleicht nur um ein paar Cent geht. "Beratung im Haus, eine gute Kollektion - das ist doch am Ende viel wichtiger", sagt Georg Schwind.

Kaufland rechnet mit "krummen Preisen"

Kaufland hat zwei Filialen in Görlitz, in Weinhübel und in Königshufen. Hier will man am 1. Juli die Preise senken. In "vollem Umfang" werde die Steuersenkung an die Kunden weitergegeben. Die Entlastung solle bei allen Bürgern ankommen und sie beim täglichen Einkauf davon profitieren, so Andreas Schopper, Geschäftsleitungsmitglied Einkauf bei Kaufland. Durch die neue Berechnung mit 16 statt 19 beziehungsweise fünf statt sieben Prozent werden sich "krumme Preise" ergeben. Kaufland wolle die im Sinne einer größtmöglichen Transparenz weitergeben. Auf den Preisschildern werde der alte und der neue Preis angegeben.

Gastronomie hat doppeltes Problem

Der Aufwand, um alle Artikel neu auszuzeichnen, Kassensysteme und Werbung anzupassen, sei beträchtlich. Genaue Zahlen nennt Kaufland nicht. Aber zum Ende der Steuersenkung - Ende des Jahres also - falle dann der Aufwand noch einmal an.

Ein ganz anderes Problem stellt sich für die Gastronomen in der Oberlausitz. Die Mehrwertsteuer auf Speisen sinkt von 19 auf sieben Prozent, für Getränke aber nur auf 16. "Ich gehe davon aus, dass die Gastwirte das hinbekommen", sagt Axel Klein, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Sachsen. Je nach Kassensystem können die Wirte die neuen Zahlen selbst eingeben - oder eben einen Techniker hinzuziehen.  "Auf jeden Fall wird sich die Umstellung lohnen", sagt Axel Klein. Wichtig sei, dass nun wieder Umsätze hereinkommen. "Probleme gab es schon vor Corona", so der Dehoga-Hauptgeschäftsführer. Kredite beispielsweise, die aufgenommen und zurückgezahlt werden müssen. "Hauptsache", so Axel Klein, "die Leute gehen wieder in die Gaststätten und unterstützen so die Wirte."

Dass die Mehrwertsteuersenkung teuer für den Einzelhandel werden kann, sieht man auch beim Handelsverband.  "Wir haben es mit einem vergleichsweise hohen Aufwand zu tun", so  der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, Stefan Genth. Kassensysteme anpassen, Preisschilder, Werbung - aber es gibt noch eine andere, rein rechtliche Möglichkeit:  ein "Rechnungsrabatt". Dabei würden die Preise der einzelnen Artikel wie bisher am Regal ausgeschildert und die Vergünstigung erst an der Kasse berechnet.

Weiterführende Artikel

Große Ketten werden gewinnen

Große Ketten werden gewinnen

Die zeitlich befristete Senkung der Mehrwertsteuer bringt dem Görlitzer Innenstadthandel nicht viel, findet Redakteur Matthias Klaus.

An Varianten wie diese denkt Anja Sorkalle aus der Görlitzer Comenius-Buchhandlung derzeit noch nicht. "Ich gehe davon aus, dass wir spätestens kommende Woche Vorgaben von den Verlagen erhalten", sagt sie. Alles andere wird sich dann zeigen.

Weitere Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Weitere Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz