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Chemnitz

Was der Verfassungsschutz über Hooligans weiß 

Hat der Fußball in Sachsen ein Nazi-Problem? Nach den Vorkommnissen beim Chemnitzer FC äußert sich nun der Chef des Verfassungsschutzes in Sachsen.

Am vergangenen Wochenende hatte eine Gedenkveranstaltung für den an Krebs gestorbenen Neonazi Thomas H. am Rande eines Regionalliga-Heimspiels des Chemnitzer FC bundesweit Empörung ausgelöst.
Am vergangenen Wochenende hatte eine Gedenkveranstaltung für den an Krebs gestorbenen Neonazi Thomas H. am Rande eines Regionalliga-Heimspiels des Chemnitzer FC bundesweit Empörung ausgelöst. © imago/HärtelPRESS (Archiv)

Was an der Ehrung eines Rechtsextremisten bemerkenswert ist: Es wirkt nicht so, als ob da nur ein kleiner harter Kern aus dem Fanblock agiert. Wie anschlussfähig ist diese Szene, Herr Meyer-Plath.

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Hooligans sind Teil der Fußballanhängerschaft bei bestimmten Vereinen. Dadurch können sie leicht und vielfältig mit den sonstigen nichtextremistischen Fans in Kontakt treten und dort für ihre Ansichten werben. Sie sind in Fangruppen, -chats, -foren und auch –kneipen präsent und dort auch Teil der Gesamtszene. Dies gibt rechtsextremistischen Fußballanhängern vielfältige Einflussmöglichkeiten.

Wie viele Rechtsextremisten rechnet das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz der Fußballszene zu? Welche Vereine sind davon betroffen?

Aktuell wird eine niedrige dreistellige Zahl der Fußballanhängerszene dem Bereich Rechtsextremismus zugerechnet. Schwerpunkte sind die Großstädte. Dort bestehen mit „Faust des Osten“ (Dresden), den „New Society-Boys“ (NS-Boys) (Chemnitz) sowie der Gruppe „Kaotic“ (Chemnitz) auch die größten und aktivsten Strukturen. Darüber hinaus sind die „Black Devils“ aus Hoyerswerda bekannt. Daneben werden aus der gesamten Fläche immer wieder einzelne Vorkommnisse bekannt, die auf die Präsenz rechtsextremistischer Fußballanhänger hindeuten, ohne dass dies festen Strukturen zugerechnet werden könnte.

Wie stark sind diese Gruppierungen vernetzt und mit wem? Gibt es Kontakte zwischen Chemnitzer Fans und rechtsextremistischen Fans aus Cottbus, die dort ihre Dominanz in einer Kurve ausüben sollen?

Aufgrund ihrer Einbindung in die nichtextremistische Fußballanhängerschaft und in die rechtsextremistische Szene verfügen rechtsextremistische Fußballanhänger über zahlreiche Kontakte. Außerdem zählen sie zu den aktivsten und gewaltbereitesten und damit auch zu den angesehensten Gruppen in der rechtsextremistischen Szene. Überschneidungen gibt es insbesondere zu neonationalsozialistischen Gruppierungen und zum überregionalen Netzwerk muslimen- und fremdenfeindlicher Rechtsextremisten. Dadurch fügt sich das Mobilisierungs- und Aggressionspotenzial rechtsextremistischer Fußballanhänger in zahlreiche Aktivitäten der rechtsextremistischen Szene ein. Darüber hinaus sind Fußballanhänger an sich schon bundesweit eng vernetzt, insbesondere durch reguläre Fanfreundschaften. Auch diese Netzwerke können rechtsextremistische Fußballanhänger im Zweifel für ihre Aktivitäten nutzen.

Gordian Meyer-Plath ist der Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz in Sachsen.
Gordian Meyer-Plath ist der Präsident des Landesamtes für Verfassungsschutz in Sachsen. © Hendrik Schmidt/dpa (Archiv)

Ist das, was in Chemnitz im Stadion passiert ist, etwas Überraschendes oder war so eine Bekundung erwartbar an anderer Stelle und in anderem Zusammenhang?

Eine solche Bekundung war zu erwarten. Auch die weiteren Bekundungen in Städten zu denen über die Fanszenen enge Verbindungen nach Chemnitz bestehen, wie etwa Cottbus, waren nicht überraschend. Überrascht hat vielmehr wie es der Szene gelungen ist, in ihre Bekundungen auch den Verein und die übrigen Fans hineinzuziehen.

Der Verfassungsschutz ist ja auch eine Art Demokratiedienstleister. Was raten Sie Verein und Stadt?

Zuallererst sollte innerhalb eines betroffenen Vereins eine klare, alle verpflichtende Positionierung gegen rechtsextremistische Bestrebungen erwirkt werden. Solange es in dieser Hinsicht Unklarheiten gibt, wird es immer schwierig sein, eine einheitliche Linie und funktionierende Abgrenzung zu bewirken.

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Der Verfassungsschutz unterstützt mit seinen Lagebildern und seinen Informationen schon jetzt regelmäßig Vereine und Fußballverbände. Betroffenen Vereinen kann daher vor allem geraten werden, sich an ihre zuständigen Verbände und die für sie zuständigen Polizei- und Verfassungsschutzbehörden zu wenden. Außerdem gibt es zahlreiche Landes- und Bundesprogramme (Weltoffenes Sachsen, Partnerschaft für Demokratie, etc.) sowie Landeseinrichtungen (Landespräventionsrat, Demokratiezentrum), an die sich betroffene Vereine zwecks Beratung und (auch finanzieller) Unterstützung wenden können. Jeder betroffene Verein sollte diese Möglichkeiten nutzen und sich Verbündete suchen, denn die rechtsextremistische Szene agiert ebenfalls hochgradig vernetzt.

Interview: Thilo Alexe