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Hartnäckige Nervensäge

Bautzen. Ruth Schillerist als Vorsitzende desSeniorenverbandes viel unterwegs. Hartnäckig setzt sie sich für ihreSache ein.

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Von Madeleine Siegl-Mickisch

Viel Zeit zum Frühstücken hat Ruth Schiller normalerweise nicht. Kurz nach 6 Uhr fährt ihr Bus, der sie von Wartha an der Olba nach Bautzen bringt. „Da bin ich gegen dreiviertel sieben hier.“ Wenn sie nicht gerade wieder einmal in der großen weiten Welt auf Achse ist, verbringt sie beinahe jeden Tag an ihrem Schreibtisch – obwohl sie das nicht müsste. Schließlich könnte sie schon seit 15 Jahren ihr Rentnerdasein genießen. Aber das ist nicht ihr Ding. Im Gegenteil, sie hat mit 60 nochmal so richtig aufgedreht und 1990 den Unabhängigen Seniorenverband gegründet. „Von wegen die Alten geben den Löffel ab“ – nicht mit Ruth Schiller. „Die Senioren sollen nicht müde werden und immer alles, was für sie wichtig ist, erfahren.“ Egal ob Neues zur Krankenversicherung, Steuern oder Erbrecht – zu jedem Thema werden sachkundige Referenten herangeholt, auch Bundes- oder Landtagsabgeordnete werden gelöchert. Und natürlich kommt die Geselligkeit mit Festen und Tanznachmittagen nicht zu kurz.

Der ist auch Ruth Schiller nicht abgeneigt, wie sie auch ein leckeres Essen und einen guten Tropfen nicht verschmäht. Zu Hause in Wartha – sie wohnt noch immer in ihrem Elternhaus – ist übrigens stets für Vorrat gesorgt. Dort gibt es Schweine, Schafe, Hühner. „Eine Kuh will ich wieder kaufen, dann kann ich die Sahne naschen“, freut sie sich schon. Auch Kartoffeln, Rüben und Gemüse baut sie an – „ohne Chemie“, haut im Sommer mit der Sense das Gras.

Sie ist von klein auf in der Landwirtschaft groß geworden. Folgerichtig hat sie auch ihr Berufsleben in der Landwirtschaft verbracht, begann 1945 zu lernen, war Feldbaubrigadier und hat später im Fernstudium ihren Ingenieur gemacht. Einige Jahre arbeitete sie bei der LPG in Kemnitz im Kreis Löbau, wohin sie immer mit dem Motorrad fuhr. In den 80er Jahren kam sie dann nach Bautzen zum Rat des Kreises in die Abteilung Landwirtschaft. Als sie dort das Rentenalter erreichte, ging’s nahtlos weiter. Sie begann, sich für die Senioren stark zu machen, etablierte den Reichsbund in Bautzen. Und sie hielt nie mit ihrer Meinung bzw. ihren Forderungen hinterm Berg zurück. Auch als PDS-Mitglied im Kreistag, dem sie zwei Legislaturperioden angehörte. Inzwischen ist sie aus der PDS ausgetreten. „Ich hatte meine Stasi-Akte gekriegt, da bin ich raus“, sagt sie nur.

Von ihrer Hartnäckigkeit, mit der sie sich für ihre Sache einsetzt, kann mancher Politiker ein Lied singen. „Ich nerv’ sie, das geb’ ich ja zu.“ Bis hin zu Ministerpräsident Georg Milbradt, der noch Finanzminister war, als Ruth Schiller immer wieder bei ihm vorstellig wurde, weil sie das in der Hand des Freistaates befindliche ehemalige Offizierskasino in der Löhrstraße als Sitz für ihren Verein haben wollte. Der ist nun seit 2000 dort ansässig. Aus den anfangs 32 Mitgliedern sind 1 300 geworden, es gibt 25 Ortsgruppen bis hin nach Niesky und Hoyerswerda und einen Zirkel schreibender Senioren. Außerdem werden 14 Selbsthilfegruppen betreut sowie Englisch- und Computerkurse angeboten.

Um das alles am Leben zu erhalten, scheut Ruth Schiller auch Reisen bis nach Berlin und Brüssel nicht. Wenn’s sein muss, geht sie in den Bundestag oder ins Europaparlament, ergreift, wo immer ihr Widerspruch herausgefordert wird, auch als Sorbin das Wort, „frei von der Leber weg, ich brauch’ da nichts Geschriebenes“.

Seit 15 Jahren steht sie an der Spitze des Seniorenverbandes, und daran wird sich wohl so schnell nichts ändern. „Es traut sich keiner“, sagt die 75-Jährige. Und: „Da muss ich eben noch zehn Jahre bleiben.“ So lange sie gesund sei, wolle sie weitermachen. Noch gehe sie zu keinem Arzt. Stattdessen frönt sie so wie früher im Kaukasus oder im Ural manch einer Bergtour. Nur eben jetzt in den Alpen. Selbst ein Dreitausender mache ihr nichts aus. Und Angst, dass ihr etwas passiert, wenn sie allein unterwegs ist, hat sie nicht.