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Dynamo

Hartmann wieder fit - warum spielt er nicht?

Der Kapitän liebäugelt mit einem Einsatz am Sonntag in Bochum, den sein Trainer de facto ausgeschlossen hat. Kann sich Dynamo das leisten?

Unter den Augen von Cheftrainer Cristian Fiel trainiert Marco Hartmann (l.) wieder mit der Mannschaft.
Unter den Augen von Cheftrainer Cristian Fiel trainiert Marco Hartmann (l.) wieder mit der Mannschaft. © Lutz Hentschel

Da ist er wieder. Seit zwei Wochen steht er im Mannschaftstraining, in den Testspielen hat er jeweils eine Halbzeit gespielt. Marco Hartmann, Dynamos Kapitän und Führungsfigur, hat seine Verletzung überstanden. Mal wieder hat es länger gedauert als anfangs gedacht. Denn als er sich am 1. Juli bei einem Zusammenprall im Training laut Vereinsmitteilung „eine Quetschung der Muskulatur im linken Unterschenkel“ zugezogen hatte, war der 31-Jährige nicht von einer langen Pause ausgegangen. „Ich bin froh, dass es keine gravierende Verletzung ist“, erklärte er damals. Der Muskel brauche ein paar Tage Ruhe.

Daraus sind zwei Monate geworden, weil Hartmann mal wieder besonderes Pech hatte. Es war nämlich außerdem die Membran zwischen Schien- und Wadenbein gebrochen, was ihm starke Schmerzen bereitete, sodass er einen ersten Comeback-Versuch abbrechen musste. Nun aber ist er schmerzfrei, hat auch die Belastung in den Testspielen muskulär gut weggesteckt. „Das unterschätzt man doch, wenn man so lange raus ist: Diese vielen kleinen Bewegungen, die man im Kraftraum nicht trainieren kann“, meinte er danach.

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Ein kategorisches Nein vom Trainer

Trotzdem hat es Cristian Fiel kategorisch ausgeschlossen, dass Hartmann bereits für die Partie in Bochum am Sonntag eine Option sein könnte – mit einem Wort: „Nein!“ Nun muss man das nicht auf die Goldwaage legen. Schließlich waren es zu dem Zeitpunkt noch anderthalb Wochen bis zum Spiel, reichlich Zeit, um einen anderen Eindruck zu gewinnen und seine Meinung zu ändern. Fiel will angesichts der Krankenakte aber behutsam mit Hartmann umgehen. Seit der 2013 aus Halle nach Dresden gekommen ist, hat er von 217 möglichen Punktspielen nur 120 bestritten, die Muskelquetschung war seine 17. Verletzung, die ihn mehr als ein Spiel gekostet hat.

Deshalb hatte er keine Lust, darüber zu sprechen, wie er sich fühlt und was ihn in der Reha motiviert. „Nehmt die Zitate vom letzten Mal, die passen alle wieder“, meinte er nur. Doch jetzt, wo er endlich Rasen unter und den Ball vor den Füßen hat, kann er es kaum erwarten, wieder in der Mannschaft zu stehen. „Es macht im Moment gar keinen Sinn, darüber zu spekulieren, ob ich eine Alternative bin oder nicht“, sagte zwar auch er nach dem ersten Test. „Ich möchte erst einmal im Training nachweisen, dass ich der Mannschaft helfen kann. Insofern brauche ich nicht darüber nachzudenken, ob ich in Bochum im Kader stehe oder sogar spiele.“

Andererseits ist gerade ein Platz in der Startelf neu zu besetzen, weil Jannis Nikolaou nach seiner Roten Karte für drei Spiele gesperrt wurde. Hartmann könnte ihn im defensiven Mittelfeld ersetzen. „Wenn er fit ist, kann er in der Dreierkette oder davor spielen“, erklärte Fiel. Zudem würde er mit seinen 1,94 Metern speziell bei Standards mehr Lufthoheit verleihen. „Wenn er voll fit ist, ist er auf jeden Fall eine Verstärkung“, sagte der Chefcoach, „aber ich stelle nicht nach Standards auf.“

Voll fit soll Hartmann also erst einmal werden. Kann er das ohne die Praxis in Ligaspielen? Oder anders gefragt: Kann es sich Dynamo überhaupt leisten, freiwillig länger als unbedingt nötig auf ihn zu verzichten? Wenn man die Statistik der Vorsaison nimmt, eigentlich nicht. Mit ihm holten die Schwarz-Gelben im Durchschnitt 1,64 Punkte pro Spiel, ohne ihn nur 0,94. Und derzeit ist die Quote ähnlich mit fünf Zählern nach fünf Partien.

„Marco ist ein Prototyp für Mentalität“, sagte Ralf Minge über Hartmann. „Mit seinen Leaderqualitäten fehlt er uns extrem.“ An der Einschätzung des Sportgeschäftsführers dürfte sich kaum etwas geändert haben, auch wenn die Mannschaft etwas anders besetzt ist.

Vier Kapitäne, ein Spielführer

Von den Neuzugängen bringt allerdings nur Chris Löwe aufgrund seiner Erfahrungen in der Bundesliga und der englischen Premier League ähnliche Führungseigenschaften mit. Ansonsten setzt auch Fiel darauf, dass andere mehr Verantwortung übernehmen wie Niklas Kreuzer und Jannik Müller. Sie und Patrick Wiegers hat er zu Vize-Kapitänen bestimmt. Hartmann aber bleibt als Spielführer die Nummer eins. Fiel stellte allerdings auch klar, dass er anders denke als Louis van Gaal, also sein Kapitän nicht zwingend auf dem Platz stehen müsse. Das Quartett soll vor allem erkennen, wenn etwas in der Kabine nicht so läuft, wie es laufen soll, und einschreiten, wenn einer ausschert. „Ich finde, dass viel von der Mannschaft gesteuert werden kann“, sagt der 39 Jahre alte Chefcoach, der mit allen vier noch zusammen für Dynamo gespielt hat.

Hartmanns Vertrag läuft zum Ende dieser Saison aus, ans Aufhören denkt er derzeit nicht und auch nicht darüber nach, als Sportdirektor einzusteigen. Es sei einfach zu cool, Fußball zu spielen. Das ist es, was ihn jedes Mal antreibt, weshalb er jeden Rückschlag wegsteckt und sich zurückkämpft. Und warum er, anders als der Trainer, Bochum durchaus als ein Ziel sieht. „Ich will immer gerne spielen“, sagt Hartmann – und räumt ein: „Dann muss man mich vielleicht auch mal bremsen.“ Kurze Pause, ein Lächeln verrät, wie sehr er sich wünscht, dass es anders kommt. „Oder auch nicht. Mal schauen.“