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Hat die Städtebahn ausgedient?

Die Ottendorfer Firmen bewerten die Verkehrsanbindung mit mangelhaft. 1 800 Pendler warten auf die Tram.

Von Marleen Hollenbach

Der Zug kommt. Langsam rollt die Städtebahn heran. Die gelben Türen öffnen sich. Ein paar Ottendorfer steigen ein. Dann setzt sich die Bahn wieder in Bewegung. Das Ziel: Dresden. Ein- bis zweimal in der Stunde fährt der Zug von Ottendorf-Okrilla in die Landeshauptstadt und wieder zurück. Eine halbe Stunde dauert die Fahrt. Für viele Ottendorfer ist das ausreichend, für die Berufspendler aber nicht.

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Die Zahlen sprechen für sich. In den Firmen der Großgemeinde Ottendorf-Okrilla gibt es rund 6 000 Angestellte, aber nur rund 4 200 Einwohner im arbeitsfähigen Alter. Was das bedeutet, merkt der Ottendorfer täglich. Zahlreiche Autos rollen durch den Ort. Schätzungen zufolge sind rund 3 000 Pendler an einem Tag in Richtung Großgemeinde unterwegs, um hier ihrer Arbeit nachzugehen. Dass sie statt der Bahn lieber das Auto nehmen, hat einen Grund: Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist mangelhaft. Vor allem Schichtarbeiter aus Dresden haben keine Chance, mit Bahn oder Bus auf Arbeit und wieder nach Hause zu gelangen. Dieses Problem ist nicht neu. Und doch hat es für die hiesigen Firmen eine hohe Relevanz. Das weiß auch Frank Bösemüller, Vorsitzender des Ottendorfer Gewerbevereins. „Für die Unternehmen ist die Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel mittlerweile ein existenzielles Thema“, sagt er. Die Suche nach geeigneten Arbeitskräften wird immer schwieriger. Besonders prekär ist die Situation beim Nachwuchs. Wer Auszubildende oder junge Facharbeiter gewinnen will, der muss sich etwas einfallen lassen. Eine gute Verkehrsanbindung kann dabei ausschlaggebend sein.

Schon seit einer ganzen Weile setzen sich die Mitglieder des Ottendorfer Gewerbevereins deshalb für eine Verbesserung dieser Situation ein. Sie sprachen mit der Gemeinde, Vertretern des Verkehrsverbundes Oberelbe (VVO) und mit den Dresdner Verkehrsbetrieben (DVB). „Aber all diese Diskussionen nützen nichts, wenn konkrete Fakten fehlen“, so Bösemüller. Deshalb hat der Gewerbeverein eine Umfrage ins Leben gerufen. 105 Firmen bekamen kürzlich einen Fragebogen zugesandt. Dann hieß es warten. „Ich habe einige Firmen angerufen, bin sogar vorbeigefahren, damit wir auch wirklich ein repräsentatives Ergebnis bekommen“, sagt Frank Bösemüller. Schließlich antworteten 90 Prozent der befragten Unternehmen. Das Ergebnis ist eindeutig. Die Unternehmen sind mit der aktuellen Situation unzufrieden, wünschen sich schnelle Veränderungen.

Lediglich 617 der 6 000 Angestellten nutzen derzeit die öffentlichen Verkehrsmittel, um auf Arbeit zu gelangen. Dagegen gaben fast 1 800 Personen an, dass sie bei besseren Taktzeiten gern ihr Auto stehen lassen würden. „Diese Zahlen zeigen uns doch, dass das Potenzial da ist“, so Bösemüller. Potenzial für eine Straßenbahn- anbindung. Die Pläne dazu liegen schon in der Schublade. Die Linie 7 könnte einmal statt der Städtebahn bis Ottendorf-Okrilla rollen. Ein kompletter Tag- und Nachtbetrieb wäre somit denkbar. Eine Investition, die der Umfrage zufolge auch Zukunft hätte. Viele Unternehmen gaben an, schon bald Neuanstellungen vorzunehmen. Insgesamt rechnet man in den kommenden Jahren mit 900 weiteren Arbeitsplätzen, also einem Wachstum von rund 15 Prozent. Derzeit rollen auf dem Schienenstrang in Richtung Königsbrück noch die Züge der Städtebahn Sachsen. Das Unternehmen hatte mit dem VVO einen noch bis 2024 laufenden Vertrag für die Strecke abgeschlossen. Dass diese Abmachung aber nicht in Stein gemeißelt ist, erklärte Holger Dehnert vom Verkehrsverbund im Dezember. „Es gibt immer Möglichkeiten, über Klauseln oder Verhandlungen derartige Verträge aufzukündigen“, sagte der VVO-Vertreter. Gleichzeitig startete der Verkehrsverbund Oberelbe auch einen Variantenvergleich. Fachleute untersuchen gerade, welche Vor- und Nachteile die Straßen bahn für Ottendorf bringen könnte.

Diesen Prozess möchte der Ottendorfer Gewerbeverein jetzt unterstützen. Das Resultat der Umfrage wird Frank Bösemüller der Gemeinde Ottendorf, der Stadt Dresden, dem Landkreis und dem VVO vorlegen. „Eine politische Entscheidung muss her. Dann kann man in Ruhe über die Finanzierung sprechen“, sagt der Chef des Gewerbevereins. 2020 möchte er die Straßenbahn durch Ottendorf rollen sehen.