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Feuilleton

Hat Handwerk noch goldenen Boden, Frau Jämlich?

Die Chefin einer Malerfirma in Gornau sagt, selbstständig zu sein heißt, selbst und ständig zu arbeiten.

Sylvia Jämlich, 54, leitet seit 26 Jahren ihre eigene Firma. Die Mutter von vier Kindern übernahm den Malerbetrieb im erzgebirgischen Gornau von ihrem Schwiegervater.
Sylvia Jämlich, 54, leitet seit 26 Jahren ihre eigene Firma. Die Mutter von vier Kindern übernahm den Malerbetrieb im erzgebirgischen Gornau von ihrem Schwiegervater. © Ronald Bonß

Momentan können meine Kollegen wegen der verschärften Hygiene-Bedingungen nicht mehr in Krankenhäusern arbeiten. Von einem Tag auf den anderen standen fünf meiner Leute ohne Arbeit da. Ich musste umdisponieren. Zum Glück hatten wir neue Aufträge. Nun hoffe ich auf schönes Wetter, dass wir rauskönnen an die Fassade. Dann sind wir von Corona unabhängiger.

In den 90er-Jahren hatte Handwerk noch goldenen Boden, als der Investitionsstau aus DDR-Zeiten abgebaut wurde. Handwerker wurden ausgebildet und eingestellt ohne Ende. So um 2000 herum gab es jedoch einen wirtschaftlichen Schlag. Die Arbeit wurde knapp und die Folge war ein Preisverfall, Jahr für Jahr ging das weiter runter. Und die Ausschreibungspraxis läuft bis heute so, dass immer der Billigste den Auftrag kriegte. Mit Sicherheit fand sich immer einer, der noch billiger war als der Billigste. Bekam er den Auftrag, wurde der Preis über Nachträge und Bauzeitüberschreitungen in die Höhe getrieben. Ich bin ein Verfechter vom Schweizer Modell: Bei Ausschreibungen fallen das billigste und das teuerste Angebot sofort raus. Aus den restlichen Angeboten wird ein Durchschnittspreis gebildet. Wer am nächsten dran ist, kriegt den Auftrag. Damit sind alle Firmen gezwungen, seriös zu kalkulieren. Warum wird das in Deutschland nicht gemacht? Weil mancher Auftraggeber oder manche Firma dann nicht mehr manipulieren kann?

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Gemeinsam allem gewachsen

Die Sparkassen-Versicherung Sachsen ist auch in dieser außergewöhnlichen Situation für ihre Kunden da.

Die sächsische Vergabeordnung schreibt vor, dass der Wirtschaftlichste den Auftrag kriegt. Wirtschaftlich bedeutet, dass ich mich verpflichte, Tariflohn zu bezahlen, dass ich die Materialien verbaue, die vorgeschrieben und die ausgeschrieben sind. Der Billigste, der 30 bis 40 Prozent unter allen anderen liegt, kann das nicht, der muss mit gezinkten Karten spielen. Viele Handwerker machen bei öffentlichen Ausschreibungen schon gar nicht mehr mit, weil sie ihre Zeit nicht verplempern wollen. Es wäre besser, man macht beschränkte Ausschreibungen oder freihändige Vergaben und prüft: Welche Referenzen sind da? Stimmt die Qualität? Ist die Firma zuverlässig? Bezahlt sie ihre Mitarbeiter wirklich nach Tarif? Diese Mühe müsste sich die öffentliche Hand machen, aber offenbar fehlen Leute, die es kontrollieren.

"Ich bin dafür, den Werkunterricht wieder einzuführen."

Aber wenn das letzte Licht ausgeht, wenn das Klo verstopft ist oder Putz und Farbe von der Wand bröckeln, dann geht ein Schrei durch das Land, wo denn die Handwerker sind. Warum kommen sie nicht mehr auf die Baustelle oder zum Kunden? Na, warum wohl? Weil sie lange Zeit stiefmütterlich behandelt wurden und sich andere Jobs suchen mussten.

Ich leite seit 26 Jahren meine Firma. Studiert habe ich Berufsschullehrer für Textiltechnik. Als die Textilindustrie nach der Wende zusammenbrach, hat mein Schwiegervater, dem die Malerfirma gehörte und der damals kurz vor der Rente war, mich und meinen Mann gefragt, ob wir die Firma übernehmen wollen. Ich bin gern mein eigener Herr, also habe ich Lehrgänge besucht und mich fachlich eingearbeitet, auch direkt auf der Baustelle. Denn ich kann nur zuverlässig kalkulieren, was ich selbst schon mal gemacht habe. Das macht mir Spaß und so bin ich reingewachsen in die Geschichte. Den Betrieb habe ich von zwei Mitarbeitern auf derzeit 18 gebracht, alles Profis in ihrem Fach. Meine Kollegen sind mein wertvollstes Kapital. Ich bezahle sie über Tarif, weil sie eine sehr gute Arbeit leisten.

