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Hat der Lehrling in die Kasse gegriffen?

In einer Waldheimer Spedition fehlen plötzlich 1.200 Euro. Der Azubi lügt bei Gesprächen. Vor Gericht schweigt er.

Ein Azubi soll in einer Waldheimerc Spedition 1.200 Euro gestohlen haben.
Ein Azubi soll in einer Waldheimerc Spedition 1.200 Euro gestohlen haben. © dpa/Robert Michael

Waldheim. Er soll zwölf 100-Euro-Scheine aus einer unverschlossenen Stahlkassette im Büro einer Waldheimer Spedition gestohlen haben. Deshalb erhielt der 21-Jährige einen Strafbefehl. Gegen den ging er in Einspruch. Die Angelegenheit landete vor Gericht. Dort weist er den Tatvorwurf zurück. Mehr sagt der junge Geringswalder nicht.

Es ist bereits ein Jahr her und es war Urlaubszeit. An einem Mittwoch übergibt eine Mitarbeiterin der Buchhaltung der anderen eine Stahlkassette. Der Inhalt wird nachgezählt. Es sind 2.292 Euro. So handhaben das die beiden seit 1992, wenn die eine die andere vertritt, erklärt die zweite Mitarbeiterin als Zeugin.

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Azubi im falschen Büro

Einen Tag später, kurz nach Arbeitsbeginn, möchte der Beschuldigte 20 Euro wechseln. Dafür öffnet die Mitarbeiterin die Kassette und hebt auch das Hartgeldfach heraus, um den 20-Euroschein den Geldscheinen zuzuordnen. Die hat sie, dem Wert entsprechend, mit Büroklammern zusammengeheftet. Einige Stunden später zahlt die Frau einem anderen Mitarbeiter rund 13 Euro für Getränke aus. Das sei das letzte Mal gewesen, dass sie den Inhalt der Kassette gesehen habe. Und die 49-Jährige ist überzeugt: Die 100-Euro-Scheine waren noch da.

Am Freitag, einem heißen Tag, hätten alle Bürotüren auf dem Flur offen gestanden. Am Nachmittag sei außer ihr und dem Azubi im Nachbarzimmer niemand mehr anwesend gewesen. Sie habe aufgeräumt und den Müll nach unten gebracht. Als sie in ihr Büro zurückkehrte, habe dort der Azubi gestanden. Er wolle sich nur verabschieden, habe er auf die Frage geantwortet, was er dort wolle. „Eigentlich hätte er noch eine Stunde arbeiten müssen, ist aber dann gegangen“, sagt die Zeugin.

Kassette war unverschlossen

Ihr größter Fehler sei es gewesen, dass die Kassette mit dem Geld zwar im Schrank stand, aber an beiden die Schlüssel steckten. Sonst würden beide an verschiedenen Plätzen im Büro verwahrt. Diese seien nur drei Personen bekannt. Dem Azubi nicht.

Erst nach dem Wochenende habe die Frau bemerkt, dass die 1.200 Euro fehlten. Darüber habe sie sofort den Geschäftsführer informiert. Der wird ebenfalls als Zeuge gehört. In Gesprächen hätten sie dann die Vorgänge rekapituliert und den Kreis der Verdächtigen eingegrenzt. „Für die Damen in der Buchhaltung lege ich die Hand ins Feuer. Sie sind seit Jahrzehnten im Unternehmen. Es ist noch nie etwas passiert“, so der Geschäftsführer. Übrig blieb der Azubi.

Er habe die Tat abgestritten. „Als wir ihm gesagt haben, dass wir die Polizei holen und die Kassette auf Fingerabdrücke untersuchen lassen, räumte er ein, dass von ihm welche vorhanden sein könnten. Eine der Mitarbeiterinnen habe ihm gesagt, er solle sich selbst Geld herausnehmen.“ Doch das bezweifelt der Firmenchef. Nicht einmal er habe sich dort selbst Geld herausnehmen dürfen. Inzwischen habe er die Kassette an sich genommen und verwahrt sie nun in seinem Panzerschrank.

Vertrauen verspielt

Das Vertrauen zu dem Azubi sei bereits vor dem Vorfall angeknackst gewesen. Er sei nicht regelmäßig in die Berufsschule gegangen und habe dort geschlafen. Das habe sich auch in seinen Noten widergespiegelt. In der Firma habe er die Pausenzeiten nicht eingehalten.

Auf den Tattag angesprochen, habe er behauptet, um 15.30 Uhr gegangen zu sein. „Durch die Kameras auf unserem Gelände ist nachweisbar, dass er die Firma bereits um 14.40 Uhr verlassen hat“, so der Chef. Anschließend sei er nur noch an einem Tag auf Arbeit gewesen, und dieser trotz mehrfacher Aufforderung und ohne Krankenschein ferngeblieben. Am 23. Oktober habe er die Kündigung erhalten. Gegenüber der Jugendgerichtshilfe hatte der Azubi angegeben, dass er selbst gekündigt habe, weil er in der Firma nur noch Spießruten gelaufen sei.

Staatsanwalt anderer Meinung als Richterin

Der Staatsanwalt sieht den Tatbestand des Diebstahls als erwiesen an. „Es kommt niemand anderes infrage“, sagt er und fordert eine Geldstrafe in Höhe von 500 Euro. Richterin Marion Zöllner sieht das allerdings anders und spricht den Beschuldigten frei. „Es bleiben zu viele Zweifel“, sagt sie und gibt dem Azubi mit auf den Weg, dass er mit fast 22 endlich „in die Gänge kommen“ müsse und sich nicht immer auf andere verlassen könne. Er hat bereits zwei Ausbildungen abgebrochen, einen Job verloren, nach dem Probearbeiten noch keine Zusage für einen weiteren Job und wird sowohl von seinen Eltern als auch vom Großvater finanziell unterstützt.

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