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Riesa

Hat Riesa ein Drogenproblem?

Der OB spricht das Thema im Stadtrat an. Riesas Revierleiter nimmt auch die Eltern in die Pflicht.

Riesas OB  Marco Müller: „Ich habe persönlich den Eindruck, dass sich in unserer Gesellschaft generell die Einstellung zu Drogen verändert und deren Konsum sowie die damit in Zusammenhang stehende Kriminalität zunimmt.“
Riesas OB Marco Müller: „Ich habe persönlich den Eindruck, dass sich in unserer Gesellschaft generell die Einstellung zu Drogen verändert und deren Konsum sowie die damit in Zusammenhang stehende Kriminalität zunimmt.“ ©  dpa / Symbolbild

Riesa. Diese Aussage ließ aufhorchen im Riesaer Stadtrat. Er habe schon auch den Eindruck, dass es in Riesa ein Problem mit Drogen gebe, sagte Oberbürgermeister Marco Müller in der letzten Sitzung vor der Sommerpause. Kurz zuvor hatte NPD-Stadtrat Jürgen Gansel auf eine Geschichte hingewiesen, die ihm zugetragen worden sei: Bei einer Schnitzeljagd seien den beteiligten Eltern im Stadtpark Drogen angeboten worden.

 Beweise für den Vorfall gibt es nicht, der Polizei liegen dazu jedenfalls keine Informationen vor. Auch dem Oberbürgermeister war davon nichts bekannt. Und doch stellte er fest, dass Drogen ein Problem seien, das man angehen müsse.

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Im Gespräch mit der SZ präzisiert Müller die Aussage. „Ich habe persönlich den Eindruck, dass sich in unserer Gesellschaft generell die Einstellung zu Drogen verändert und deren Konsum sowie die damit in Zusammenhang stehende Kriminalität zunimmt.“ Das bedeute natürlich nicht, dass die Situation in Riesa mit der in den Großstädten zu vergleichen sei, betont Müller, „auch dank der professionellen Arbeit unserer Polizei“.

Riesa sei aber „leider keine Insel der Glückseligkeit“, das hätten viele Gespräche mit Eltern, Lehrern und Schülern ihm vor Augen geführt, aber eben auch mit Mitarbeitern von Kinderschutzbund, mit Ärzten und Familienhelfern.

Belastbare Zahlen dazu gibt es nicht. „Rauschgiftkriminalität ist Holkriminalität, da spielt der Zufall eine große Rolle“, sagt Riesas Revierleiter Hermann Braunger. Konsumenten werden meistens im Zusammenhang mit Fahrzeugkontrollen erwischt, oder eben wenn sie beispielsweise nach einem Diebstahl gefasst werden. Von Dritten würden sie kaum angezeigt, es existiert ein gewisses Dunkelfeld – und das sorgt für Spekulationen.

Entsprechend wenig aussagekräftig ist der Blick auf die Zahl der registrierten Rauschgiftdelikte in Riesa. Zwar deute sich für 2019 ein Anstieg bei den Betäubungsmittelverstößen an – bis Mitte Mai waren es ungefähr 100. Aber zum einen sind Schwankungen in der Polizeistatistik nichts Ungewöhnliches – zwischen 2007 und 2017 variieren die Fallzahlen in diesem Vergleichszeitraum zwischen 54 und 127. 

Zum anderen sind manche Konsumenten gleich mehrfach aufgefallen. Unterm Strich bleiben also deutlich weniger als 100 Personen, bei denen der Rauschgiftkonsum nachgewiesen wurde. 

Fast die Hälfte der Fälle betrifft demnach Cannabis, dahinter folgt Crystal. Die Zahlen haben allerdings noch einen Haken: Die JVA Zeithain ist darin mit erfasst. „Die haben ganz andere Möglichkeiten der Kontrolle“, sagt Braunger.

In Bezug auf illegale Drogen kritisiert Braunger auch das Halbwissen, das kursiert. Etwa, dass man angeblich auf dem Puschkinplatz alles bekomme. Dabei sei der Drogenverkauf in der Wohnung viel sicherer für den Dealer, weil das Risiko überschaubar sei.

Die These, dass Rauschgift auch bei Jugendlichen eine größere Rolle spiele, sieht der Revierleiter zwar skeptisch. Er sagt aber auch, dass der Polizei hier die Zugriffsmöglichkeiten fehlen. „Auf dem Schulhof fällt jeder Fremde sofort auf.“ Da sei eine polizeiliche Überwachung im Grunde zwecklos. Auch für Ranzenkontrollen fehlten die rechtlichen Grundlagen.

 An dieser Stelle sieht auch der Oberbürgermeister Nachholbedarf seitens der Politik. „Oft scheitern gezielte Aktionen an rechtlichen Einschränkungen. Hier müssen wir unsere Polizei unterstützen und ihr insbesondere entsprechende Befugnisse einräumen.“ 

Auch von der Justiz fordert der OB, den Strafrahmen konsequenter auszuschöpfen. „Falsches Verständnis für Täter lässt nicht nur Opfer verzweifeln, sondern führt auch zu erheblichem Vertrauensverlust bei den Bürgern und unseren Polizisten in den Rechtsstaat.“

Einig sind sich Revierleiter und Oberbürgermeister darin, dass Prävention und Aufklärung der Jugendlichen eine wichtige Rolle spielen müssen. Veranstaltungen, bei denen etwa wie zuletzt im Stern Häftlinge von ihrer Lebensgeschichte erzählen, spielen da eine wichtige Rolle. Hermann Braunger bemängelt aber auch eine gewisse Unwissenheit unter Erwachsenen, die bis hin zum Desinteresse zu reichen scheint. Er verweist auf einen Info-Abend zum Thema Drogen, der ziemlich schlecht besucht gewesen sei. 

„Wenn das Thema so brennend wäre, wären auch mehr Eltern interessiert“, vermutet der Revierleiter. Ähnliches gelte möglicherweise auch für die Schulen. Offenbar sei Rauschgift dort ein Tabuthema. Braunger erzählt, ohne Namen zu nennen, von einem früheren Schulleiter. „Der hat stets behauptet, an seiner Schule gebe es keine Kiffer.“ Dabei seien auch der Polizei schon einige aufgefallen. 

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Ein Kommentar von Stefan Lehmann über das vermeintliche Drogenproblem in Riesa.

Wer immer nur auf die Polizei verweise, der mache sich die Sache deshalb schlicht zu einfach. Wer ein Drogenproblem – sei es echt oder nur eingebildet – in den Griff bekommen wolle, der müsse deshalb zuallererst präventiv arbeiten. „Polizei und Gerichte sind doch nur die Vorletzten in der Kette – vor der JVA.“