Wenn ein Kollege ein Problem hat, kann er zu mir kommen. Ich bin die Chefin, also muss ich mir ‚ne Blüte machen. Erst kürzlich saßen wir zusammen und haben besprochen, wie wir nun die Kinderbetreuung regeln, wer wann zu Hause bleibt, wenn Kitas und Schulen geschlossen sind. Die Familien kennen sich, manche Kollegen sind ja schon 15, 20, 25 Jahre bei mir. Und es bringt nichts, wenn ich sage: Du musst, egal wie!

Aber wir sollten uns dringend einen Kopf machen, wie wir junge Leute rankriegen. Alle Eltern wollen, dass ihr Kind aufs Gymnasium geht und studiert. Die Kinder haben ja gar keine Gelegenheit, sich auszuprobieren. Ich bin 54. Als ich in die Schule ging, gab es Werkunterricht, für die größeren Klassen den Unterrichtstag in der Produktion. Da haben wir gelernt: Wie wird gefeilt, gehobelt, gesägt, geschraubt und gedreht. Es ist wichtig, dass man die Kinder an die praktischen Dinge heranführt und ihnen den Wert von Arbeit verdeutlicht. Nicht nur Büro ist Arbeit! Ich bin dafür, den Werkunterricht wieder einzuführen. Außerdem müsste die Handwerkskammer in die Schulen gehen und mehr fürs Handwerk werben. Das Handwerk muss in diesem Land generell wieder mehr geachtet werden, damit es für die Jugend attraktiv wird. Man muss ihnen klarmachen, dass sie im Handwerk eine Perspektive haben, sich auch weiterbilden und weiterentwickeln können. Meinen Lehrlingen sage ich auch: Wenn ihr die Baustelle verlasst, dann können die Leute einziehen. Dann kann die Krankenhausstation in Betrieb gehen. Dann kann die Ausstellung im Museum eröffnet werden. Der Handwerker sieht am Ende des Tages, was er geschafft hat, das ist doch prima!

"Da kriege ich einen Hals, wenn ich die Baumarktwerbung sehe!"

Sechzehn Lehrlinge habe ich bisher ausgebildet, von denen manche heute noch in der Firma arbeiten. Einen Lehrling auszubilden kostet mich ca. 37.000 Euro mit Lohn, Prüfungsgebühren, mit allem Drum und Dran. So einem jungen Kerl muss ich einen Facharbeiter an die Seite geben, der ihn anlernt. Damit ist der Facharbeiter auch nicht mehr so schnell in seiner Arbeit. Ich habe selbst vier Kinder großgezogen und inzwischen sind auch zwei Enkel da. Ausbildung ist für mich eine Herzensangelegenheit. Das macht Mühe, und du hast keine Garantie, dass ein Lehrling nach der Ausbildung in der Firma bleibt. Aber wofür gibt es Garantien im Leben?! Wenn sie woanders ihr Ding machen, ist es auch gut, einer meiner Lehrlinge ist heute sogar Architekt in Dresden.

Unsere Firma macht Trockenbau, Malerarbeiten und Bodenbelag in Museen, Kitas, Schulen, Krankenhäusern. Bei privaten Kunden renovieren wir auch die Wohnung oder erneuern die Fassade. Es muss eine gesunde Mischung sein. Wenn es in einem Bereich weniger Aufträge gibt, kannst du mit dem andern Bereich puffern. Als nach 2000 die öffentlichen Aufträge wegbrachen, hat uns die Privatkundschaft eine erhebliche Zeit über Wasser gehalten. Dafür war ich sehr dankbar. Wir arbeiten regelmäßig im Dresdner Schloss und im Albertinum, machen dort in den Schließwochen die Renovierungsarbeiten. Auch Restaurierungen in Kirchen und Vergoldungen sind schöne Aufträge. Wer künstlerisch angehaucht ist, geht da gerne hin. Wir sind ja in gewisser Weise auch Künstler. Die Kollegen wissen, was sie zu tun haben und dass wir nur mit einer sehr guten Arbeit immer wieder solche Aufträge bekommen. Qualität hat ihren Preis. Billig und gut? Können wir nicht, das gibt es nicht mal mehr bei Aldi. Die gelernten DDR-Bürger konnten ja alle selber renovieren. Jetzt wird lieber ein Handwerker beauftragt. 

Es gibt aber auch Leute, die denken, sie werden zu Profis, wenn sie nur einen Baumarkt betreten. Da kriege ich einen Hals, wenn ich die Baumarktwerbung sehe! Mit Yabbadabbadu wird doch kein Haus fertig! Qualität spricht sich rum, nicht bloß bei uns im Dorf. Einen guten Ruf muss man sich hart erarbeiten. Aber du brauchst zehn gute Taten, um einen Fehler wettzumachen. Wenn bei irgendeinem Handwerker was schiefgegangen ist, dann wird in gewissen Medien ein Exempel statuiert und alle Handwerker werden pauschal als Ganoven hingestellt. Es gibt in jeder Branche schwarze Schafe, das ärgert uns, weil die den Ruf des Handwerks kaputt machen. Der große Teil der Handwerker macht jedoch eine sehr gute Arbeit, denn das ist unser Anspruch. Wir haben nur selten Gewährleistungsfälle. Aber wenn was schiefgegangen ist, dann miste ich keinen zusammen. Ich mache auch Fehler und kann es nicht leiden, wenn ich dafür unangespitzt in den Boden gerammt werde. Ich kläre mit meinen Kollegen die Dinge auf Augenhöhe und mit Respekt, wir arbeiten schließlich zusammen und haben ein gemeinsames Ziel, eine Baustelle zur Zufriedenheit unserer Kunden zu realisieren.

"Frau zu sein in dieser Männerdomäne ist super!"

Partnerschaften gehen bisweilen in die Brüche, weil Menschen sich unterschiedlich entwickeln, so auch bei mir. Es war eine schwere Zeit, wo meine Kollegen zu mir standen und die Firma lief, auch wenn die Chefin gelegentlich neben der Spur war. Mein Kollege Daniel Görner ist meine rechte Hand in der Firma. Ihn habe ich ausgebildet, heute ist er Restaurator im Handwerk und mein Stellvertreter. Ich kann mich hundertprozentig auf ihn verlassen. Er ist fachlich topfit, hat eine angenehme Art und mich sehr gut vertreten, als ich krank war. Wenn es dich ausknockt, brauchst du einen Kollegen, der dich ersetzt. Sonst kommt der Tag X, an dem die Firma auf dem Spiel steht. Wir sind ja eigentlich nie fertig. Ich lebe immer in drei Zeitformen: In der Vergangenheit, wenn ich die Baustellen abrechne. Gleichzeitig kümmere ich mich um das aktuelle Geschäft und hole neue Aufträge ran, plane, was wir in einem Vierteljahr machen. Selbstständiger zu sein bedeutet, selbst und ständig zu arbeiten und das mit vollem privatem Risiko. Wenn Fehler passieren, dann muss ich dafür alleine geradestehen.

Frau zu sein in dieser Männerdomäne ist super! Ich genieße das. Meine Männer sind mir noch nie blöd gekommen, und ich werde bei keinem Witz mehr rot, dafür bin ich zu lange auf dem Bau. Auch bei Bauberatungen bin ich oft die einzige Frau. Manchmal muss ich sagen: Männer, wir sind hier nicht im Sandkasten und hauen uns gegenseitig die Butternäseln platt! Jetzt macht euch mal auf den Weg, dass wir eine Lösung finden. Erst gucken sie erschrocken und holen tief Luft, aber dann läuft’s. Männer können sich durchaus sehr verhaken, Frauen auf dem Bau sind kompromissbereiter.

Viele Chefs haben das Problem, dass ihre Kinder die Firma nicht weiterführen wollen. Der Nachwuchs hat vor Augen, wie Mutter und Vater geackert haben, und sagen sich: Warum soll ich mir das antun? Warum soll ich mein Vermögen und meine Rente aufs Spiel setzen? Ein Beamter ist bis ans Lebensende abgesichert, bekommt seine Pension, obwohl er nichts in die Rentenkasse einzahlt. Hat der Staat Angst, dass ihm die Beamten weglaufen? Wo denn hin? Ins Handwerk?

Ja, Handwerksleistungen werden immer teurer. Die Mehrwertsteuer gehört nicht uns, und 80 Prozent macht der Lohnanteil aus. In Handwerksleistungen stecken viel zu viele Steuern. Der Handwerker hat Anspruch auf einen ordentlichen Lohn! Wer hart arbeitet, muss am Ende des Tages mehr Geld in den Taschen haben als ein Empfänger von Sozialleistungen. Hartz IV ist übrigens kein Beruf, und soziale Hängematte darf nicht belohnt werden.

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Sorgen mache ich mir, dass die Wirtschaft zusammenbricht, wenn die Corona-Krise zu lange dauert. Ich habe keine Angst, dass das Klopapier nicht reicht. Ich fürchte, dass es kleine Firmen nicht schaffen. Die Kredite, die der Staat nun ausgeben will, müssen alle zurückgezahlt werden. Wie sollen der Gastwirt oder die Reisebürobesitzerin oder der Busunternehmer das erwirtschaften? Natürlich wird die Politik wieder alles tun, um die großen Konzerne zu retten. Wenn ein Autohersteller tausend Arbeitsplätze abbaut, schreien alle auf. Beim kleinen Handwerker sind es ja nur drei Arbeitsplätze oder fünf, das fällt leider gar nicht ins Gewicht. Da stellt sich mir wieder die Frage, was ist uns das Handwerk wert, die kleinen Firmen und die Selbstständigen?

Notiert von Birgit Grimm.

In der Reihe „Ich & Wir“ erzählen Menschen aus Sachsen, wie sie die Brüche in der Gesellschaft erleben.